Der Kirschbaum
von Barbara Strauss (copyright)
Inmitten von Feldern und Hügeln lebte ein Mann weitab von allen Menschen in einem alten Haus, das in einem großen, verwilderten Garten stand. Ein Zaun umgab den Garten, und das Tor zur Einfahrt war stets mit einer Stahlkette und einem Vorhängeschloss gesichert.
Der Mann ging selten aus, denn das meiste, was er brauchte, holte er sich auch seinem Garten. Er zog Gemüse und erntete Früchte von den Bäumen. Nur wenn es ihn nach Fleisch oder Fisch gelüstete, raffte er sich auf, um zum nächsten Markt zu fahren. Die Leute tuschelten hinter vorgehaltner Hand miteinander, wenn sie ihn sahen, obwohl er immer freundlich war und sie ihn mochten, weil er sich freiwillig dem Alleinsein preisgab. Der einzige Gefährte des Mannes, das wussten alle, war ein großer, schwarzer Hund. Doch den Hund nahm der Mann nie mit, wenn er Haus und Garten verließ. Das Tier musste Haus und Garten bewachen. War der Mann zuhause, ließ er stets das Haustor offen, damit das Tier ungehindert aus und ein konnte. Einen Eindringling musste er nicht fürchten, denn der Hund schreckte alle Menschen ab.
Unter den vielen Obstbäumen im Garten des Mannes gab es einen ganz besonderen. Es war ein alter, ausladender Kirschbaum. Den Hund aber hielt der Mann einzig und allein deswegen, um die Früchte dieses Baumes vor Dieben zu schützen. Niemand sollte jemals von den Kirschen essen und somit hinter ihr Geheimnis kommen. Der Baum trug immer reife Früchte, rund ums Jahr. Wann immer es den Mann danach gelüstete, pflückte er eine von den großen, dunkelroten Kirschen. Sobald er sie in der Hand hielt, verwandelte diese sich in eine schöne Frau, die sofort Liebe für den Mann empfand. Sie sei seine Herzkirsche, flüsterte er ihr ins Ohr, vernaschte sie, spuckte hinterher den Kern achtlos zu Boden und verbannte die Frau aus seinen Gedanken.
So ging das über viele Jahre, und der Mann war zufrieden mit diesem Leben. Einmal aber blieb an einem Kern ein klein wenig Fruchtfleisch hängen und mit dem Fruchtfleisch auch ein Stückchen Erinnerung. Der Kirschkern weinte um seine verlorene Liebe, und sein Kummer drang bis zu den Wurzeln des Kirschbaumes in die Tiefe der Erde. Die Wurzeln nahmen die Kunde auf und leiteten sie weiter bis in die zartesten Zweige, sodass die Kirschen, die daran reiften, erfuhren, welches Schicksal sie erwartete. Sie erschraken so sehr, dass die reifen unter ihnen auf der Stelle abfielen und verfaulten und die unreifen nicht mehr rot wurden, sonder nach und nach verkümmerten.
Tag für Tag ging der Mann zum Baum und musste jedes Mal wieder unverrichteter Dinge zurückkehren. Und mit jedem Tag, der verging, litt er mehr unter der Einsamkeit. Schließlich setzte er sich unter den Kirschbaum, lehnte sich an den Stamm und wollte verzweifeln. Seine Tränen aber rührten die letzte Kirsche, die sich noch im Geäst befand, winzig und grün, und sie begann zu wachsen und zu reifen, bis sie prall und rund und rot war. Sie löste sich vom Zweig und fiel dem Mann direkt in den Schoß. Dieser nahm die Kirsche ungläubig in die Hand, und sofort wurde sie zur Frau. Eilig machte sie ein paar Schritte weg von ihm und sagte, dass er sie nicht anrühren dürfe, wolle er sie bei sich behalten. Er, froh, nicht mehr alleine leben zu müssen, nickte erleichtert und gab ihr den Namen Herzkirsche. Noch lange lebten die beiden zusammen wie Bruder und Schwester. Der Kirschbaum aber trug niemals wieder auch nur eine einzige Frucht.
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