Eine Admiralsnacht

von Joaquim Maria Machado de Assis

Deolindo Venta-Grande (Venta-Grande oder Plattnase war ein Spitzname, den er an Bord geerbt hatte) verliess das Marineamt und bog in die Rua da Braganca ein. Es schlug drei Uhr. Deolindo war ein schmucker Matrose, und seine Augen strahlten vor Glück. Seine Korvette war soeben von einer langen Übungsfahrt zurückgekehrt, und Deolindo war an Land gegangen, sobald er Urlaub bekommen konnte. Die Kameraden sagten lachend zu ihm:
»Na, Plattnase! Das wird eine Admiralsnacht werden, was! Nachtessen, Gitarrenspiel und die Arme deiner Genoveva. Genovevas Hälschen . . .«
Deolindo lachte. Es stimmte: eine Admiralsnacht, wie man sagte, eine ausgewachsene Admiralsnacht erwartete ihn an Land. Seine Liebe hatte drei Monate vor der Ausreise begonnen. Sie hiess Genoveva, eine zwanzigjährige Cabocla, eine Halbschwarze, mit verschmitzten schwarzen Augen, ein vorlautes kleines Ding. Sie hatten einander im Hause gemeinsamer Freunde kennengelernt und sich Hals über Kopf ineinander verliebt. Und zwar so sehr, dass sie drauf und dran gewesen waren, eine Torheit zu begehen: er hatte heimlich von Bord gehen und mit ihr in den tiefsten Winkel des Hinterlandes fliehen wollen.
Die alte Inacia indessen, bei der die Kleine wohnte, hatte das Pärchen umzustimmen gewusst, so dass Deolindo nichts anderes übriggeblieben war, als die Kreuzfahrt mitzumachen. Das Schiff sollte acht bis zehn Monate auf See sein. Um sich ihrer gegenseitigen Liebe zu vergewissern, hatten die beiden beschlossen, einander Treue zu schwören.
»Ich schwöre bei Gott, der im Himmel ist. Und du?«
»Ich auch.«
»Sag’s richtig!«
»Ich schwöre bei Gott, der im Himmel ist. Das heilige Licht soll mich in meiner Todesstunde verlassen.«
Der Seelenbund war besiegelt. An der Aufrichtigkeit beider konnte kein Zweifel herrschen; sie weinte wie wahnsinnig, er biss sich auf die Lippen, um seine Ergriffenheit zu verbergen. Schliesslich trennten sie sich, Genoveva sah die Korvette auslaufen und ging mit so bangem Herzen heim, dass sie »das Schlimmste« befürchtete. Aber das Schlimmste blieb aus, glücklicherweise; die Tage gingen vorüber, die Wochen, die Monate, zehn Monate – und dann kehrte die Korvette heim und mit ihr Deolindo.
Da geht er nun die Rua da Braganca entlang, durch Prainha und Saude, bis zur Rua da Gamboa, wo Genoveva wohnt, gleich hinter dem Englischen Friedhof. Das Haus ist kaum mehr als ein Lattenverschlag, die Haustüre von der Sonne gerissen. Sicherlich lehnt dort Genoveva am Fenster und wartet auf ihn. Deolindo will sich eine Begrüssung ausdenken. Eine weiss er schon: »Ich hab’s geschworen und hab’s gehalten.« Er will jedoch eine noch bessere finden. Gleichzeitig fallen ihm Frauen ein, die er überall, auf der ganzen Welt, gesehen hat, Italienerinnen, Mädchen aus Marseille, Türkinnen, viele von ihnen hübsch, wenigstens haben sie so auf ihn gewirkt. Nicht alle, das musste er zugeben, waren nach seinem Geschmack, aber manch eine war es gewesen; trotzdem hatte er nichts von ihnen wissen wollen. Er hatte nur an Genoveva gedacht. Gerade ihr Häuschen, fast so klein wie ein Puppenhaus, und die wackeligen Möbel, alles so armselig und so alt, waren ihm angesichts der Paläste anderer Länder in den Sinn gekommen. Nur dank äusserster Sparsamkeit hatte er in Triest ein Paar Ohrringe erstehen können, die trägt er jetzt in der Tasche, zusammen mit ein paar Kleinigkeiten. Und sie, was hielt sie wohl für ihn bereit?

Vielleicht ein Taschentuch mit seinem Namen und einem Anker in der Ecke, da sie doch so gut zu sticken verstand.
Mittlerweile gelangte er zur Rua da Gamboa, ging am Friedhof vorbei, und schon stand er vor dem verschlossenen Häuschen. Er klopfte, eine ihm wohlbekannte Stimme antwortete, es war die alte Inacia, die ihm unter Freuderufen öffnete. Ungeduldig fragte Deolindo nach Genoveva.
»Red mir nicht von der Verrückten”, erwiderte die Alte. „Ich bin sehr froh über den Rat, den ich dir damals gegeben habe. Stell dir vor, du wärst mit ihr geflohen. Du sässest jetzt schön in der Patsche.”
„Aber was ist denn geschehen? Was ist nur geschehen?”
Die Alte sagte, er solle sich beruhigen, nichts sei geschehen, nicht mehr, als jeden Tag eintreten könne; es lohne sich nicht, darüber in Harnisch zu geraten. Genoveva habe den Kopf verloren…
„Den Kopf verloren? Aber warum, weshalb?«
„Sie geht mit einem Trödler, Jose Diogo. Hast du Jose Diogo, den Stofftrödler, gekannt? Sie hat’s mit ihm. Du kannst dir nicht vorstellen, wie vernarrt die beiden ineinander sind. Besonders sie! Sie ist förmlich durchgedreht. Deshalb haben wir uns auch verzankt. Jose Diogo wich mir nicht mehr von der Schwelle; es wurde geschwatzt und geschwatzt, bis ich sagte, der Ruf meines Hauses sei mir zu gut dafür. Herr des Himmels! Es war wie am Jüngsten Tag. Genoveva machte Augen, als wollte sie mich auffressen, sagte, sie habe noch niemandem einen schlechten Ruf eingebracht, ausserdem brauche sie kein Almosen. Was für Almosen denn, Genoveva? Ich sage ja nur, dass ich dieses ewige Süssholzraspeln an meiner Tür nicht will, schon vom Ave-Maria an… Zwei Tage später war der Krach da und sie auf und davon.«
„Wo wohnt sie jetzt?«
„An der Praia Formosa, bevor du an den Steinbruch kommst, ein neugestrichenes Häuschen.«
Deolindo hatte genug gehört. Die alte Inacia, schon bereuend, zuviel gesagt zu haben, riet ihm noch zur Vorsicht, aber er hatte kein Ohr für Ratschläge, und fort war er. Was er unterwegs dachte, darf ich getrost übergehen, denn er dachte nichts. Die Gedanken wirbelten ihm im Kopf herum wie im Sturm auf See, inmitten eines Getöses von Winden und Kommandopfiffen. Dazwischen blitzte ein Seemannsmesser auf, blutbeklebt und rachsüchtig. Mittlerweile hatte er die Gamboa hinter sich, den Sacco do Alferes und ging die Praia Formosa entlang. Er wusste die Nummer des Hauses nicht, es sollte jedoch in der Nähe des Steinbruchs liegen und neu angestrichen sein; mit Hilfe der Nachbarn würde er es schon finden. Er hatte jedoch nicht mit dem Zufall gerechnet, der Genoveva gerade in jenem Augenblick nähend ans Fenster setzte, als er selber davor auftauchte. Deolindo erkannte sie und blieb stehen; als sie eine Männergestalt sah, hob sie die Augen und erblickte den Seemann.
»Na so was!” rief sie verwundert aus. »Wann bist du denn angekommen? Tritt ein, seu Deolindo!
Sie stand auf, öffnete die Tür und hiess ihn eintreten. Jedem anderen Mann wäre das Herz vor Hoffnung geschwollen, so frank und frei war das Gebaren des jungen Mädchens. Vielleicht hatte die Alte sich geirrt oder gelogen, vielleicht war auch die Liebschaft mit dem Tändler zu Ende. All das ging Deolindo durch den Kopf, nicht klar und überlegt, sondern blitzschnell und kunterbunt. Genoveva liess die Tür offenstehen, hiess ihn Platz nehmen, bat ihn, ihr von der Reise zu erzählen, und fand ihn dicker geworden; von Gemütsbewegung oder Vertraulichkeit keine Spur.

Deolindo sah seine letzten Felle wegschwimmen. In Ermangelung eines Messers würden seine Hände genügen müssen, um Genoveva zu erwürgen, sie war ja nur eine Handvoll Mensch, und während der ersten Minuten dachte er an nichts anderes.
„Ich weiss alles”, sagte er.
„Wer hat es dir erzählt?”
Deolindo hob die Achseln.
»Mag’s sein, wer auch immer”, sagte sie. »Hat man dir auch gesagt, dass ich jemanden liebe?”
»Das hat man mir gesagt.«
»Dann hat man dir die Wahrheit gesagt.«
Deolindo schoss das Blut in die Schläfen; sie aber beschwichtigte ihn mit einem einzigen Blick. Dann sagte sie, sie habe ihm nur aufgemacht, weil sie ihn für einen vernünftigen Menschen halte, und erzählte ihm alles, von ihrer Sehnsucht nach ihm, von dem Drängen des Trödlers und von ihrem Widerstand, bis sie eines Morgens erwacht sei und, ohne zu wissen, wie, den anderen gemocht habe.
»Du kannst mir’s glauben, ich hab viel, viel an dich gedacht. Sinha Inacia soll dir sagen, ob ich nicht lange geweint habe… Aber mein Herz wollte es anders… Es wollte einfach anders… Ich beichte dir alles, so als kniete ich vor dem Priester”, schloss sie lächelnd.
In ihrem Lächeln war kein Spott. Der Ausdruck ihrer Worte war ein Gemisch aus Freimut und Schamlosigkeit, aus Frechheit und Einfachheit; es lässt sich schlecht beschreiben. Ich glaube sogar, Frechheit und Schamlosigkeit treffen nicht das Richtige. Genoveva verteidigte sich nicht wegen eines Irrtums oder Meineids, sie verteidigte sich überhaupt nicht, dazu fehlte ihr jede ethische Voraussetzung. Was sie, kurz gesagt, meinte, war dies: sie hatte lieber bei Deolindo bleiben sollen, sie war mit ihm so glücklich gewesen, sie hatte ja sogar mit ihm fliehen wollen. Da aber der Trödler den Matrosen ausgestochen habe, sei er letzten Endes im Recht und damit müsse man sich abfinden.
Wie findet ihr das?
Nun hielt der arme Seemann ihr ihren Abschiedsschwur vor wie eine ewige Verpflichtung, in Anbetracht derer er zugestimmt habe, nicht zu fliehen, sondern an Bord zu gehen, und wiederholte feierlich:
„Ich schwöre bei GOK, der im Himmel ist. Das heilige Licht soll mich in meiner Todesstunde verlassen.«
Er sagte, er habe sich nur eingeschifft, weil sie geschworen hatte. Mit diesen Worten im Herzen habe er sie verlassen, sei zur See gefahren, habe gewartet und sei wiedergekehrt; sie hatten ihm Kraft zum Leben gegeben. »Ich schwöre bei Gott, der im Himmel ist. Das heilige Licht soll mich in meiner Todesstunde verlassen. . .«
»Du hast recht, Deolindo, so hab ich’s auch gemeint. Als ich schwor, war es mir ernst. So ernst, dass ich bereit war, mit dir ins Innere zu fliehen. Gott allein weiss, dass ich es ernst meinte. Aber es kam anders. Es kam der junge Mann, und ich begann ihn zu lieben . . .«
»Aber man schwört ja gerade, damit man sich nicht in einen anderen verliebt . . .«
»Lass gut sein, Deolindo. Dann hast du also nur an mich gedacht? Mach mir doch nichts vor…«
„Wann kommt Jose Diogo zurück?«
»Heute kommt er nicht mehr.«
»Nein?”
»Nein, er kommt nicht mehr. Er arbeitet heute in Guaratiba, er wird gegen Freitag oder Samstag zurück sein… Warum willst du das wissen? Was hat er dir denn getan?«
Vielleicht hätte jede andere Frau im wesentlichen das gleiche gesagt, aber wenige hätten es so aufrichtig und dabei so ohne Arg, so unbeabsichtigt getan. Man sieht, wie nahe wir hier der Natur sind. Was hat er ihm getan? Was hat ihm der Stein getan, der ihm auf den Kopf gefallen ist? Jeder Physiker kann Ihnen erklären, warum ein Stein fällt.
Deolindo erklärte mit einer Gebärde der Verzweiflung, er wolle ihn umbringen. Genoveva blickte ihn verächtlich an, lächelte leichthin und schnalzte mit der Zunge; als er aber Undank und Meineid ins Feld fahrte, konnte sie ihre Verblüffung nicht langer verbergen. Wieso Meineid? Wieso Undank? Sie hatte ihm doch bereits erklärt und wiederholte es nun: als sie schwor, war es ihr ernst gewesen. »Unsere Heilige Mutter Gottes, die dort auf der Kommode steht, sie kann bezeugen, ob es wahr ist oder nicht!« Wollte er ihr so vergelten, was sie gelitten hatte? Hatte er, der sich auf seine Treue soviel zugute hielt, jeden Tag seiner Reise ausschliesslich an sie gedacht?
Statt einer Antwort steckte er die Hand in die Tasche und förderte das mitgebrachte Packchen zutage~ Sie öffnete es, hielt die Sachelchen eines nach dem anderen ans Licht und stiess schliesslich auf die Ohrringe. Sie waren nichts Besonderes und konnten es auch nicht sein, sie waren sogar reichlich geschmacklos, sahen aber trotzdem aus wie aus Tausendundeiner Nacht. Genoveva nahm sie in die Hand, befriedigt, betört, musterte sie von allen Seiten, hielt sie nahe vor die Augen, dann weit von sich weg und befestigte sie schliesslich an ihren Ohren. Darauf lief sie vor den billigen Spiegel, der zwischen Fenster und Tür an der Wand hing, um zu sehen, wie sie ihr standen. Sie machte einen Schritt zurück, dann einen vor, drehte den Kopf von rechts nach links und von links nach rechts.
»Alles, was recht ist, hübsch sind sie«, sagte sie und machte ihm zum Dank einen Knicks. »Wo hast du sie gekauft?«
Ich glaube nicht, dass er eine Antwort gab, dass er dazu Zeit gefunden hätte, denn sie schoss rasch zwei oder drei Fragen auf ihn ab, eine nach der anderen, so verwirrt war sie darüber, ein Geschenk zum Dank für Treulosigkeit erhalten zu haben. Die Verwirrung dauerte fünf oder vier, vielleicht auch nur zwei Minuten. Bald legte sie die Ohrringe wieder ab, betrachtete sie noch einmal und bettete sie sodann in das Kästchen auf dem runden Tisch, der in der Mitte der Stube stand. Er seinerseits begann zu glauben, dass, so wie er Genoveva in seiner Abwesenheit verloren hatte, der andere, der jetzt abwesend war, sie gleichfalls verlieren könne; sehr wahrscheinlich hatte sie ihm auch keinen gültigen Schwur geleistet
»Vor lauter Schwatzen ist es Nacht geworden«, sagte Genoveva.
Und in der Tat, rasch fiel die Nacht. Schon war das Lepraheim nicht mehr zu sehen, nur undeudich erkannte sie die Meloneninsel, sogar die Ruderboote und Kanus, die vor dem Haus auf dem Trockenen lagen, verschmolzen mit der Erde und dem Sand des Strandes. Genoveva zündete eine Kerze an. Dann setzte sie sich auf die Tür schwelle und bat, er möge ihr doch von den fremden Ländern erzählen, die er bereist habe.
Anfangs liess Deolindo sich bitten, er sagte, er müsse fort, stand auf und machte ein paar Schritte durchs Zimmer. Aber der Dämon der Hoffnung benagte und beschmeichelte das Herz des armen Jungen; so setzte er sich wieder, um zwei oder drei Geschichten von Bord zum besten zu geben. Genoveva hörte aufmerksam zu. Als eine Frau aus der Nachbarschaft, die gerade vorbeikam, sie unterbrach, rief Genoveva, sie solle sich zu ihnen setzen und auch »den schönen Geschichten zuhören, die Senhor Deolindo aus Übersee mitgebracht habe”.

Damit war die gegenseitige Vorstellung beendet. Eine grosse Dame, die bis in die Nacht hinein liest, um ein Buch oder ein Kapitel zu beenden, kann das Leben der Romanfiguren nicht inniger miterleben, als die ehemalige Geliebte des Seemanns die Szenen miterlebte, die dieser schilderte; sie hörte so frei, so gefesselt zu, als gäbe es zwischen ihnen beiden keine anderen Bande als die Wiedergabe erlebter Episoden. Was geht die grosse Dame der Verfasser des Buches an? Was ging das junge Ding der Erzähler erlebter Episoden an?
Schliesslich begann aber die Hoffnung ihn doch zu verlassen, und er stand auf, um sich endgültig zu verabschieden. Genoveva wollte ihn nicht gehen lassen, bevor die Freundin nicht die Ohrringe gesehen hatte, und zeigte sie ihr unter Beteuerungen ihres Wertes. Die Freundin war entzückt, lobte sie überschwenglich, fragte, ob er sie in Frankreich gekauft habe, und bat Genoveva, sie anzulegen.
„Weiss Gott, sie sind bildschön.”
Ich wage anzunehmen, dass sogar der Seemann mit dieser Ansicht übereinstimmte. Es machte ihm Freude, sie von neuem an ihr zu sehen, er fand, sie seien wie eigens für sie verfertigt, ein paar Sekunden lang genoss er das köstliche, seltene Gefühl, ein aussergewöhnliches Geschenk gemacht zu haben, aber es waren eben nur wenige Sekunden.
Als er sich verabschiedete, begleitete Genoveva ihn zur Tür, um ihm nochmals für das schöne Geschenk zu danken, und vermutlich auch, um ihm ein paar zärtliche, belanglose Dinge zuzuflüstern. Die Freundin, die sie in der Stube zurückgelassen hatte, hörte nur folgende Worte: „Mach dir nichts draus, Deolindo”, und die des Seemanns: „Du wirst ja sehen.” Den Rest, ein blosses Gemurmel, konnte sie nicht verstehen.
Deolindo ging am Strand entlang, schleppend, niedergeschlagen; er war nicht mehr der ungestüme junge Mann vom Nachmittag, sondern sah alt und traurig aus wie einer, der „auf halbem Wege umkehrt”. Genoveva trat gleich wieder ins Haus zurück. Sie erzählte der anderen die Geschichte von ihrer Liebschaft mit dem Seefahrer und pries den Charakter Deolindos und seine freundlichen Manieren, worauf die Freundin erklärte, sie fände ihn sehr sympathisch.
„Ja, er ist ein guter Junge”, fiel Genoveva ein. „Weisst du, was er mir soeben gesagt hat?
„Na, was denn?”
„Er will sich unbedingt umbringen.«
„Jesus Maria!”
„Ach was! Der bringt sich nicht um, wetten? Deolindo ist so, er sagt alles mögliche, tut’s aber dann doch nicht. Du wirst sehen, er bringt sich nicht um. Der Ärmste, es ist reine Eifersucht. Aber die Ohrringe sind trotzdem hübsch.”
„Ich habe noch nie solche gesehen.«
„Ich auch nicht”, pflichtete Genoveva bei und hielt sie wieder ans Licht. Dann verwahrte sie sie sorgfältig und lud die Nachbarin zum Nähen ein. „Los, wir wollen ein bisschen nähen, ich will noch mein blaues Hemd fertigmachen . . .
Tatsächlich brachte der Seemann sich nicht um. Am folgenden Tag schlugen ihm seine Kameraden auf die Schulter, beglückwünschten ihn zu seiner Admiralsnacht und fragten ihn nach Genoveva, ob sie noch hübscher geworden sei, ob sie in seiner Abwesenheit viel geweint habe und so weiter. Er antwortete auf alles mit einem befriedigten, verschwiegenen Lächeln, dem Lächeln eines Mannes, der eine grandiose Nacht hinter sich hat. Anscheinend schämte er sich der Wirklichkeit und zog es vor zu lügen.

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