Ihn schlugen die Häscher in Bande

von Christa Schmid-Lotz (copyright)

Das Fett zischte in die Glut; grob zerlegt röstete das Schwein vor sich hin. Aus dem Dunkel der Mooshütten trat Berthold in das flackernde Licht. „Da haben wir aber Glück gehabt, dass der Bauer so fest schlief. Hätte auch ins Auge gehen können!“ Veri spießte ein Stück Keule auf und reichte es ihm.„Holder, seit wir vogelfrei sind, können wir ungenierter leben als je zuvor. Ich fürchte den Tod nicht! Aber gegen die Königsschergen werde ich bis zum letzten Zahn kämpfen!“„Wir werden es Zahn um Zahn mit dir tun. Nur…Schorsch liegt da vorne am Eingang der Schlucht und schnarcht den Schlaf des Gerechten. Wenn sie jetzt kommen, sind wir verloren!“
Sie vernahmen ein Murmeln und Trappeln. Augenreibend näherte sich Schorsch mit einer Gruppe von Menschen, die hohlwangig und zerlumpt daherkam, Furcht und Hoffnung auf den Gesichtern.„Willkommen im Reich des Schwarzen Veri und seiner Brüder! Nehmt Platz am Herd unserer bescheidenen Hütte. Holder, bring doch mal das Weinfass und die Truhe mit den Goldmünzen.“Aufgeregt schwatzend ließen sich die Männer, Frauen und Kinder am Feuer nieder. Das Schwein, die Münzen wurden verteilt und bald rülpsten die Festteilnehmer mit glänzenden Augen.„Wer weiß, ob wir noch mal so jung zusammenkommen,“ rief Veri und hob den Becher. „Prösterchen allerseits!“ Schorsch furzte krachend, woraufhin sich Berthold auf die Schenkel klatschte und brüllte: „Hoffentlich hat niemand diesen Kanonendonner vernommen!“
Dann ging alles ganz schnell. Von allen Seiten fiel es über sie herein, sie hatten kaum Zeit, die Arme zur Abwehr zu heben. Die Tagelöhner und Bettler wurden in den Wald getrieben, nicht ohne ihnen ein paar schmerzhafte Lanzenhiebe beizubringen. Drei Hünen hatten sich auf Veri gestürzt und ihn binnen kurzem windelweich geprügelt und in Ketten gelegt. Trotz seiner Schmerzen sah er sich vorsichtig um. Der Holde und Schorsch waren wie vom Erdboden verschwunden.„Schwarzer Veri, Du hast dein Unwesen lang genug getrieben. Du kommst heute noch in den Schurkenturm von Biberach. Morgen früh wird dich das Fallbeil vom Leben zum Tode befördern!“„Schön, dass ich meine Henkersmahlzeit noch einnehmen durfte!“Hinter dem Pferd eines Schergen stolperte er über Wurzeln und Steine, hörte Nachtvögel klagen, atmete den schweren Duft des Waldes.
Ins Turmverließ gestoßen, wurde ihm doch unheilig zumute. Konnten die Kameraden etwas für ihn tun, ihn retten? Er wusste nicht, ob sie wirklich entkommen waren oder erschlagen oder verletzt unter den mächtigen Eichen kauerten. Eine Ratte huschte über seine Füße, er hörte das hungrige Fiepen der anderen. Ein Stockwerk höher heulte ein Mensch in Todesangst. Panik überfiel ihn. Seinen Kopf sollte er verlieren? Ein unrühmliches Ende! Wieviel an Schmerz würde er spüren? Würde das Eisen niederfallen wie das Beil, mit dem er vorhin das Schwein zerteilt hatte? Würde er Knochen knacken hören, das Blut herausschießen sehen? Würden sie alle grinsend um ihn herumstehen, während sein Kopf erstaunt in ihrer Mitte läge? Hätte er noch Gelegenheit, sie anzuspeien?

Schweißgebadet hockte er auf dem kalten Boden, ein Zittern überfiel ihn, dessen er nicht mehr Herr wurde. Sein irrender Blick fiel auf die Öffnung in der Mauer. Mit Mühe konnte ein Mensch sich da hindurchzwängen, aber er würde auf der Erde zerschmettern.Mutter, warum hast du dieses verdammte Leben geboren? Hätte dein Sohn nicht auch ein Bürger werden können, mit den Pfründen, der Taschenuhr und dem Sonntagskirchgang? Oh Gott, du hast mich stürzen lassen wie den gefallenen Engel, jetzt stehe ich am Abgrund und weiß mir nicht mehr weiter!“Von der Fensteröffnung her hörte er einen Laut. Ein oberschwäbischer Rundkopf erschien schemenhaft, es flüsterte:
“Veri, wir haben eine Leiter angestellt. Den Wächter haben wir zum Schnarchen gebracht. In einer halben Stunde kommt die Wachablösung…leg dies Kleiderbündel auf die Pritsche, sie sollen nicht merken, dass du frei bist. Dann sind wir vorerst vor Verfolgung gefeit!“ Veri tat, wie ihm geheißen, zwängte sich durch das Loch und rutschte die Leiter mehr herunter, als dass er kletterte.
Schwülheiß war die Nacht, es war der 10. Juli 1812. Am Horizont zuckten Blitze herauf, das Wolkeninferno stand dunkel drohend über der Stadt. Donner folgte Schlag um Schlag. Scheunen brannten so lichterloh, dass der einsetzende Regen die Flammen nicht mehr löschen konnte. Das Vieh rannte kopflos brüllend im Kreis herum und in den Wald, in dem Baumriesen vereinzelt zu Boden stürzten. Ein Blitz fuhr wie die Strafe Gottes in den Turm, vorbei an den wimmernden Gefangenen, zischte senkrecht durch eine Spalte und setzte das darunter liegende Menschenbündel in Brand. Nur ein Häuflein Asche blieb übrig. Rauchwölkchen kreiselten darüber und im Fenster erschien ein Gehörntes, spießte den Seelenfaden auf seinen Dreizack und fuhr johlend in die Tiefe.
Der Morgen stieg frisch und blank herauf und schien den Bürgern in die entsetzten Gesichter.Eine Exekutionskommission machte sich auf den Weg zum Turm. Überall Äste, Dachziegel, Geruch nach verbranntem Fleisch. Vorm Turm ein Wächter, der sich eine Riesenbeule rieb. Die Wendeltreppe hinauf, ängstlicher trommelten die Herzen. Da…da war es! Der zweite Bewacher tot auf dem Steinboden, auf seinem Rücken schwarzgebrannt ein Loch, das rohe Fleisch trat hervor. Ein Geruch wie Schweinebraten! Und … sie trauten ihren Augen nicht: Auf der Pritsche die Überreste des Schwarzen Veri. Gott und der Teufel waren ihnen zuvorgekommen! Schwärzer konnte er nicht mehr werden! Die Anwesenden bekreuzigten sich.
Ein Weg schlängelt sich weiß durch die Landschaft, die frühe Sonne scheint auf Felder, die grün und golden glänzen. Wolken haben sich zu Gebirgen aufgetürmt, aus denen ein Regenbogen zur Erde herunterleuchtet. Die ersten Hagebutten haben die wilden Rosen in den Hecken abgelöst. Drei Männer schreiten in das Szenario hinein.„Verignand, wir haben es geschafft! Der Vogel ist so frei, wie es niemals ein Mensch gewesen ist!“ Sie beschleunigen ihre Schritte und werden von dem Weiß und Grün, dem Glitzern und dem blauen Horizont aufgesogen. Ein Berg sieht den andern ferne locken, er kann seine Sehnsucht nicht erfüllen; Seen glitzern zum Bade, Menschen an ihren Ufern, die Fülle des Lebens explodiert zum Tode hin.
Aber jetzt noch nicht!

Du kannst einen Kommentar schreiben, oder einen Trackbackauf Deiner Seite einrichten. Drucken Drucken


Noch keine Kommentare. Seien Sie doch der Erste?

Geben Sie Ihre Meinung ab ...