Der Playboy

von Lina Fehse (copyright)

Einmal hatte mich mein Freund Thomas richtig auf die Palme gebracht, und ich war fest entschlossen, fremd zu gehen. Mein Nachbar, Jörg, hatte mir das empfohlen. Er selbst stand mir gern zur Verfügung. Aber mit dem besser nicht, er ist ein Quatscher. Ich wollte mit ganz Fremden, was man eine Affaire nennt, haben und unbedingt heute, heute nacht, solange ich Zorn auf Thomas hatte.

Es war kurz nach neun, als ich fertig zurechtgemacht vor dem Spiegel stand. Bettfrisur, hautenge Jeans und Bluse, hohe Stöckelschuhe, damit mich keiner übersieht, kräftiges Make-up auf natürlich, greller Lippenstift. “Pronto”, dachte ich, aber dann knöpfte ich die Bluse noch ein bißchen tiefer, um zu zeigen, daß mir nichts Menschliches fremd ist. “Perfekt!” Ich rief ein Taxi.

Die Adresse stand schon bei mir fest. Eine kleine Disko-Bar mit dem Namen “BLEIB TREU”. In zehn Minuten standen wir vor der Zieladresse. Aber ich wußte nicht, wie ich da ganz allein hinein gehen sollte. Meine Ängste waren umsonst, denn der Türsteher kam gerade heraus und fragte, ob ich nicht reingehen möchte. So kam ich in seiner Begleitung bis zum Bar-Tresen. “Niko, mach’ ein bißchen Platz für die Schönheit”, sagte er zu einem gepflegten, sympathischen Mann und ging. “Und wie heißt Du, Schönheit?” fragte Niko. “Monika, für Freunde Mona”, stellte ich mich vor.

Der Niko hat mich zu einem Drink eingeladen, und dann ich ihn, und so ging es weiter, bis wir beide leicht angetrunken und lustig waren. Ich redete und flirtete ununterbrochen und dachte es läuft ja wie geschmiert nach meinem Plan – bis der Moment der Ernüchterung kam. Denn Niko war vom anderen Ufer. Aus einem guten Gesprächspartner konnte kein guter Bettpartner werden. Meine Laune war auf einmal im Eimer, und ich erzählte Niko von meinem Wunschplan, der nun auch im Eimer war.

“Die Nacht ist noch nicht zu Ende”, beruhigte er mich. “Siehst Du uns gegenüber den braungebrannten Mann in der Lederjacke? Der ist hier Stammgast. Wir nennen ihn den Playboy. Er fährt ein Kabrio, hat ein Haus im Grunewald und geht oft mit einem Mädchen raus, erscheint aber immer wieder allein.” “Vielleicht ist er ein Frauenmörder?” fragte ich ironisch.

“Ob er Leichen im Keller hat, mußt Du schon selbst herausfinden”, lachte Niko, nahm mich leicht am Arm, und wir drängten zur anderen Seite des Tresens. Er stellte sich neben den Playboy. “Komm, Mona Lisa, hier ist ein gemütliches Plätzchen, wo Du noch ein bißchen bleiben kannst. Ich muß leider geh’n”, schrie er fast, damit ihn der Playboy hörte, und verschwand.

“Oh, was für ein wunderschöner Name, Mona Lisa. Und Sie haben auch was Antikes an sich”, sagte der Playboy und machte für mich mehr Platz. Er guckte in mein Dekolleté und lud mich zu einem Drink ein. Ich überlegte schon schnell eine Antwort auf die Frage, was ich beruflich machte. Eine arbeitslose Sekretärin, die Mona Lisa heißt, ist nicht erotisch.

“Sie sind bestimmt ein Fotomodell, ich habe Ihr Gesicht schon irgendwo bewundert”, sagte er. “Ach, man kann nirgendwo hingeh’n, ohne erkannt zu werden”, spielte ich mit. Er redete über Gott und die Welt, war mal von rechts, mal von links um mich rum und überschüttete mich mit Komplimenten. Der Playboy war mir nicht unsympathisch, und ich dachte, das muß wohl zum Fremdgehen reichen. Nach einem endlosen Blick in mein Dekolleté schlug er mir vor, das Ambiente zu wechseln. “Ich heiße Klaus Mullimann und wohne ganz allein in einer Villa im Grunewald. Es gibt kalten Champagner und heiße Musik. Leiste mir ein bißchen Gesellschaft, Mona Lisa, hier ist es so laut, wir werden noch taub,” sagte er in einem Atemzug. Ich war einverstanden. “Du bist eine Heilige, Mona Lisa”, sagte er, und seine Augen glänzten wie bei einem Kater, bevor er den Napf mit dem Fressen kriegt.

Beim Rausgehen zwinkerte mir der Türsteher zu, als wollte er mir zu meinem “großen Los” gratulieren. So saß ich also im Kabrio auf dem Wege zur Sünde und flüsterte leise: “Oh Gott, hilf mir, ich bin in Deinen Händen!” Aber es schien, als seien des lieben Gottes Hände auch ohne mich schon voll genug, und wir kamen ohne Hindernisse an der Villa von Klaus Mullimann an.

Schon stand ich in einem großen Wohnraum mit vielen Fenstern und bewunderte den feinen Geschmack des Besitzers. Der Playboy war stolz durch mein Lob und sagte wie ein Makler, der mir unbedingt die Villa verkaufen wollte: “Der Tag war sehr heiß, deswegen ist es hier so stickig, aber wenn ich jetzt alle Fenster aufmache, kommt direkt aus dem Grunewald eine frische Brise.”

Damit begann seine Arbeit. Er schob die Gardinen zurück, öffnete dann die Fensterflügel, zog die Außenjalousie des ersten Fensters hoch. Dann ging es zum nächsten Fenster, zum übernächsten und weiter zu den folgenden, immer die gleichen Handgriffe wie ein Ritual, um die stickigen Geister rauszutreiben und die reinen Luftgeister hineinzuholen, direkt aus dem Grunewald. Beim letzten Fenster endlich war er rot im Gesicht, verschwitzt und gealtert. Nun erst zog er seine Lederjacke aus und sagte: “Ich muß unter die Dusche, Mona Lisa, Du kannst inzwischen schon den Champagner aus dem Kühlschrank holen, den CD-Spieler anwerfen und es Dir gemütlich machen.”

Nach kurzer Zeit hörte ich ein vornehmes Schimpfen: “Merde, merde, es kommt kein Wasser mehr, gibt es in der Küche welches?” Aber in der Küche kam auch keines. Der Playboy kam aus dem Badezimmer und stand vor mir braun-rot mit weißen Streifen. Man sah, daß er an der Seife nicht gespart hatte. Mit einer Ecke des Saunatuches, das er um seine Hüften gezurrt hatte, rieb er sich die Augen. “Merde, ich werde noch blind, meine Augen brennen so.”

Ich wollte ihm die Flasche Champagner reichen, daß er damit sein Gesicht wäscht. “Du guckst wohl die falschen Filme, Mona Lisa, weißt Du denn nicht was so eine Pulle kostet”, sagte er und suchte nach Mineralwasser, aber in der Kiste befanden sich nur leere Flaschen.

“Donnerwetter”, schrie er, und in diesem Moment donnerte es wirklich. Es kam ein sehr starker Wind ins Wohnzimmer, die Gardinen flogen bis zur Decke wie riesige Vögel, und die Fenster und Jalousien klapperten bedrohlich. Der Playboy eilte, alle Fenster wieder zu schließen. Die Arbeit fing von vorne an. Als er die Hälfte geschafft hatte, regnete es bereits in Strömen.

Ich versuchte witzig zu sein: “Jetzt bekommst Du viel Wasser, Klaus, aber leider nicht aus dem Hahn.” Dies überhörte er.

Ich stand noch immer mit der Flasche Champagner in der Hand. “Was stehst Du da herum wie ein Model beim Fototermin”, schrie er mich an, “siehst Du nicht, es regnet schon ins Zimmer rein. Merde, merde, mein Parkett!” Ich sollte ihm Wischtücher bringen und dann in den Keller gehen, um Mineralwasser zu holen. Er erklärte mir schnell, wo ich was finden würde, und bei seiner Ordnung stellte sich das als kinderleicht heraus.

Bald war ich im Keller und schaute um mich herum. Großer Raum mit großen Regalen wie in einem Supermarkt, Kisten, Flaschen Dosen perfekt eingeordnet wie Soldaten bei einer Militärparade. Ich wollte schon nach dem Mineralwasser greifen, als ich plötzlich ein leises Wimmern hörte. Das war ein Kätzchen. Es kam auf mich zu und strich um meine Beine. Ich hob es hoch. Es war noch sehr jung, dünn wie ein Bleistift und klitschnaß. Es hatte sich vielleicht vor dem Gewitter gerettet und bei seiner schmalen Figur konnte es sich bestimmt in jede Festung reinschleichen. Ich lief nach oben mit der Katze auf dem Arm.

Der Playboy war gerade mit dem Bodenwischen fertig. Ich schrie: “Klaus, ein Kätzchen, ich habe ein Kätzchen gefunden, in Deinem Keller. Es stirbt vielleicht vor Hunger!” Der Playboy ging auf mich zu mit dem Gesicht eines Mörders, seine Augen waren blutunterlaufen. Er faßte mit zwei Fingern das Kätzchen an. “Warum ist die Mieze naß, steht mein Keller unter Wasser. Merde, merde, ich habe Wasser im Keller!” Mit diesen Worten schnappte er die Wischtücher und lief, ohne auf meine Antwort zu warten, wie der Blitz in den Keller runter. Sein Saunatuch rutschte von den Hüften, und zwei rot-braune Pobacken, waren das letzte, was ich von meinem Playboy sah. Ich hörte noch die Kellertür knallen. “Hat er sich eingesperrt?”

Ich packte das Kätzchen in das Saunatuch, das am Boden lag, und lief aus der Villa Mullimann.

Zu meinem Glück fuhr gerade ein freies Taxi vorbei, in das ich steigen konnte. Ich nannte meine Adresse und bat den Taxifahrer: “Schneller, fahren Sie schneller!” “Wernse vafolgt oder hamse wat vabrochen, Frollein?” fragte der. “Nicht direkt, aber das Kätzchen stirbt vor Hunger”, sagte ich und erzählte kurz das Geschehene.

“Ick hab ooch mal so ne Jeschichte jehabt”, gab er zu verstehen. “Ick hab’n Mädel mit zu mir jenomm. Die hat mir besoffen jemacht, bevor wat losjehn konnte. Ick bin einjepennt, und det Mädel is abjehaun mit meine janzen Mäuse. Da stand mir wirklich det Wasser bis zum Hals. Außer Spesen nischt jewesen. Na ja, ick hab’s übalebt.” Da mußten wir beide lachen.

Endlich zu Hause, gab ich dem Kätzchen Milch. Während es schlief, hörte ich den Anrufbeantworter ab. Da waren nur viele Anrufe von Thomas. Und der letzte gefiel mir besonders: “Mona, ich liebe Dich, ich liebe Dich wirklich, willst Du meine Frau werden?”

Ein Jahr später.

Ich bin mit Thomas verheiratet und arbeite als Sekretärin in einer Model-Agentur. Aus meinem wimmernden Kätzchen ist ein großer Kater geworden, der heißt Klaus. Er ist kastriert und lebt glücklich und zufrieden in geordneten Verhältnissen.

Copyright by Lina Fehse – weitere Verwendung nur mit Genehmigung der Autorin.
Aus: Lina Fehse “Männer, Männer” Erzählungen, ISBN 3-8334-1715-3, (im Internet).

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