Haarschneiden
von Ring Lardner
Ich habe einen Frisörgehilfen, der am Samstag von Carterville herüberkommt, aber sonst schaff ich’s allein ganz gut. Sie sehen ja selbst, unsere Ortschaft hier ist nicht New York City, und ausserdem sind die meisten tagsüber beschäftigt und haben gar keine Zeit, hier hereinzukommen und sich schönmachen zu lassen.
Sie sind hier neu, wie? Es war mir doch, ich hätte Sie noch nie gesehen. Hoffentlich gefällt es Ihnen so gut, dass Sie bleiben. Wir haben hier, wie gesagt, kein New York City oder Chicago, aber es passiert doch allerhand. Nicht mehr so viel allerdings, seit Jim Kendall ums Leben kam. Als er noch lebte, da war vielleicht etwas gefällig! Er und Hod Meyers sorgten für Betrieb; da wurde mehr gelacht als in irgendeinem amerikanischen Ort gleicher Grösse.
Jim war ein Spassvogel, und Hod kam fast an ihn heran. Seit Jim nicht mehr da ist, versucht er allein, Betrieb zu machen, aber das ist eine mühsame Sache, wenn man keinen Partner nicht hat.
Am Samstag war hier immer etwas los. Da ist der Laden bumsvoll, von vier Uhr an. Jim und Hod kamen jeweils gleich nach dem Abendessen, ungefähr um sechs. Jim setzte sich auf den grossen Stuhl dort beim blauen Spucknapf. Wenn schon einer dort sass, ja, dann stand er eben auf, wenn Jim hereinkam, und überliess ihm den Platz.
Man hätte meinen können, es sei ein reservierter Platz, wie es das manchmal im Theater gibt. Hod stand meistens herum oder ging auf und ab, oder von Zeit zu Zeit sass er natürlich auf diesem Stuhl hier, zum Haarschneiden.
Nun, Jim sass also eine Weile da, ohne den Mund aufzumachen, ausser zum Ausspucken, und schliesslich sagte er dann zu mir: „Whitey”, sagte er- mein Name, das heisst, mein Vorname ist eigentlich Dick, aber jeder hier in der Gegend nennt mich Whitey -, „Whitey”, sagte er also jeweils, „deine Nase leuchtet wieder wie eine Rosenknospe. Du hast wohl von deinem Eau-de-Cologne-Wasser getrunken?”
Da sagte ich denn jeweils: „Nein, Jim, aber du siehst aus, als hättest du etwas Ähnliches getrunken.”
Das brachte ihn natürlich zum Lachen, aber dann gab er jeweils zurück: „Nein, ich habe noch nichts Trinkbares nicht gehabt, aber das heisst nicht, dass ich nicht gerne was hätte. Auch wenn’s nur Holzsprit wäre, mir wär’s gleich.”
„Deiner Frau auch”, bemerkte dann Hod Meyers. Das brachte natürlich jedermann zum Lachen, weil Jim und seine Frau nicht gut miteinander auskamen. Sie hätte sich scheiden lassen, aber da bestand keine Aussicht auf Alimente, und allein konnte sich die Frau mit den Kindern nicht durchs Leben schlagen. Sie hatte nie keinen Sinn für Verständnis nicht. Jim war zwar etwas grob, aber innerlich doch ein guter Kerl.
Wenn ich dran denke, wie er und Hod jeweils Milt Shoppard hoch nahmen. Milt haben Sie wohl noch nicht gesehen. Der hat einen Adamsapfel, fast so gross wie eine Melone. Ich war also dran, Milt zu rasieren, und wenn ich mit dem Messer hier den Hals runterfuhr, dann rief Hod jeweils: „He, Whitey, wart mal! Bevor du hineinschneidest, wollen wir Geld zusammenlegen und sehen, wer am genauesten erraten kann, wie viele Kerne drin sind.”
Und Jim sagte jeweils: „Wenn Milt nicht alles allein haben wollte, hätte er eine halbe Melone bestellt statt einer ganzen, dann wäre sie ihm nicht im Hals steckengeblieben.«
Alle meine Kunden mussten natürlich laut lachen, und Milt selber nötigte sich ein Lächeln ab, obwohl es auf ihn gemünzt war. Jim war einfach unwiderstehlich.
Da steht noch seine Rasierschale, grad neben der von Charley Vail. „Charles M. Vail.” Das ist der Apotheker, auch ein Stammkunde von mir. Kommt dreimal die Woche zum Rasieren. Und die Schale neben der von Charley gehörte Jim. „James H. Kendall.” Jetzt braucht er ja keine Schale nicht mehr, aber ich lasse sie aus Pietät dort stehen. Jim war eine ulkige Kruke!
Früher reiste Jim für eine Konservenfabrik drüben in Carterville. Dort wurden Konserven fabriziert. Jim hatte die nördliche Hälfte des Staates und war jede Woche fünf Tage lang unterwegs. Am Samstag kam er jeweils bei mir vorbei und erzählte, was er die Woche hindurch alles erlebt hatte. Einfach köstlich.
Wahrscheinlich war er mehr darauf aus, Schabernack zu treiben, als Bestellungen aufzunehmen. Zuletzt entliess ihn die Fabrik, und er kam geradewegs hierher und erzählte jedermann, er sei entlassen worden, statt zu sagen, er habe die Stellung aufgegeben, wie die meisten getan hätten.
Es war an einem Samstag, der Laden war voll, und Jim stand auf von dem Stuhl dort und sagte: „Meine Herren, ich habe eine wichtige Mitteilung zu machen. Ich habe meine Stellung verloren.«
Nun, man fragte ihn, ob das sein Ernst sei, und er sagte ja, und niemand wusste etwas darauf zu erwidern, bis er schliesslich selber das Eis brach. „Ich habe Konserven verkauft, eimerweise”, sagte er, „und nun bin ich selbst im Eimer.” Er war einfach unwiderstehlich!
Er hatte sich da etwas Lustiges ausgedacht, als er noch reiste. Wenn er mit der Bahn fuhr, und der Zug hielt in irgendeiner Ortschaft, sagen wir, nun, in Benton zum Beispiel, dann schaute er zum Wagenfenster hinaus und las die Ladenschilder
Wenn da zum Beispiel eine Tafel war, ,Henry Smith, Weisswaren’, dann schrieb sich Jim den Namen und die Ortschaft auf, und wenn er dann ankam, wo immer er hinfuhr, dann schickte er eine Postkarte an Henry Smith in Benton, ohne Unterschrift; auf der Karte stand nur, nun, zum Beispiel: ,Frag Deine Frau nach dem Bücherreisenden, der letzte Woche einen Nachmittag bei ihr verbrachte’, oder ,Frag Deine Frau, wer ihr Gesellschaft leistete, als Du das letztemal in Carterville warst.’ Unterschrieben war die Karte mit ,ein Freund’.
Natürlich wusste er nie, was dabei herauskam, aber er konnte es sich lebhaft vorstellen, und das genügte.
Jim hatte keine regelmässige Arbeit mehr, nachdem er seine Stellung verloren hatte, und was er mit Gelegenheitsarbeiten verdiente, das gab er fast alles in den Wirtschaften aus, und seine Familie hätte verhungern können, wenn man die Frau in den Läden nicht hätte anschreiben lassen. Sie versuchte, sich als Damenschneiderin durchzubringen, aber damit wird hierzulande niemand reich.
Wie gesagt, sie hätte sich scheiden lassen, nur dass sie eben sich und die Kinder allein nicht durchbringen konnte, und sie hoffte immer, Jim werde sich eines Tages bessern und ihr mehr als zwei oder drei Dollar die Woche geben.
Eine Zeitlang ging sie jeweils zu Jims Arbeitgeber, wenn er grade einen hatte, und verlangte dort seinen Lohn, aber nachdem sie das ein paarmal getan hatte, kam er ihr zuvor, indem er sich einen beträchtlichen Vorschuss auf seinen Lohn geben liess.
Er erzählte es im ganzen Ort herum, wie er seine Frau überlistet hatte. Eine ulkige Kruke!
Übrigens genügte es ihm nicht, sie überlistet zu haben. Es kränkte ihn, wie sie sich benommen hatte, um ihn um seinen Lohn zu prellen, und er beschloss, es ihr heimzuzahlen. Er wartete ruhig, bis wieder einmal der Zirkus eine Vorstellung ankündigte. Da versprach er seiner Frau und den beiden Kindern, er werde mit ihnen in den Zirkus gehen. An dem betreffenden Tag sagte er ihnen dann, er gehe die Karten besorgen und werde sie am Zelteingang treffen.
Natürlich hatte er nicht die geringste Absicht, dort zu sein oder gar Karten zu kaufen oder sonst was. Er trieb sich den ganzen Tag in den Kneipen herum und an den Billardtischen. Seine Frau und die Kinder warteten unterdessen und warteten, und natürlich ganz umsonst. Geld hatte die Frau keines mit, vermutlich hatte sie überhaupt keins. So musste sie den Kindern schliesslich sagen, es sei nichts damit, und die weinten natürlich und wollten mit Weinen nicht aufhören.
Nun kam da offenbar Dr. Stair dazu, als sie noch weinten, und der fragte, was los sei, aber die Frau war verstockt und wollte es ihm nicht sagen, die Kinder dagegen erzählten es ihm, und er bestand darauf, mit ihnen und der Mutter in den Zirkus zu gehen. Jim erfuhr nachher davon, und von da an hatte er einen Groll gegen Dr. Stair.
Dr. Stair ist erst seit etwa anderthalb Jahren hier. Er ist ein feiner junger Mann, und seine Anzüge sehen aus wie nach Mass gemacht. Zwei- oder dreimal im Jahr fährt er nach Detroit, und wahrscheinlich lässt er sich bei dieser Gelegenheit das Mass nehmen und bezieht dann seine Anzüge von dort. Sie kosten so fast doppelt soviel, aber sie passen besser als von der Stange.
Eine Zeitlang wunderte sich jedermann, was einen jungen Arzt wie Dr. Stair veranlasst haben mochte, hierherzukommen, wo wir doch bereits Dr. Gamble und Dr. Foote haben, die schon seit Jahren hier sind und den Ort unter sich aufgeteilt haben.
Dann sprach es sich herum, Dr. Stairs Mädel habe ihm den Laufpass gegeben, deshalb habe er sich hier vergraben, um zu vergessen. Er selber behauptete, es gehe nichts über eine Praxis an einem Ort wie dem unsern, um sich die nötige Erfahrung als Arzt zu verschaffen; deshalb sei er hergekommen.
Jedenfalls ging es nicht lange, bis er genug verdiente, um seinen Lebensunterhalt zu bestreiten, obwohl ich mir habe sagen lassen, er betreibe nie jemand von wegen Schulden, und die Leute hier sind weiss Gott keine pünktlichen Zahler, da kann ich selber ein Lied davon singen. Wenn ich alles hätte, was man mir allein fürs Rasieren schuldet, könnte ich nach Carterville fahren und eine Woche lang in einem erstklassigen Hotel absteigen und jeden Abend in ein anderes Kino gehen. Zum Beispiel, was den alten George Purdy anbetrifft – aber man soll ja nicht alles ausplaudern
Nun, letztes Jahr starb unser Leichenbeschauer. An der Grippe ist er gestorben. Ken Beatty hiess er. Das war der Leichenbeschauer. So musste man einen Nachfolger wählen, und die Wahl fiel auf Dr. Stair. Der lachte zuerst bloss und sagte, er wolle das Amt nicht, liess sich aber doch überreden. Es ist ja nicht ein Amt, nach dem ein Andrang herrscht, und was einer dabei verdient, das reicht gerade fürs Suppengrün. Aber Dr. Stair gehört nun einmal zu denen, die nicht nein sagen können, wenn man ihnen lange genug zusetzt.
Aber ich wollte Ihnen von einem armen Jungen erzählen, den wir hier im Ort haben – Paul Dickson. Er fiel von einem Baum herunter, als er etwa zehn war. Fiel auf den Kopf, und das hat ihm geschadet, und seither ist er nicht mehr ganz richtig. Durchaus harmlos, nur et was schwachsinnig. Jim Kendall sagte, er habe ‘ne Meise, er sagte das überhaupt von jedem, der nicht ganz richtig im Kopf war. Nur sagte Jim jeweils nicht Kopf, er sagte Dez dazu. Das war auch so einer von seinen Einfällen, Dez zu sagen statt Kopf und ‘ne Meise statt schwachsinnig.
Sie können sich vorstellen, dass Jim mit Paul Dickson allerhand lustige Dinge trieb. So schickte er ihn einmal in eine Garage, um einen englischen Schlüssel für Linkshänder zu holen. Natürlich gibt es so etwas gar nicht.
Paul, der Ärmste, war immer etwas misstrauisch, vielleicht gerade von wegen Jim. Er verkehrte mit fast niemand, nur mit seiner Mutter und mit Dr. Stair und einem Mädchen hier im Ort namens Julie Gregg. Das heisst, ein Mädchen ist sie nun auch nicht mehr, so an die Dreissig oder darüber.
Als Dr. Stair hierherzog, glaubte Paul offenbar, er habe an ihm einen wirklichen Freund, und er hielt sich die meiste Zeit in seiner Praxis auf, ausser wenn er nach Hause ging, um zu essen oder zu schlafen, oder wenn er Julie Gregg sah, wie sie einholen ging.
Wenn er beim Arzt zum Fenster hinaussah und sie erblickte, dann lief er hinunter und schloss sich ihr an und trottete neben ihr von einem Laden zum andern. Der arme Kerl war ganz in sie vernarrt, und sie war immer freundlich zu ihm und tat, als sei er willkommen, dabei hatte sie bloss Mitleid mit ihm.
Dr. Stair gab sich alle Mühe, Pauls Zustand zu verbessern, und einmal sagte er mir, er glaube, mit dem Jungen gehe es wirklich besser, manchmal sei er so vernünftig und gescheit wie sonst jemand.
Aber ich wollte Ihnen von Julie Gregg erzählen. Ihr Vater war Holzhändler, kam aber ins Trinken und verlor fast sein ganzes Vermögen, und als er starb, hinterliess er nichts als das Haus und gerade genug Versicherung, dass die Tochter sich dürftig durchschlagen konnte.
Ihre Mutter war kränklich und ging kaum mehr aus. Julie wollte nach dem Tod ihres Vaters das Haus verkaufen und woandershin ziehen, aber die Mutter sagte, sie sei hier geboren und wolle auch hier sterben. Das war hart für Julie, die jungen Leute hier in der Gegend nämlich – nun, sie ist zu schade für sie.
Sie ist auf einer guten Schule gewesen und in Chicago und New York und anderswo, und es gibt überhaupt nichts, worüber sie nicht mitreden kann, während die jungen Leute hier in der Gegend, wenn man denen von etwas anderem spricht als von Gloria Swanson und Tommy Meighan, dann glauben sie, man rede irre. Haben Sie übrigens Gloria in ,Der Tugend Lohn’ gesehen? Da haben Sie etwas verpasst!
Nun, Dr. Stair war noch keine Woche hier, als er eines Tages hier hereinkam, um sich rasieren zu lassen. Ich erkannte ihn, da man mich auf ihn aufmerksam gemacht hatte, und so erzählte ich ihm von meiner Mutter. Sie ist seit einigen Jahren kränklich, und weder Dr. Gamble noch Dr. Foote konnten ihr helfen, wie es schien. Er versprach, sie zu besuchen, aber wenn sie ausgehen könne, sei es besser, sie komme in seine Praxis, da könne er sie gründlicher untersuchen.
So brachte ich sie denn zu ihm, und während ich im Wartezimmer sass, kam Julie Gregg herein. Wenn jemand zu Dr. Stair kommt, bimmelt es bei ihm drinnen, damit er weiss, es ist jemand da.
So liess er denn meine Mutter drinnen und kam heraus, und das war das erste Mal, dass Julie und er sich sahen, und ich glaube, es war, was man Liebe auf den ersten Blick nennt. Allerdings nicht gegenseitig. Dieser junge Arzt war der feinste Mann, den sie je in unserem Ort gesehen hatte; kein Wunder, dass sie hin war. Für ihn war sie bloss ein Fräulein, das zum Arzt wollte.
Sie war in einer ähnlichen Sache da wie ich. Ihre Mutter hatte sich seit Jahren von Dr. Gamble und Dr. Foote behandeln lassen, ohne Erfolg. Als sie von dem neuen Arzt hörte, entschloss sie sich deshalb, es einmal mit ihm zu versuchen. Er versprach, noch am selben Tag vorbeizukommen.
Ich sagte vorhin, es sei Liebe auf den ersten Blick gewesen. Dabei urteile ich nicht nur nach ihrem späteren Verhalten, sondern danach, wie sie ihn damals anschaute. Ich bin kein Gedankenleser, aber es war ganz unverkennbar, dass es sie erwischt hatte.
Nun war Jim Kendall nicht nur ein Spassvogel und ein tüchtiger Trinker, er war ausserdem noch ein Schürzenjäger. Er hat es wohl ziemlich arg getrieben, als er noch für die Konservenfabrik reiste, und auch hier im Ort hatte er ein paar Geschichten gehabt. Seine Frau hätte sich scheiden lassen können, wie gesagt, nur konnte sie eben nicht.
Aber Jim war wie die meisten von uns. Er wollte, was er nicht kriegen konnte. Er wollte Julie Gregg und zerbrach sich fast den Kopf, wie er ans Ziel kommen könnte. Nur hätte er Dez gesagt statt Kopf.
Leider kam er mit seinem Lebenswandel und seinen lustigen Streichen bei Julie nicht an, und dazu kam noch, dass er verheiratet war.
So hatte er denn ebensowenig bei ihr zu bestellen wie, nun, wie ein Karnickel. Das ist auch so einer von seinen Sprüchen. Wenn jemand keine Aussicht hatte, gewählt zu werden oder irgend etwas, sagte Jim jeweils, er habe ebensowenig zu bestellen wie ein Karnickel.
Er machte kein Hehl daraus, wie es um ihn stand. Mehr als einmal hat er hier drin vor allen Leuten erklärt, er sei in Julie verknallt, und wer sie ihm verschaffe, könne dafür sein Haus mitsamt Frau und Kindern haben. Aber sie wollte nichts von ihm wissen, ja sie sprach nicht einmal mit ihm. Als er sah, dass er auf seine gewöhnliche Art nirgends hinkam, beschloss er, es mit handgreiflicheren Mitteln zu versuchen. Eines Abends ging er einfach zu ihrem Haus hin, und als sie die Tür aufmachte, zwängte er sich hinein und packte sie. Es gelang ihr aber, sich loszureissen und in das Nebenzimmer zu fliehen, wo sie sich einriegelte und Joe Barnes telephonierte. Joe ist der Polizeivorsteher. Jim hörte, mit wem sie telephonierte, und verkrümelte sich, bevor Joe hinkam.
Joe war ein alter Freund von Julies Vater; er ging am nächsten Tag zu Jim und setzte ihm auseinander, was ihm bevorstehe, wenn er das je wieder tue.
Ich weiss nicht, wie es kam, dass die Geschichte bekannt wurde. Möglicherweise erzählte Joe Barnes seiner Frau davon, und sie sagte es irgendeiner andern Frau, die es ihrem Mann erzählte. Jedenfalls kam es heraus, und Hod Meyers hatte die Stirn, Jim damit aufzuziehen, hier drin bei mir. Jim stellte es nicht in Abrede, er tat es mit einem Lachen ab und sagte, es sei noch nicht aller Tage Abend; schon viele hätten versucht, ihn für dumm zu verkaufen, aber er habe es ihnen noch immer heimgezahlt.
Inzwischen hatte es sich in der Stadt herumgesprochen, dass Julie auf den jungen Arzt versessen war. Vermutlich hatte sie keine Ahnung, was für eine Veränderung mit ihrem Gesicht vorging, wenn sie mit ihm zusammen war; wenn sie es geahnt hätte, wäre sie ihm aus dem Weg gegangen. Auch ahnte sie nicht, dass es allen schon längst aufgefallen war, wie oft sie unter irgendeinem Vorwand beim Arzt vorsprach oder auf der andern Seite der Strasse vorbeiging und zu seinem Fenster hinaufschaute. Mir tat sie leid und noch andern auch.
Hod Meyers hielt es Jim immer wieder vor, wie der Arzt ihn bei Julie ausgestochen habe. Jim kehrte sich nicht daran; es war unverkennbar, dass er wieder etwas im Schilde führte.
Bewundernswert war die Art, wie er seine Stimme verstellen konnte. Manchmal hätte man meinen können, es sei eine Mädchen stimme, und auch sonst konnte er jeden täuschend nachahmen. Um Ihnen zu zeigen, wie gut er sich darauf verstand, will ich Ihnen erzählen, wie er es mir einmal gemacht hat.
In den meisten grösseren Ortschaften, wissen Sie, wenn einer tot ist und rasiert werden muss, dann knöpft ihm der Frisör, der ihn rasiert, fünf Dollar dafür ab; das heisst, natürlich nicht ihm, sondern dem, von dem er den Auftrag hat. Ich verlange bloss drei Dollar, es macht mir nämlich nichts aus, einen Toten zu rasieren. Tote halten sich bedeutend ruhiger als lebende Kunden. Der einzige Nachteil ist, man hat keine Lust, mit ihnen zu plaudern, und fühlt sich etwas einsam.
Also, ungefähr am kältesten Tag, den wir hier je hatten, im vorletzten Winter, läutete bei mir zu Hause, während ich am Essen war, das Telephon, und als ich es abnahm, war da die Stimme einer Frau, und sie sagte, sie sei Frau Scott; ihr Mann sei gestorben, ich möchte doch kommen und ihn rasieren.
John Scott war einer meiner guten Kunden, wohnte aber sieben Meilen weit auf dem Land draussen. Trotzdem konnte ich nicht gut ablehnen.
Ich sagte deshalb zu, bemerkte aber, ich müsse einen Wagen nehmen, es könne deshalb noch drei oder vier Dollar mehr kosten als das Rasieren allein. Sie, oder die Stimme, sagte, das sei schon recht, und so liess ich mich denn von Frank Abbott hinausfahren, und als ich dort anlangte, wer macht mir die Tür auf? Niemand anders als John Scott selber! Er war ebensowenig tot wie, na, wie ein Karnickel.
Es brauchte keinen Privatdetektiv, um herauszufinden, wer mir den kleinen Streich gespielt hatte. Dergleichen konnte nur Jim Kendall einfallen. Das war eine ulkige Kruke!
Ich erzähle Ihnen das nur, um Ihnen zu zeigen, wie er seine Stimme verstellen konnte, so dass man glaubte, es sei jemand anders. Ich hätte geschworen, es sei Scotts Frau, die mich anrief. Oder jedenfalls eine Frau.
Jim wartete also, bis ihm Dr. Stairs Stimme geläufig war; dann ging er auf Rache aus.
Eines Abends, als er wusste, dass der Arzt in Carterville drüben war, rief er Julie an. Ich bin sicher, sie hielt es für Dr. Stairs Stimme. Jim sagte, er müsse sie unbedingt noch am selben Abend sprechen, um ihr etwas mitzuteilen, was keinen Aufschub leide. Sie war natürlich sehr gespannt und bat ihn, zu ihr zu kommen. Aber er sagte, er erwarte noch ein wichtiges Ferngespräch und ob sie nicht für dies eine Mal ihre gute Kinderstube vergessen und zu ihm in die Praxis kommen könne; es werde sie ja niemand sehen und er müsse einfach mit ihr sprechen. Nun, Julie fiel darauf herein.
Dr. Stair lässt immer ein Nachtlicht bei sich brennen, so dass Julie den Eindruck hatte, es sei jemand zu Hause.
Unterdessen war Jim in seine Stammkneipe gegangen, wo es fröhlich zuging. Die meisten hatten ziemlich getrunken, und es war eine rauhe Bande, auch wenn sie nüchtern waren. Sie machten immer gern mit, wenn Jim etwas ausgeheckt hatte, und als er ihnen sagte, sie sollten mitkommen, es gebe was, da liessen sie die Karten und das Billard und zogen hinterher.
Dr. Stairs Praxis befindet sich im ersten Stock. Grad ausserhalb der Haustür ist eine Treppe, die zum oberen Stock führt. Hinter dieser Treppe im Dunkeln versteckten sich Jim und seine Kumpanen.
Julie kam also vor die Haustür und läutete, ohne dass sich etwas regte. Sie läutete nochmals und hat wohl sieben- oder achtmal geläutet. Dann wollte sie die Tür aufklinken und fand sie verschlossen. Darauf liess Jim etwas von sich hören, und sie wartete einen Augenblick und sagte dann: „Bist du’s, Ralph?” Ralph ist der Vorname von Dr. Stair.
Es kam keine Antwort, und es muss ihr wohl plötzlich aufgegangen sein, dass man sie zum besten gehalten hatte. Fast wäre sie die Treppe hinuntergefallen und die Bande hinter ihr her. Auf dem ganzen Heimweg waren sie hinter ihr her und grölten: „Bist du’s, Ralph?” und „Ach, Ralphie, mein Lieber, bist du’s?” Jim behauptete nachher, er habe es selber nicht rufen können, so habe er gelacht.
Die arme Julie! Es ging lange, lange, bis sie sich wieder hier auf der Hauptstrasse blicken liess.
Natürlich erzählten es Jim und seine Kumpane jedermann im Ort, jedermann ausser Dr. Stair. Ihm wagten sie es nicht zu sagen, und er hätte es vielleicht gar nie erfahren, wenn nicht Paul Dickson gewesen wäre. Der arme Tropf, er war einmal hier im Laden, als Jim sich immer noch damit dicketat, wie er Julie hereingelegt habe. Und Paul verstand gerade genug davon, um mit der Geschichte zu Dr. Stair zu laufen.
Man kann sich vorstellen, dass er hochging und sich schwor, Jim einen Denkzettel zu geben. Aber es war eine heikle Sache; wenn es nämlich herauskam, dass er Jim zusammengeschlagen habe, dann musste Julie davon erfahren, und das hiess, dass sie wusste, dass der Arzt von der Geschichte wusste, und das machte die Sache natürlich nur um so schlimmer. Er musste also behutsam vorgehen.
Ich persönlich würde nie jemand im selben Boot mit mir schiessen lassen, wenn ich nicht sicher wäre, dass der Betreffende mit Schusswaffen umgehen kann. Es war dumm von Jim, seine Flinte einem blutigen Anfänger zu überlassen, geschweige denn einem Schwachsinnigen. Wahrscheinlich ist ihm recht geschehen. Aber wir vermissen ihn hier immer noch. Er war doch eine ulkige Kruke!
Feucht bürsten oder trocken?
Nun, ein paar Tage später war Jim wieder hier im Laden und der Schwachsinnige auch. Jim wollte am nächsten Tag auf die Entenjagd und hatte hereingeschaut, weil er Hod Meyers suchte, der mit sollte. Ich wusste zufällig, dass Hod nach Carterville gefahren war und erst gegen Ende der Woche wieder zurück sein werde. Jim sagte, er gehe nicht gern allein, dann lasse er es lieber bleiben. Darauf tat Paul den Mund auf und sagte, wenn Jim ihn mitnehme, er komme gerne mit. Jim überlegte es sich einen Augenblick und meinte dann, ein Halbschlauer sei schliesslich besser als gar nichts.
Wahrscheinlich hatte er vor, Paul einen Streich zu spielen, ihn vom Boot ins Wasser zu stossen oder so. Jedenfalls sagte er, Paul könne mitkommen. Er fragte ihn, ob er je eine Ente geschossen habe, und Paul antwortete, er habe überhaupt noch nie eine Flinte in der Hand gehabt. So sagte denn Jim, er könne im Boot sitzen und ihm zuschauen, und wenn er brav sei, dürfe er auch ein paar Schüsse abgeben. Sie verabredeten sich auf frühmorgens, und das war das letzte Mal, dass ich Jim lebend sah.
Am nächsten Vormittag hatte ich den Laden noch keine zehn Minuten offen, als Dr. Stair hereinkam. Er schien etwas aufgeregt und fragte mich, ob ich Paul Dickson gesehen habe. Ich sagte nein, aber ich wisse, wo er sei, auf der Entenjagd mit Jim Kendall. Das habe er auch gehört, meinte der Arzt, und es komme ihm seltsam vor, weil Paul ihm gesagt habe, er wolle zeit seines Lebens nie nichts mehr mit Jim zu tun haben.
Er sagte auch, Paul habe ihm erzählt, wie Jim mit Julie umgesprungen sei, und habe ihn gefragt, was er davon halte; er habe geantwortet, wer so etwas tue, verdiene nicht zu leben.
Ich sagte, es sei ja freilich etwas roh gewesen, aber Jim könne nun einmal keinem lustigen Streich nicht widerstehen, wenn er auch noch so roh sei. Innerlich sei er ein guter Kerl, aber eben voller Übermut. Dr. Stair machte kehrt und ging hinaus.
Am Mittag erhielt er einen Anruf vom alten John Scott. Der See, wo Jim und Paul auf die Jagd gingen, gehört zu Johns Gut. Paul war vor ein paar Minuten gelaufen gekommen und hatte gesagt, es sei etwas passiert. Jim hatte ein paar Enten geschossen und dann die Flinte an Paul gegeben und gesagt, er solle es auch mal versuchen. Paul hatte noch nie eine Flinte in der Hand gehabt; er war aufgeregt und zitterte so stark, dass er die Flinte nicht mehr in der Gewalt hatte. Ein Schuss löste sich, und Jim sackte im Boot zusammen, tot.
In seiner Eigenschaft als Leichenbeschauer sprang Dr. Stair in Frank Abbotts Auto und fuhr hinaus auf Scotts Gut, wo er Paul und den alten John am Ufer fand. Paul hatte das Boot ans Ufer gerudert, aber die Leiche hatten sie drin gelassen, bis der Arzt komme.
Dieser untersuchte den Fall und sagte, sie könnten die Leiche gleich in den Ort schaffen, es habe keinen Sinn, sie hierzulassen oder eine Totenschau abzuhalten, es handle sich ganz offenbar um einen tödlichen Unfall.