Ehe à la Mode

von Katherine Mansfield

Auf dem Weg zum Bahnhof war die Enttäuschung wieder wie ein Schock für William, als er sich erinnerte, dass er den Kleinen nichts mitzubringen hatte. Die armen kleinen Knirpse! Pech für sie, wirklich. Wenn sie ihm zur Begrüssung entgegenliefen, fragten sie immer als erstes: »Was hast du für mich, Vati?«, und er hatte nichts. Er würde ihnen am Bahnhof Süssigkeiten kaufen müssen. Das hatte er allerdings schon an den vergangenen vier Samstagen getan; wie geknickt ihre Gesichter letztesmal ausgesehen hatten, als er wieder die gleichen Schachteln herauszog.
Und Paddy hatte gesagt: »Ich hatte voooriges Mal rote Schleifen.«
Und Johnny hatte gesagt: »Meine sind immer rosa. Rosa kann ich nicht ausstehen.”
Was konnte William aber tun? Es war keineswegs leicht. Früher wäre er natürlich per Taxi in ein gutes Spielwarengeschäft gefahren und hätte da in fünf Minuten etwas ausgesucht. Aber heutzutage hatten sie russische Spielsachen, französische, serbische – Spielzeug von Gott weiss woher. Schon vor über einem Jahr hatte Isabel die Esel und Maschinen zusammengerafft, weil sie so »scheisslich sentimental« oder »so furchtbar schlecht für das Formgefühl der Kinderchen” seien.
»Es ist doch so wichtig”, hatte die neue Isabel gesagt, »dass sie von Anfang an das Richtige lieben lernen. Das spart später doch so viel Zeit. Wirklich, wenn die armen Lämmchen in ihren ersten Jahren dauernd diese Greuel anstarren, kann man schon voraussehen, dass sie später in die Königliche Akademie geführt werden wollen.”
Und sie sagte das so, als ob ein Besuch der Königlichen Akademie für jedermann der jähe, sichere Tod sei.
»Na, ich weiss nicht”, sagte William zögernd, »als ich so alt war wie sie, hab ich immer ein Handtuch mit einem Knoten drin mit ins Bett genommen.«
Die neue Isabel sah ihn an, die Augen schmal, die Lippen geöffnet.
»Lieber William! Davon bin ich überzeugt.« Sie lachte auf die neue Art.
Also kam es trotz allem auf Süssigkeiten heraus, dachte William bedrückt, als er in der Tasche nach Kleingeld für den Taxifahrer suchte. Und er sah die Kleinen, wie sie die Schachteln herumreichten – sie waren so freigebig, die kleinen Knirpse – und wie Isabels feine Freunde sich nicht genierten, sich reichlich zu bedienen.
Wie wäre es mit Obst? William zögerte vor einem Kiosk im Bahnhofseingang. Eine Melone für jeden? Ob sie die auch teilen mussten? Oder eine Ananas für Paddy und eine Melone für Johnny? Isabels Freunde würden ja wohl kaum zu den Mahlzeiten der Kinder nach oben schleichen? Dennoch, als er die Melone kaufte, hatte er das grässliche Bild vor Augen, wie einer von Isabels jungen Dichtern aus irgendeinem Grund hinter der Kinderzimmertür eine der Scheiben verschlang.
Mit seinen zwei unhandlichen Paketen machte er sich auf den Weg zum Zug. Auf dem Bahnsteig drängten sich die Leute. Der Zug war da. Türen knallten auf und zu. Von der Lokomotive kam so lautes Zischen, dass die hin und her eilenden Leute benommen aussahen. William strebte auf einen Ersterklasse Raucher zu, verstaute seinen Koffer und die Pakete, nahm ein dickes Bündel Papiere aus der Innentasche, warf sich auf einen Eckplatz und begann zu lesen.

»Unser Klient ist darüber hinaus der festen Überzeugung… Wir sind gewillt zu erwägen… im Falle dass…« Ah, das war besser. William strich sein glattes Haar zurück und streckte die Beine in den Wagen. Das ihm wohlbekannte dumpfe Bohren in seiner Brust beruhigte sich. »Im Hinblick auf unsere Entscheidung -« Er holte einen Bleistift heraus und strich langsam einen Absatz an.
Zwei Männer kamen herein und stiegen über seine Beine in die andere Ecke. Ein junger Mann schwang seine Golfschläger ins Netz und liess sich ihm gegenüber nieder. Der Zug tat einen leichten Ruck, und los ging es. William blickte auf und sah die heisse, helle Station vorbeigleiten. Ein rotgesichtiges Mädchen raste an den Wagen entlang. Ihr Winken und Rufen hatte etwas Verkrampftes, Verzweifeltes. »Hysterisch”, dachte William teilnahmslos. Dann grinste ein Arbeiter mit verschwitztem, schwarzem Gesicht dem Zug nach. Und William dachte „Drecksleben” und wandte sich seinen Akten zu.
Als er wieder aufsah, waren da Felder und Vieh im Schatten dunkler Bäume. Ein breiter Fluss, nackte Kinder, die im Flachen planschten, glitten in Sicht und waren schon vorbei. Der Himmel schimmerte blass, und ein Vogel schwebte darin wie ein dunkler Schatten im Edelstein.
„Wir haben den Schriftwechsel unseres Klienten genau überprüft . . .« Die letzten gelesenen Wörter riefen ein Echo in seinen Gedanken hervor. »Genau überprüft…« William konzentrierte sich auf die Wörter, aber es war sinnlos; in der Mitte setzte es aus, und die Felder, der Himmel, der schwebende Vogel, das Wasser, alles sagte »Isabel«. So war es jeden Samstagnachmittag. Wenn er unterwegs zu Isabel war, begannen diese unzähligen gedachten Begegnungen. Sie war am Bahnhof, stand ein wenig abseits von allen anderen; sie sass draussen in einem offenen Taxi; sie stand an der Gartenpforte; ging über das trockene Gras; an der Tür oder gerade in der Diele.
Und ihre helle, leichte Stimme sagte: »William ist da« oder »Hello, William!« oder »Nun ist William gekommen«. Er berührte ihre kühle Hand, die kühle Wange.
Isabels erlesene Frische. Es war, als er noch ein kleiner Junge war, sein ganzes Entzücken gewesen, nach einem Regenschauer in den Garten zu laufen und einen Rosenstrauch über sich zu schütteln. Isabel war der Rosenstrauch, blumenblattzart, schimmernd und kühl. Jetzt gab es das nicht mehr – in den Garten laufen, lachen und schütteln. Das dumpfe, hartnäckige Bohren in seiner Brust fing wieder an. Er zog die Beine an sich, warf die Papiere beiseite und schloss die Augen.
»Was ist denn, Isabel? Was ist denn?« fragte er zärtlich. Sie waren im Schlafzimmer, im neuen Haus. Isabel sass auf dem Lackhocker an ihrem Frisiertisch, der mit kleinen schwarzen und grünen Dosen übersät war.
»Was soll denn sein, William?« Sie beugte sich nach vorn, und das feine Haar fiel über ihre Wangen.
»Oh, das weisst du!« Er stand mitten in dem fremden Raum und fühlte sich wie ein Fremder. Daraufhin fuhr sie herum und sah ihn an.
»Ach, William!” rief sie flehend und hielt ihre Haarbürste hoch: »Bitte! Bitte sei nicht so spiessig und so – tragisch. Immer sagst du, siehst so aus, spielst darauf an, dass ich verändert bin. Nur weil ich Menschen gefunden hab, die mir entsprechen, weil ich mehr ausgehe, weil ich ganz versessen bin auf – auf alles, da benimmst du dich, als ob ich« – Isabel warf ihr Haar zurück und lachte – »unsere Liebe erwürgt hätte oder so was. Das ist doch so furchtbar lächerlich” – sie biss sich auf die Lippen -, »das macht mich einfach wahnsinnig, William. Du gönnst mir nicht mal das neue Haus und das Personal.”

»Isabel!«
„Ja, ja, irgendwie stimmt es«, sagte Isabel rasch. „Du denkst, das sind wieder schlechte Zeichen. Ach, ich weiss das. Das fühle ich doch«, sagte sie leise, »jedesmal, wenn du die Treppe heraufkommst. Aber wir hätten doch in dem schäbigen kleinen Loch nicht weitermachen können. Sei doch wenigstens praktisch, William! Ach, da war doch nicht mal genug Platz für die Kinder.«
Nein, das stimmte schon. Jeden Morgen, wenn er vom Gericht kam, fand er die Kinder mit Isabel im hinteren Wohnzimmer. Sie unternahmen Ritte auf dem Leopardenfell, das über die Sofalehne geworfen war, oder sie spielten Kaufladen und benutzten Isabels Schreibtisch als Theke, oder Pad sass auf dem Kaminvorleger und ruderte mit einer Messingfeuerschaufel ums liebe kleine Leben, während Johnny mit der Feuerzange auf Seeräuber schoss. Jeden Abend ritten sie huckepack die enge Treppe zu ihrer fetten alten Nanny hinauf.
Ja, es war wohl ein schäbiges kleines Haus. Ein weisses, kleines Haus mit blauen Vorhängen und Petunienkästen an den Fenstern. William empfing seine Freunde schon an der Tür damit:
»Unsere Petunien gesehen? Eigentlich fabelhaft für London, nicht wahr?«
Aber das Idiotische, das absolut Unmögliche war, dass er nicht die leiseste Ahnung hatte, dass Isabel nicht so glücklich war wie er. Gott, wie blind. Damals hatte er nicht die leiseste Ahnung, wie Isabel das unpraktische kleine Haus in Wirklichkeit hasste, wie sie meinte, die fette Nanny verdürbe die Kinder, wie entsetzlich einsam sie war und sich verzehrte nach neuen Menschen und neuer Musik und neuen Bildern und so weiter. Wenn sie nur nicht auf das Atelierfest bei Moira Morrison gegangen wären – wenn Moira Morrison nicht beim Abschied gesagt hätte: »Ich werde Ihre Frau retten, Sie Egoist. Sie ist wie eine erlesene kleine Titania” – wenn Isabel nicht mit Moira nach Paris gefahren wäre – wenn – wenn …
Der Zug hielt wieder an. Bettingford. Gott im Himmel! In zehn Minuten war er da. William stopfte die Papiere in seine Tasche zurück; der junge Mann gegenüber war schon lange verschwunden. Jetzt stiegen die anderen beiden aus. Die späte Nachmittagssonne beschien Frauen in Sommerkleidern und sonnenbraune barfüssige kleine Kinder. Sie prangte auf einer seidig gelben Blume, die sich mit harten Blättern auf Gestein ausbreitete. Die Luft rippelte durch die Fenster und roch nach See. Ob Isabel wohl auch dieses Wochenende wieder die gleiche Meute bei sich hatte, fragte er sich.
Und erinnerte sich an die Ferientage von damals, nur sie, zu viert mit Rose, dem kleinen Bauernmädchen, das auf die Kinder aufpasste. Isabel im Sweater und mit Zöpfen; sie sah ungefähr wie vierzehn aus. Gott! wie seine Nase sich immer schälte. Und die Berge, die sie vertilgten, und wie lange sie schliefen in diesen riesigen Federbetten, die Füsse ineinander verschlungen … Als William an Isabels mutmasslichen Abscheu angesichts seiner so weitgehenden Sentimentalität dachte, konnte er ein grimmiges Lächeln nicht unterdrücken.

»Hello, William!” Sie war also doch an der Bahn, genau wie er es sich vorgestellt hatte, etwas abseits von den anderen, und – Williams Herz machte einen Sprung- sie war allein.
»Hello, Isabel!” William starrte. Er fand sie so schön, dass er etwas sagen musste. »Du siehst so frisch aus.”
»So?” fragte Isabel. »Ich fahl mich nicht sehr frisch. Komm mit, dein elender Zug hatte Verspätung. Das Taxi wartet.” Sie legte ihre Hand leicht auf seinen Arm, als sie durch die Sperre gingen. »Wir sind alle da, um dich abzuholen”, sagte sie. »Aber wir haben Bobby Kane im Schokoladengeschäft gelassen, er wartet da auf uns.”

»Oh!” sagte William. Das war alles, was er im Augenblick sagen konnte.
Draussen im Glast hielt das Taxi, mit Bill Hunt und Dennis Green, die sich auf der einen Seite rekelten und die Hüte übers Gesicht gezogen hatten. Moira Morrisson, mit einem erdbeerförmigen Riesenhut, wippte auf und ab.
»Kein Eis, kein Eis, kein Eis!” schrie sie vergnügt.
Und Dennis krähte unter seinem Hut hervor: »Nur beim Fischmann zu haben.”
Und Bill Hunt fügte auftauchend hinzu: »Mit ganzen Fischen drin.”
»Oh, wie lästig!” jammerte Isabel. Und erklärte William, sie seien durch den ganzen Ort nach Eis gejagt, während sie auf ihn warteten. »Alles läuft einfach die Klippen in die See hinunter, vor allem die Butter.”
»Wir werden uns mit der Butter salben müssen”, sagte Dennis. »Möge dein Haupt, William, der Salbe nie ermangeln.”
»Hört mal”, sagte William, „wie verteilen wir uns? Ich werde mich vorn zum Chauffeur setzen.”
»Nein, Bobby Kane beim Fahrer”, sagte Isabel. „Du musst zwischen Moira und mir sitzen.« Das Taxi fahr an. „Was hast du in diesen rätselhaften Paketen?”
»Ge-köpf-te Köpfe!” sagte Bill Hunt und schauderte unter seinem Hut.
»Oh, Obst!” Isabel klang erfreut. »William der Weise! Eine Melone und eine Ananas. Zu nett!”
»Nein, warte bitte”, sagte William lächelnd. In Wirklichkeit war er aber ängstlich. »Ich hab sie für die Kleinen mitgebracht.«
»Ach, mein Lieber!” Isabel lachte und schob die Hand unter seinen Arm. »Sie würden sich in Krämpfen winden, wenn sie die ässen. Nein«, sie tätschelte seine Hand -, »du bringst ihnen nächstesmal etwas mit. Ich trenne mich nicht von meiner Ananas.«
»Grausame Isabel! Lass mich riechen!« sagte Moira und warf ihre Arme verlangend über William. »Oh!« Der Erdbeerhut fiel nach vorn: sie klang ganz schwach.
»Dame, verliebt in eine Ananas«, sagte Dennis, als das Taxi vor einem kleinen Laden mit gestreifter Markise hielt. Heraus trat Bobby Kane, lauter kleine Pakete im Arm.
»Hoffentlich sind sie gut. Ich habe sie nach der Farbe ausgesucht. Es sind so runde Dinger dabei, die einfach zu himmlisch aussehen. Und schaut bloss dies Nougat”, rief er hysterisch, »schaut es doch an. Wie ein makelloses Ballett.”
Aber in dem Augenblick erschien der Verkäufer. »Ach, das hab ich ganz vergessen. Nichts davon ist bezahlt”, sagte Bobby angstvollen Blickes. Isabel gab dem Mann einen Schein, und Bobby strahlte wieder. »Hello, William. Ich werde beim Fahrer sitzen.” Und barhäuptig, ganz in Weiss, die Ärmel bis zu den Schultern hochgerollt, sprang er auf seinen Platz. »Avanti!” rief er.
Nach dem Tee gingen die anderen zum Baden, William blieb zu Hause und machte seinen Frieden mit den Kindern. Johnny und Paddy schliefen jedoch. Die rosenrote Glut war verblasst, Fledermäuse flogen schon, und die anderen waren immer noch nicht zurück. Als William die Treppe herunterkam, ging das Mädchen mit einer Lampe über die Diele. Er folgte ihr ins Wohnzimmer. Es war ein langer Raum in Gelb. An die Wand gegenüber hatte jemand einen überlebensgrossen jungen Mann gemalt, der höchst wackelige Beine hatte und ein aufgeblühtes Gänseblümchen einer jungen Frau darbot, die einen kurzen Arm hatte und einen sehr langen dünnen. über Sesseln und Sofa hingen schwarze Stoffbahnen mit grossen Flecken, die nach zerbrochenen Eiern aussahen, und wo man hinsah, schien der Blick auf Aschenbecher voller Zigarettenstummel zu fallen.

William setzte sich in einen der Sessel. Wenn man heutzutage in die Polster griff, stiess man nicht etwa auf ein dreibeiniges Schaf oder auf eine Kuh, der ein Horn fehlte, oder auf eine dicke Taube aus der Arche Noah. Man förderte wieder mal einen broschürten Band mit deckig aussehenden Gedichten zutage. Er dachte an die Akten in seiner Tasche, war aber zu hungrig und zu müde zum Lesen. Die Tür war offen; Küchengeräusche kamen herein. Das Personal redete, als ob es allein im Haus sei. Dann war da plötzlich ein lautes, kreischendes Gelächter und ein ebenso lautes „Sch!”. Sie hatten sich an ihn erinnert. William stand auf und ging durch die Gartentür hinaus, und als er da stand, hörte er die anderen den Sandweg heraufkommen; ihre Stimmen klangen durch die Stille.
»Ich finde, es ist an Moira, ihre kleinen Tricks und Künste anzuwenden.”
Tragisches Stöhnen von Moira.
»Wir sollten für die Wochenenden wirklich ein Grammophon haben, das ,Das Mädchen aus den Bergen’ spielt.«
»Nein, nein!« hörte man Isabels Stimme. »Das ist ungerecht gegen William. Seid nett zu ihm, Kinder! Er bleibt nur bis morgen abend.«
»Überlasst ihn mir!” rief Bobby Kane. »Ich bin als Kümmerer fabelhaft.”
Die Pforte schwang auf und zu. William ging über die Terrasse; sie hatten ihn gesehen. Und Bobby Kane wedelte mit seinem Handtuch, sprang und drehte sich auf dem verdorrten Rasen. »Zu schade, dass Sie nicht mitgekommen sind, William. Das Wasser war göttlich. Und hinterher sind wir alle in die kleine Wirtschaft und haben Schlehenlikör getrunken.”
Die anderen kamen auch ins Haus. »Hör mal, Isabel«, rief Bobby Kane, »soll ich heute abend meinen Nijinskyanzug tragen?«
»Nein”, sagte Isabel, »heute abend ziehen wir uns nicht um. Wir sind alle am Verhungern. William ist auch hungrig. Kommt, mes amis, lasst uns mit Sardinen beginnen.”
»Ich hab die Sardinen gefunden”, rief Moira und lief in die Diele, die Büchse hoch in der Luft.
»Dame mit Sardinenbüchse”, kommentierte Dennis ernst.
»Na, William, wie geht’s denn London?« fragte Bill Hunt und zog den Korken aus einer Whiskyflasche.
»Oh, London hat sich wohl kaum verändert”, antwortete William.
»Das liebe, alte London”, sagte Bobby herzlich und spiesste eine Sardine auf.
Aber gleich darauf war William vergessen. Moira fing an zu erörtern, welche Farbe eigentlich ihre Beine unter Wasser hätten.
»Meine sind ganz, ganz blass champignonfarbig.«
Bill und Dennis assen ausdauernd. Und Isabel füllte Gläser und wechselte Teller und suchte Streichhölzer – und lächelte selig. Irgendwann sagte sie: »Bill, ich wollte, du malst es.”
»Was mal ich?« fragte Bill laut und stopfte sich den Mund voll Brot.
»Uns”, sagte Isabel, »um den Tisch. In zwanzig Jahren würde das phantastisch sein.«
Bill verdrehte die Augen und kaute. »Licht ist falsch”, sagte er grob, »viel zuviel Gelb” und a$ weiter. Und auch das schien Isabel zu entzücken.
Aber nach dem Essen waren alle so müde, dass sie nur noch gähnen konnten, bis es Zeit war, zu Bett zu gehen.
Erst als er anderntags auf das Taxi wartete, fand William sich mit Isabel allein. Als er seinen Koffer in die Diele heruntertrug, liess Isabel die anderen und kam zu ihm. Sie bückte sich und hob den Koffer. »Was für ein Gewicht”, sagte sie und lachte gehemmt. »Lass mich tragen! Bis an die Pforte.«

»Aber warum denn?« fragte William. »Natürlich nicht. Gib her.«
»Ach, bitte, lass mich doch”, antwortete Isabel. »Ich möchte gern, wirklich.” Sie gingen schweigend nebeneinander her. William wusste, dass es jetzt nichts zu sagen gab.
»Da«, sagte Isabel triumphierend, setzte den Koffer ab und blickte eifrig den Sandweg entlang. »Ich hab dich diesmal kaum gesehen, scheint mir«, sagte sie atemlos. »Es ist so kurz, nicht? Ich finde, du bist gerade erst gekommen. Nächstesmal -” Das Taxi kam. »Hoffentlich kümmern die sich in London um dich. Tut mir so leid, dass die Kinder den ganzen Tag weg waren, aber Fräulein Neil hatte alles schon vorbereitet. Sie werden dich vermissen. Armer William, musst nach London zurück.” Das Taxi drehte. »Auf Wiedersehen!« Sie gab ihm einen hastigen kleinen Kuss; fort war sie.
Felder, Bäume, Hecken rauschten vorbei. Sie rüttelten durch den leeren, augenlosen kleinen Ort und dröhnten die steile Strase zum Bahnhof hinauf.
Der Zug war da. William strebte auf einen Ersterklasse Raucher zu, warf sich in die Ecke, kümmerte sich aber diesmal nicht um seine Akten. Er schlug die Arme übereinander gegen das dumpfe, hartnäckige Bohren in seiner Brust und begann, in Gedanken einen Brief an Isabel zu schreiben.

Die Post kam wie immer spät. Sie sassen in Liegestühlen unter bunten Sonnenschirmen vorm Haus. Nur Bobby Kane lag Isabel zu Füssen auf dem Rasen. Es war langweilig, drückend; der Tag hing schlapp wie eine Flagge.
»Glaubst du, dass es im Himmel Montage gibt?« fragte Bobby kindisch.
Und Dennis murmelte: »Der Himmel wird ein einziger langer Montag sein.«
Isabel konnte aber nur an den Lachs denken, den sie gestern zum Abendessen gehabt hatten. Sie hatte zu Mittag Lachsmayonnaise geben wollen, und nun . . .
Moira schlief. Schlafen war ihre neueste Entdeckung. »Das ist so wunderbar. Man schliesst einfach die Augen, das ist alles. Es ist so köstlich.”
Als der alte rotgesichtige Postbote auf seinem Dreirad den Sandweg heraufstrampelte, hatte man das Gefühl, er hätte statt der Lenkstange Ruder haben sollen.
Bill Hunt legte sein Buch hin. »Briefe”, sagte er zufrieden, und alle warteten. Aber – herzloser Postbote – oh, schlechte Welt! es war nur einer da, ein dicker, für Isabel. Nicht einmal eine Zeitung.
»Und der ist nur von William”, sagte Isabel trauervoll.
»Von William – schon?”
»Er schickt dir deinen Trauspruch zurück, als sanfte Mahnung.”
„Sind Trausprüche für alle? Ich dachte, die wären nur fürs Personal.”
„Seiten über Seiten. Seht sie an. Dame, einen Brief lesend”, sagte Dennis.
Mein Lie61ing, teure Isabel. Seiten über Seiten waren das. Als Isabel weiterlas, verging ihr Staunen in einem Gefühl, als ersticke sie. Was hatte William um Himmels willen veranlasst. . . Wie ganz ausserordentlich … Was war denn das … Sie war verwirrt, wurde immer aufgeregter, ganz verängstigt. Das war typisch William. Oder? Das war natürlich lächerlich, absurd. »Hahaha! Ach, du Lieber!” Was sollte sie tun? Isabel warf sich zurück und lachte, bis sie nicht mehr innehalten konnte.
»Los, erzähl”, sagten die anderen. »Du musst es uns erzählen.
»Ich kann’s nicht erwarten”, gurgelte Isabel. Sie setzte sich auf, raffte den Brief zusammen und winkte ihnen damit zu. »Kommt alle heran«, sagte sie. „Hört zu, es ist zu wundervoll. Ein Liebesbrief.«

»Ein Liebesbrief! Wie göttlich aber auch!« Liebling, teure Isabel. Sie hatte noch kaum angefangen, da unterbrach sie schon Gelächter.
»Weiter, Isabel, es ist einzig.«
»Das ist mehr als ein Fund, das ist vollkommen.«
Gott verhüte, dass ich Deinem Glück ein Hindernis sein sollte.
»Oh, oh, oh!«
»Sch! sch! sch!”
Und Isabel las weiter. Als sie geendet hatte, waren sie wie die Verrückten. Bobby rollte sich auf dem Rasen und weinte beinahe.
»Du musst ihn mir geben, so wie er ist, ganz und gar, für mein neues Buch”, sagte Dennis energisch. »Da mach ich ein ganzes Kapitel draus.”
»Ach, Isabel«, stöhnte Moira, »diese himmlische Stelle, wie er dich in den Armen hält!«
»Ich hab immer geglaubt, diese Briefe in Scheidungsprozessen seien erfunden, aber die sind nichts gegen den hier.«
»Lass mich ihn halten. Lass mich ihn lesen, ganz für mich allein”, sagte Bobby Kane.
Aber zu ihrer Überraschung krampfte Isabel ihre Hand um den Brief. Sie lachte nicht mehr. Rasch blickte sie alle an; sie sah erschöpft aus. »Nein, nicht jetzt. Nicht gerade jetzt«, stammelte sie.
Und bevor sie sich erholt hatten, war sie ins Haus gelaufen, durch die Diele, die Treppe hinauf in ihr Schlafzimmer. Sie setzte sich auf die Kante ihres Bettes. »Wie widerlich, gemein, abscheulich, vulgär«, murmelte Isabel. Sie drückte die Knöchel in die Augen und wiegte sich hin und her. Und dann sah sie wieder alle, aber nicht vier, mehr an die vierzig, lachend, höhnend, naserümpfend, die Hände reckend, während sie Williams Brief vorlas. Oh, wie ekelhaft, so etwas zu tun. Wie hatte sie das nur fertiggebracht? Gott verhüte, dass ich Deinem Glück ein Hindernis sein sollte. William! Isabel presste das Gesicht ins Kissen. Aber sie fühlte: selbst das grosse Schlafzimmer hatte sie erkannt als das, was sie war, oberflächlich, eine Schelle, eitel . ..
Dann kamen aus dem Garten unten Stimmen.
»Isabel, wir gehen alle schwimmen. Komm doch!
»Komme du, Gemahlin Williams!”
»Ruft sie noch einmal, bevor ihr geht, ruft sie noch einmal!«
Isabel richtete sich auf. Jetzt war der Augenblick gekommen, jetzt musste sie sich entscheiden. Würde sie mit ihnen gehen oder hierbleiben und an William schreiben? Was, was sollte sie tun? »Ich muss mich entschliessen.« Aber wie konnte das nur eine Frage sein? Natürlich blieb sie und schrieb.
„Titania!« zirpte Moira.
„I – sa – bel?”
Nein, es war zu schwierig. »Ich – ich geh mit ihnen und schreib später an William. Ein andermal. Später. Jetzt nicht. Aber ich werde bestimmt schreiben«, dachte Isabel hastig.
Und lachend, ganz anders als früher, lief sie die Treppe hinunter.

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