Flächenbrand
von Christa Schmid-Lotz (copyright)
Die Öllampe erhellte das Zimmer nur spärlich; die Flamme tanzte verzweifelt im Glas, als wolle sie aus ihrem Gefängnis entkommen. Hannes öffnete das Fenster und sah die Wolken am Mond vorüberjagen. Durch die Gassen des Städtchens, dessen Häuser sich ängstlich aneinander duckten, pfiff der Wind. Hannes warf die Feder auf den Sekretär, stöpselte das Tintenglas zu, zog seine Stulpenstiefel an und warf einen Blick in den Spiegel. Ein junger Mann blickte ihm entgegen, mit Zopfperücke, Hemd, gelbledernen Halbhosen und Wollstrümpfen bekleidet. Hannes ging die Treppe hinab und öffnete die Tür zur Gaststube.
„Ja, Grüß Gott, Herr Stadtschreiber“, rief ihm der Wirt vom Tresen entgegen. Sein rundes, ernstes Gesicht glänzte vor Schweiß. „Da ist ein ganz schönes Wetterchen im Anzug.“
„Guten Abend, Gustav. Ja, es braut sich was zusammen.“
Hannes setzte sich auf die Ofenbank.
„Bring mir doch bitte einen Riesling.“
In diesem Moment flog die Tür auf. Wilhelm, der Lehrer, stürzte herein und brachte einen Schwall frischer Nachtluft mit. Er ließ sich auf die Bank fallen. Seine Brille war ihm halb von der Nase gerutscht, seine blonde Frisur zerzaust. Er trug die modischen langen Hosen der Sansculottes.
„Ich komme gerade zurück aus Paris. Die Bastille wurde gestürmt. Jetzt geht es dem König und dem Adel an den Kragen!“
Hannes wurde puterrot.
„Ich hab’s gewusst. Das ist das Ende jeder Ordnung!“, sagte er.
„Die Zeiten wechseln, auch wenn du dich noch so sträubst“, meinte Wilhelm.
„Deshalb muss man doch nicht die Welt auf den Kopf stellen. Ich weiß nicht mehr, wo oben und unten ist.“
„Es ist zu spät. Geh nach Paris und schau es dir selber an. Das Volk hungert nach Brot, aber die Damen und Herren am Hof pudern sich mit dem Mehl ihre Perücken.“
Hannes hätte sich am liebsten die Ohren zugehalten. Das konnte nicht sein. Hier hatte jeder genug zu essen. Er beschloss, die Unterhaltung zu beenden.
Gustavs Frau kam mit einer Schüssel, aus der es weinwürzig dampfte.
„Jetzt stärkt euch erst mal mit meinem Hasenragout, dann sehen wir weiter.“
Hannes aß und verabschiedete sich zeitig. In seinem Zimmer setzte er sich auf einen Schemel und zündete die Lampe an. Trübsinnig schaute er auf die Wände, sah das Bett mit dem seidenen Überwurf, den geschnitzten Schrank, die Intarsien des Pultes, wo er zu stehen und seine Berichte zu schreiben pflegte. Jeder zog den Hut vor ihm in der Stadt. Das sollte nun alles ein Ende haben?
Er wusste nicht mehr, wie lange er gesessen und gegrübelt hatte. Plötzlich schreckte er hoch. Da waren Schritte! Sie kamen vom Speicher neben seinem Zimmer. Sein Herz begann heftig zu klopfen.
Hannes holte mit zittrigen Händen seine Pistole aus der Kommode. Er nahm die Öllampe und stieß die Tür seines Zimmers auf. Eisige Luft schlug ihm entgegen. Mit weichen Knien schlich er über die Diele und legte behutsam die Hand an die Klinke. Knarrend öffnete sich die Speichertür. Hannes trat ein, das Stroh knisterte unter seinen Füßen. Er hob die Lampe und sah eine männliche Gestalt, die ihm den Rücken zuwandte. Die Haare standen wirr um den Kopf.
Hannes schlotterte vor Angst. Er richtete die Pistole auf den Unbekannten.
„Halt, stehen bleiben. Was haben Sie hier zu suchen?“, rief er.
Der Mann drehte sich um. Sein Gesicht war fratzenhaft verzerrt. Er kam auf ihn zu. Hannes drückte ab. Es klickte. Nicht geladen! Er sah die Faust des Fremden näherkommen und spürte einen Schlag in den Bauch. Vor Schmerz krümmte er sich zusammen, ging zu Boden und riss dabei die Lampe um. Das Petroleum floss heraus und entzündete sich, bald leckten Feuerzungen in alle Richtungen. Der Unbekannte polterte an ihm vorüber. Hannes wollte um Hilfe schreien, doch der Rauch nahm ihm den Atem. Er kroch den Boden entlang in die Richtung, wo er den Ausgang vermutete. Dann wurde es dunkel um ihn. Als er wieder zu sich kam, lag er auf dem Kopfsteinpflaster der Gasse. Um ihn herum ein infernalischer Lärm; viele Menschen, die aufgeregt durcheinander schrien. Der Himmel war glutrot erhellt. Wilhelms Kopf erschien über ihm, ruß geschwärzt.
„Hannes, du Depp! Was machst denn für Sachen.“
„Habt ihr mich? …?“
„Ja, wir haben dich die Treppe hinuntergetragen. Aber jetzt ist keine Zeit für Erklärungen. „Er war da“, keuchte Hannes. „Ich habe den Teufel auf dem Speicher gesehen.“
„So ein Hennenfurz! Das war sicher ein armer Landstreicher.“
„Wenn ich es doch sage. Er hat das Haus in Brand gesteckt.“
„Jetzt reiß dich zusammen. Steh auf und hilf uns. Das Feuer darf sich auf keinen Fall ausbreiten!“
Ein Bersten und Krachen ertönte. Das Wirtshaus „Sonne“ stand in Flammen; glühende Balken fielen herab und ließen die Menge entsetzt zurückweichen. Jemand schrie:
„Um Gottes willen, holt endlich die Eimer! Das Nachbarhaus brennt auch schon!“
„Die Brunnen sind leer! Wir können nicht mehr löschen!“
„Dann holt Wasser aus dem Fluss!“
Die Bewohner bildeten Schlangen, einige schöpften und reichten die Eimer von Hand zu Hand weiter. Bis die Eimer bei den brennenden Häusern ankamen, war das Wasser zur Hälfte verschüttet. Hannes, Gustav und Wilhelm arbeiteten fieberhaft mit. Inzwischen brannte die gesamte Oberstadt. Der Bürgermeister kam vom Marktplatz heruntergelaufen und brüllte:
„Rette sich, wer kann! Die Stadt ist verloren!“
Hannes lief mit seinen Freunden, dem Bürgermeister und einem Dutzend anderer Menschen zum Tor hinaus, den Berg hinauf, fiel erschöpft ins Gras und warf einen Blick zurück. Da unten sah er seine Heimatstadt liegen, einen Haufen aus Flammen, Rauch, Schutt und Asche.
Über sein geschwärztes Gesicht liefen Tränen herab. Wolken jagten am bleichen Mond vorbei und der Sturm trieb Funkenregen über ihn hinweg.
Hannes richtete sich zu seiner vollen Größe auf.
„Gott, du kannst es nicht zulassen, dass so etwas passiert!“, rief er.„Satan hat Besitz von der Erde ergriffen. Erst hat er die Franzosen gegen ihren König aufgehetzt, dann hat er Feuer, Tod und Verderben über unsere Stadt gebracht.“
Er wandte sich an die Umstehenden.
„Wer noch einen Rest an Ehre in sich hat, der folge mir und eile dem französischen Königshaus zu Hilfe!“
Hannes ging hoch erhobenen Hauptes, mit festen Schritten davon, ohne sich noch einmal umzudrehen. Er war ein hoch geachteter Bürger dieser Stadt und wusste, dass man ihm folgen würde. Sein weißes Hemd war versengt. Die Wollstrümpfe hatten sich wie graue Wülste über die Stiefel gelegt, der Perückenzopf flog lustig wippend hinter ihm her.
Wilhelm lächelte in sich hinein, während er dem Stadtschreiber nachblickte. Dessen gelblederne Halbhosen blitzten noch einmal auf, bevor der Weg um den nächsten Felsen bog und die Dunkelheit alles verschluckte.
Drucken