Stroppi / Teil 2
von Annemie Fetten-Winklhofer (copyright)
Er hat feuerrote spärliche Haare. Ein Beamter schiebt die Tür auf. “Sachte, sachte, meine Herren, kommen Sie herein. Was wollen Sie von uns? Wir sind unschuldig!” sagt der Hannes. Der Kommissar betritt den Raum. “So, so, unschuldig sind Sie? Wessen haben wir Sie denn für schuldig erklärt?” Und der Lange, der Dummerjan, sagt in jämmerlichem Ton aus seinen Daunenkissen vom Bett heraus: “Wir haben den Schmuck nicht gestohlen. Da müssen Sie schon andere suchen.” – “Halt´s Maul,” schnauzt der Hannes, “mein Freund ist aufgeregt,” sagt er an den Kommissar gewandt. Er hat schon einmal schuldlos hinter Gittern gesessen.” – “So, so – – – ” nickt der Kommissar, “Sie leben je recht komfortabel hier.” Er blickt sich in dem luxuriös ausgestatteten Zimmer um. “Ziehen Sie sich an!” schnauzt er den Langen mit der großen Nase an. Der Hannes meint wieder, antworten zu müssen, obwohl er nicht gemeint ist: “Meine reiche Tante in Amerika ist gestorben, und ich habe geerbt. Feine Sache, was?” Lässig schlägt er die Goldtroddel seines edlen schwarzen Bademantels übereinander. “Meine ganze Familie,” murmelt er weiter, “ist sehr reich. Es sind auch Grafen darunter. Mein Vater war auch einer.” – “Ja, den kenne ich. Er wurde auch Graf von Klau genannt. Der Kommissar wird ernst und in scharfem Ton: “Hannes, hör auf zu labern. Rück den Schmuck raus und zieht euch endlich was Ordentliches an!” – “Aber Herr Kommissar, was für einen Schmuckkoffer denn?” Ein weiterer Polizist in Uniform ist dabei, die andere Seite der Zimmerflucht zu durchsuchen. “Macht keine weiteren Dummheiten,” sagt der Kommissar energisch. Es ist besser für euch, ihr kommst ohne Widerspruch mit.” Hannes ist empört. Er schimpft vor sich hin: “Verdammte Sch…., wie komm ich aus dem Schlamassel wieder raus!?” Er mosert und mosert, hält Gott und die Welt und sogar die Polizei für Narren und sich selbst – wie kann man nur? – für einen Ehrenmann. Der Kommissar hat die Hände in die Hüften gestützt und wartet, daß der Hannes sich endlich anzieht. Plötzlich hält der Hannes mit Schimpfen und inne, der Kommissar schnellt herum und stürzt nach nebenan in polterndes und lärmendes Durcheinander. Da liegt der freundliche Polizist, der nachmittags noch mit Stroppi alle nur erdenklichen Laubenkolonien abgesucht hat, auf dem teuren Perserteppich und über ihn ist der Lange gebeugt – wie ist er nur unbemerkt dahingekommen? Sicherlich vom Bad aus, als er vorgab, sich umzuziehen. Der Kerl hält in der hocherhobenen Hand einen schweren Kerzenleuchter und ist im Begriff, auf den am Boden Liegendeneinzuschlagen. Will er den Polizisten töten? “Schlag zu Langer, schlag zu!” schreit der Hannes lauthals. Aber mit geübtem Griff reißt der Kommissar dem Langen den Leuchter aus der Hand. “Au!” schreit der Lange. Es macht klick, und die Handschellen sitzen fest an seinen Handgelenken. Eine jämmerliche Figur im Firstclass-Bademantel gibt er ab. Aber – keiner hat’s bemerkt – dieser kriminelle Hannes, dieser Nichtsnutz rennt mit einem teuren Seidenhemd bekleidet und einer Leinenhose, die er noch im Laufen zuknöpft, den läuferbelegten Gang entlang, stürzt in den Aufzug, der ihn natürlich fahrbereit, mit geöffneter Tür und wie für ihn bestellt aufnimmt und saust hinunter in die Hotelhalle.
Wie ein geölter Blitz flitzt der Hannes an dem erstaunten Portier vorbei durch die Empfangshalle, schwupp, schwupp durch die Drehtür und hast du nicht gesehen, sitzt er schon in seinem Auto, steckt den Schlüssel ins Zündschloß, gibt Gas und weg ist er und verschwindet im Straßenverkehr von Venlo. Er weint, er weint und weint. Die Polizeiautos heulen erst eine halbe Stunde später los. Es gab Pannen, die ich jetzt nicht beschreiben will. Oder doch? Es hat solange gedauert, bis das Kennzeichen des Fluchtfahrzeuges bekannt war. Schlamperei! Und das im Zeitalter der Computer! Der Kommissar sitzt in einem der Fahrzeuge und stellt befriedigt fest, daß wohl die gesamte niederländische und deutsche Polizei auf den Beinen bzw. auf den Rädern ist. “Es ist jetzt nur noch eine Frage der Zeit,” denkt er erleichtert, “dann haben wir ihn.” Hinten im Wagen sitzt der Wachtmeister, den der Lange beinahe erschlagen hätte, der aber Gott sei Dank nur eine dicke Beule am Kopf davongetragen hat. Wichtig ist, daß seine Blessuren nur äußerlich sind. Er ist wieder putzmunter. Voller Ingrimm ballt er seine Hände zu Fäusten. Wie gern würde er sie benutzen und den Langen schlagen, der in Handschellen wie ein Häufchen Elend neben ihm kauert. Der Lange weint über die Ungerechtigkeit auf dieser Welt, und seine große Nase wird zu allem Übel auch noch knallrot.
Und der Hannes schwitzt hinter dem Lenkrad seines Autos. Er fährt blindlings drauflos. Die Grenze in Venlo hat er längst passiert. Wohin, wohin soll er nun fahren? Erst mal Richtung Leverkusener Kreuz. Jetzt will er nach Italien. Holland kann er vergessen. Seine dicke Brieftasche hat er noch retten können bei seiner Flucht aus dem Hotel. Und der Schmuckkoffer – ja, der liegt auf dem Sitz im Auto hinter ihm. Er bekommt wieder Mut. Ha, ha, das ist ja seine Lebensversicherung. Ist ja prima, daß er nicht mehr mit dem Langen teilen muß. Das Schicksal meint es wohl doch gut mit ihm. Er fährt und fährt, tankt ungehindert an einer Autobahntankstelle, wechselt von einer Autobahn auf die andere, huscht an Polizeikontrollen vorbei und bewegt sich schnurstracks Richtung Frankfurter Kreuz auf Niederbayern zu. Dort will er die Nummernschilder austauschen, sich ein neues Outfit zulegen, tja – Italien. Wunschträume des Hannes. In Niederbayern – in Passau will er einen befreundeten Knastbruder Ganoven aufsuchen, von dem er weiß, daß er für Geld Nummernschilder und Ausweise fälscht. Der Morgen dämmert, und nach einer Mütze voll Schlaf auf einem Autobahnparkplatz, nachdem ihm die Augen vor lauter Streß und Übermüdung zugefallen waren, ist der Hannes fast in Passau angelangt, der Stadt mit den drei Flüssen. Aber was interessieren ihn die Schönheiten dieser Stadt? Er wird mit Sicherheit nicht die größte Orgel der Welt im Passauer Dom bewundern oder auf der Innenseite zu “Maria-Hilf” hochkraxeln! Jetzt heißt es für ihn: Überleben! Aber kurz vor den Toren dieser interessanten Stadt muß er tanken. Das rote Kontrollämpchen leuchtet eindringlich auf. Gähnend fährt der Hannes neben der blauen Donau her und steuert eine romantisch gelegene Tankstelle an. Keine Selbstbedienung an dieser Tankstelle! Ein verschlafener alter Mann schlurft an seinen Wagen.
“Sand’s a Urlauber?” fragt dieser freundlich, mit dem Bestreben, einen kleinen Schwatz zustande zu bringen. “Gel, sie san net von hier? A Neusser Kennzeichen?. Jo mei, was es net all gibt! Mein Schwiegersohn ist oaner von der Polizei, a Staatsbeamter. Jo mei, mei Marerl ist halt ein saubers Dirndl gwesen! Mei Schwiegersohn is a net von hier. Mitten in der Nacht haben’s ihn fortgerufen, weil sie einem Verbrecher auf der Spur sind, die in unsere Gegend führt. Hoffentlich passiert da nix! Die vielen Kurven heroben bei uns!” – “Mann, reden Sie nicht so viel! Ich muß weiter!” Der Hannes bezahlt und läßt sich kein Wechselgeld zurückgeben. Ein “Vergelt’s Gott,” kann sich der alte Mann noch abringen, als er ans schrill tönende Telefon in den Kassenraum eilt. “Das wird mein Schwiegersohn sein,” murmelt er vor sich hin. “Verdammt,” flucht der Hannes, denn er kann nicht fort. Der Motor springt nicht an. Er hat wohl zu kräftig Gas gegeben, und der Motor ist abgesoffen. Himmel Herrgott Sakrament! Fluchen kann er schon wie ein Bayer. Er greift unter den Beifahrersitz und zieht den kleinen unscheinbaren Koffer hervor und betrachtet ihn mit glänzenden Augen. Seine Lebensversicherung in Form von unendlich kostbaren Diamanten und Brillanten darf ihm nicht durch die Lappen gehen! Der alte Mann schlufft zurück zum Auto. “War doch nicht mein Schwiegersohn,” verkündet er dem erleichterten Hannes. “Nun schieben Sie mich schon an, Sie sehen doch, daß mein Auto nicht anspringt! Es geht doch bergab auf der Landstraße. Das schaffen Sie wohl!” Der alte Mann schiebt tatsächlich den Wagen hinunter auf die Straße, und schwups springt das Auto an. Aus der Ferne vernimmt der Hannes ein schwaches bedrohlich näherkommendes Tatütata. Eine wilde Jagd beginnt. Mit kreischenden Bremsen nimmt der Hannes die Kurven in dieser frühen Morgenstunde, überholt in einer scharfen Kurve und kann von Glück sagen, daß nichts passiert ist. Das Ortsschild PASSAU hat er längst passiert rast mit 120 Sachen durch die Dreiflüssestadt. Das Panorama dieser Stadt läßt ihn kalt. Er ist so konfus, daß er plötzlich am Dreiflüsseeck stark bremsen muß, um nicht in der Ilz, der Donau oder dem Inn zu landen. Na ja, ab hier ist es ja nur noch die Donau, obwohl der Inn viel breiter und schöner ist. Der Hannes ist am Ende seiner Kraft. Aber er ist nicht ins Wasser gestürzt. “Laß dich lieber erwischen,” denkt er total entnervt, “bevor du grausam ertrinken mußt! Sein Designerseiden ist total durchgeschwitzt. Er steigt aus und läßt sich widerstandslos von dem Schwiegersohn des alten Mannes von der Tankstelle festnehmen und steigt in das grüne Polizeiauto um, das direkt neben ihm gehalten hat, aber der Fahrer hatte klugerweise für die letzten Meter das Polizeiauto früh gewendet, um im Rückwärtsgang heranfahren zu können. Und sein Auto muß nun abgeschleppt werden. Hier kann man nicht drehen und wenden, hier ist alles aus, hier geht alles zu Ende. Und der Hannes muß dem schönen Leben, das er führen wollte, ade sagen und in einen schnöden Alltag umsteigen.
Er tut sich sehr leid, der Hannes. “Ich bin eigentlich ein guter Mensch,” denkt er, “als ich ein kleiner Junge war, habe ich oft alten Frauen die Einkaufstaschen getragen.” Es fällt ihm aber nicht ein, daß er vielen Frauen Handtaschen entwendet hat. Hannes, Hannes, so Menschen wie du müssen von der Straße weg! Wenn du einem auch jetzt leid tun kannst! Ob ihr’s glaubt oder nicht, der Hannes hat noch Träume:
Eine holde Maid huscht zu ihm ins Polizeiauto. Sie lächelt ihn bezaubernd an und schließt mit einem goldenen Schlüssel die Handschellen auf und flüstert zärtlich: “Komm mit.” Die beiden eilen davon bis zum Dreiflüsseeck und holen aus dem Auto das Wunderköfferchen und fahren in ein fremdes, fernes sonniges Land. “Ich bin deine Räuberbraut,” flüstert das Wesen zärtlich. Und ganz plötzlich verwandelt es sich in einen Polizisten in grüner Uniform. “Na Bürschchen,” schreit dieser ihm recht unangenehm ins Ohr, “haben wir dich endlich erwischt?” Der Hannes hat wohl erschöpft und tief geschlafen. Die helle blanke Mittagssonne kitzelt ihm auf der Nase herum. “Bald sind wir an Ort und Stelle,” sagt der Kommissar mit der angenehmen Stimme. Der sitzt hinter dem Steuer des Polizeiautos. Der Hannes hat nicht bemerkt, daß die Wagenbesatzung ausgewechselt wurde. Und wer sitzt neben ihm mit Handschellen an ihn gekettet? Der Lange! Der pennt. Er trägt immer noch den Schlafanzug eines besseren Herrn. Ha, ha, ha!
Nun erzählt Stroppi weiter…
Ich bin früh aufgewacht, langweile mich herum und warte drauf, daß Annegret mit den Klavierstunden fertig wird und daß das grauenvolle Geklimper endlich aufhört. Die Stunden eilen dahin. Ich möchte am liebsten jaulen, so schmerzen mir meine Ohren. Wir wollen zur Polizei, die hoffentlich inzwischen herausgefunden hat, wo meine Ilse mit ihrer Mutter wohnt. Daß diese Halunken mir auch die Hundesteuermarke geklaut haben! Ich fetze Zeitungen. Warum kann ich nicht lesen und kenne den Namen der Straße nicht, in der meine liebsten Menschen wohnen? Ich weiß zwar, wie die Häuserreihe aussieht und wie alles riecht, mehr aber nicht. Ich weiß auch, daß ich nur ein dummer Hund bin. Das Telefon klingelt. Soll ich es einfach wagen, den Hörer abzunehmen? Oder soll ich meine Freundin aus dem Musikzimmer holen? Sie hat bestimmt das Klingeln nicht gehört bei dem schrecklichen Gehämmer auf dem armen Klavier. Ich tänzel an das Tischchen, auf dem das Telefon steht, spring auf den Sessel davor, und mit beiden Vorderpfoten hebe ich den Hörer ab. “Hallo, wer ist da?” – “Halloooo, Stroppi, bist du’s etwa?” Ich erkenne die Stimme des Kommissars, die sehr müde klingt. Der Lacher, der dann den Hörer in meinen Pfoten zittern läßt, klingt nicht mehr müde. “Stroppi, Stroppi, das ist ja ein echter Witz! Der telefonierende Hund! Ha, ha, ha!
Aber hör zu, Stroppi. Erzähle der Annegret, daß wir den Hannes und den Langen geschnappt haben mitsamt dem kostbaren Diebesgut. Die Gauner hatten von dem Schmuck noch nichts veräußern können. Die beiden haben alles gestanden. Und deine Hundemarke hatten die Ganoven im Schmuckköfferchen versteckt. Jetzt können wir feststellen, wo deine Ilse mit ihrer Mutter wohnt. Wir holen euch gleich ab.” Vor lauter Aufregung japse ich nach Luft. “Das ist ‘ne Wucht, Herr Kommissar!” – “Ja, nicht wahr, mein Lieber. Und du weißt ja wohl, daß derjenige, der die Polizei auf die Spur der beiden gebracht hat, von dem Juwelier eine Belohnung von Euro 5.000,–– erhält.” – “Wer mag das wohl sein,” seufze ich, “muß der glücklich sein!”
Kurz nach diesem Anruf werden wir abgeholt, Annegret und ich. Mit Blaulicht sausen wir zur Polizeidienststelle und betreten denselben Raum, in dem wir gestern waren. Derselbe Schreibtisch, dieselben Stühle, und doch sieht heute in meinen Augen alles anders aus. Der Kommissar ist sehr freundlich. “Stroppi, klopf nicht so aufgeregt mit deinem dicken Schwanz auf den Fußboden” – “Ich rieche den Hannes,” belle ich. Die Verbindungstür zum Nebenraum wird geöffnet und hereintreten der Hannes und der Lange. Annegret weicht entsetzt zurück. “O jemine, o jemine!” rufe ich. Fahl wird der Hannes im Gesicht. “Verdammter Köter,” murmelt er, “verpfiffen hat er uns zum Dank, daß wir ihm nur Gutes angetan haben.” Der Lange knirscht mit den Zähnen, daß es nur so knackt. Wie gern würde ich die beiden beißen! “Dreckvieh,” sagt der Hannes und meint mich. Mit einem Satz ist er bei mir und tritt mich vor meinen dicken Hundekopf, und ich sitze in einer russischen Schaukel und falle raus – so ein Gefühl ist das. Meine Bewußtlosigkeit hält nicht lange an. Als ich wieder zu mir komme, liege ich auf Annegrets Schoß. Die beiden Halunken sind nicht mehr im Raum. “Das konnte ich nicht voraussehen,” entschuldigt sich der Kommissar, die beiden haben wir schleunigst von hier fortbringen lassen.” Ich taste mit meiner Pfote an meinen Kopf und stelle fest, daß ich nicht blute. Aber eine dicke Beule ziert mein schönes Hundehaupt. Ich springe vom Schoß meiner Gönnerin herunter und schau mir mal wieder alles aus der Hundeperspektive an. Der Kommissar steht an seinen Schreibtisch gelehnt. Hellgraue Hosenbeine sehe ich. Mein Blick wandert hoch an den langen Beinen, bis er im Gesicht des Kommissars angelangt ist. Er hat braune Augen wie ich und große Ohren wie ich. Plötzlich grinst er. Ich merke, daß er mich in sein Herz geschlossen hat. “Kleiner sonderbarer Hund,” sagt er. Er beugt sich zu mir herunter und tätschelt mein zerzaustes verfilztes Fell. Annegret betrachtet uns vergnügt. “Ich bringe dich höchstpersönlich zu deiner Ilse,” sagt der Kommissar, “sie muß hier in der Nähe wohnen. Die Annegret nehmen wir auch mit. Und dann, und dann, und dann, was glaubst du wohl, wer die 5.000,- Euro bekommt? Nun, nun, der kluge Hund nicht, aber seine Besitzer! Was sagst du dazu?” – “Hurra, hurra, hurra, dann braucht die Ilse keine Zeitungen mehr auszutragen!” Ich heule und jaule vor lauter Glückseligkeit wie ein Schloßhund bei Mondenschein, solange, daß ich mich plötzlich schäme wegen meines Verhaltens. Aber auch die Annegret weint. Und warum glitzern die Augen des Kommissars so verdächtig? Da funkeln wohl waschechte Diamanten.
Glitzer, glitzer…..
Wir sind unterwegs im Auto auf der Suche nach meinem ehemals “festen Wohnsitz”. Ilse, liebe Ilse! Wir kommen!.
Ich denke über mich nach. Ich bin wohl der einzige sprechende Hund auf dieser Erde, d.h., ich bin ein Hund, der die Landessprache der Menschen, die hier leben, verstehen und sprechen kann. Warum das so ist, weiß ich nicht. “Es ist, wie es ist,” sagte Ilses Mutter immer, “und nicht anders,” wenn Fragen zu meiner Eigenart nicht beantwortet werden konnten. Für gute Menschen würde ich durchs Feuer gehen und die bösen würde ich am liebsten immer in die Beine beißen. Viele meiner Artgenossen kläffen mich an, und manch stolzer Schäferhund würde mich am liebsten in der Luft zerreißen. Das ist so. Damit muß ich leben. Ich bin eben anders als die anderen. Im Augenblick hocke ich beinahe glücklich bei zwei Menschen im Polizeiauto, die ich fest in mein kleines Hundeherz geschlossen habe. “Ich glaube, wir bekommen Regen,” sagt plötzlich der Kommissar, “es riecht nach Hund.” Ich schäme mich, denn ich bin der Hund, den er meint. Das ist mein Fell. Ich benutze nun einmal keine Deos. Ich knurre leicht verärgert. “Nun, nun, Stroppi, reg dich gleich auf,” sagt Annegret begütigend. “Auch die nasse Kleidung von Menschen riecht manchmal schlecht.” – “Ich hab’s nicht böse gemeint, mein Bürschchen,” lacht der Kommissar vergnügt, greift mit der einen Hand nach hinten und tätschelt mich, “spiel doch nicht gleich die beleidigte Leberwurst.” Was ist das denn, eine beleidigte Leberwurst? So was hab’ ich ja noch nie gehört! Nun bin ich auch gar nicht mehr verärgert! Das dauert sowieso bei mir nie lange.
Bis jetzt habe ich nicht auf die Gegend geachtet. Wir fahren eine ganze Weile umher. Ich guck durch das Autofenster nach draußen. Dunkle Wolken verdecken den Himmel. Es wird tatsächlich Regen geben. Da – die großen hohen Mietshäuser kommen mir sehr bekannt vor. Da entdecke ich die Haltestelle für den Schulbus! Hurra, bald bin ich wieder zu Hause! Meine Gedanken überschlagen sich. Hinter der Bushaltestelle hält der Kommissar den Wagen an. “So, mein lieber Stroppi,” sagt er, “du gehst allein ins Haus, das ist besser. Wir warten hier, bis du im Haus verschwunden bist. Später melden wir uns bei euch, schade, daß Ilses Mutter kein Telefon hat.” Wie gut der Kommissar mich versteht! “Paß auf dich auf, Stroppi. Den Brief, den ich dir jetzt mitgebe, gibst du nur Ilses Mutter, niemanden sonst. Kannst ihn getrost in deiner Schnauze tragen.” Der Kommissar zieht einen Briefumschlag aus seiner Jackentasche und gibt ihn mir. “In diesem Brief steht was über die ausgelobten 5.000.- Euro. Ilses Mutter wird damit zum Polizeipräsidium gehen und dort alle näheren Einzelheiten erfahren. Außerdem habe ich Annegrets Adresse aufgeschrieben. Ihr wollt doch sicher Freunde bleiben, nicht wahr? Vielleicht besucht ihr den “Onkel Kommissar auch mal. Genug der Worte. Hau ab, Kleiner!” Ich bringe nur ein heiseres Kläffen heraus, während sich die Wagentür öffnet und ich freudig herausspringe. Bei dieser Aktion fällt mir der Brief aus der Schnauze.
Zum Glück kann ich ihn mit meinen Vorderpfoten aufheben, ich klemme ihn zwischen diese und tänzel wie ein dressierter Zirkushund auf den Hinterbeinen über den Bürgersteig. Die zwei im Auto können vor Lachen nicht an sich halten. Tipp, tipp, tipp. Ich laufe ums Haus herum nach hinten auf den mir vertrauten Hof. Mir fällt siedend heiß ein, daß der Kommissar vergessen hat, mir meine Hundemarke wiederzugeben. Macht wohl nichts. Jetzt bin ich wieder zu Hause. Ich höre, wie der Kommissar den Motor anläßt und losfährt. Meine Pfoten sind taub geworden. Ich steck meinen Brief wieder in die Schnauze. Auf allen Vieren zu laufen, ist auf die Dauer einfacher. Ich entdecke das mir bekannte Küchenfenster mit fremder Gardine und ohne Alpenveilchen. Die Hoftür zum Haus ist leicht angelehnt. Das gab’s zu meiner Zeit nicht! Ich spaziere in den Hausflur, in dem es heimelig muffig riecht. Ich atme die vertraute Atmosphäre begehrlich ein. Ich tapse die Stufen hoch und stehe vor “unserer” Wohnungstür, die nicht mehr so aussieht wie in meiner Erinnerung. Sie glänzt und ist viel heller. Ist wohl frisch gestrichen. Jetzt traue ich mich nicht, in gewohnter Weise an der Tür zu kratzen. Einmal lang, zweimal kurz. Ja sicher. Kra – a – a – a – tz, kratz, kratz. “Hallo Ilse, ich bin’s, dein Stroppi!” Nicht meine Ilse öffnet die Tür. Eine mir völlig fremde Frau schwingt drohend einen Kochlöffel. “Du dreckiger Bastard, was willst du denn hier? Von mir kriegst du nichts zu fressen, Hau ab mit deinen krummen Beinen. Ich kann häßliche Hunde nicht ausstehen! Was trägst du da für ein Papier in deiner Schnauze? Zeig her!” Eine Antwort muß ich mir verkneifen, um den Brief nicht fallen zu lassen. Ich klemme meinen Schwanz ein und nehme Reißaus. “Dreckiger Köter,” jetzt ist es eine laute polternde Männerstimme, die hinter mir herbrüllt: “Würdest zu der Sippschaft passen, die hier bis vor kurzem gewohnt hat. Eine alleinerziehende Mutter, die in eine billigere Wohnung ziehen mußte!” Haarscharf fliegt eine leere Bierflasche an meinem Kopf vorbei. Wieder vor dem Haus auf dem Bürgersteig frage ich mich: “Was mache ich mit dem Brief? Was mache ich nur?” Die Autos lärmen und hupen auf der Straße, Fahrräder klingeln. Ein Bus hält. Kinder steigen aus. Aber Ilse ist nicht dabei. Und den Weg zu Annegret finde ich auch niemals zurück. Was soll werden, was soll werden? Ich laufe zurück über den Hof in das Stückchen Garten, daß Ilses Mutter gepflegt hat, scharre ein tiefes Loch unter die Johannisbeersträucher und verstecke erst einmal meinen Brief in der Erde scharre das Loch fein säuberlich wieder zu. Dann renne ich mit der unsinnigen Idee im Kopf, an der Straßenecke könne noch “unser” Wagen auf mich warten, zurück und stelle fest, daß bereits ein anderes Auto diesen Parkplatz besetzt. “Hallo, hallo, Stroppi!” plötzlich ruft jemand meinen Namen. Ich guck mich um. Ein Mädchen aus Ilses Schulklasse hat mich erkannt. “Du bist aber ein dummer Hund, treibst dich immer noch hier herum! Hast du Heimweh?
Gefällt es dir nicht in der neuen Wohnung in der Brabanter Straße 6?” und weg ist die Kleine, d.h., sie steigt in das Auto ihres Vaters ein, der am Straßenrand kurz angehalten hat. Er gibt Gas, und fort sind sie. Was mach ich nur, was mach ich nur? Brabanter Straße 6, dorthin sind sie verzogen. Das kann ich mir gut merken. Aber was habe ich davon? Jetzt fängt es auch noch an zu regnen. Im Nu platscht und platscht es vom Himmel herab. Es bilden sich Pfützen auf dem Bürgersteig. Ich schleife meinen Schwanz durch jede Wasserlache, so traurig hängt dieser herab. Ich lauf und lauf und lauf und achte überhaupt nicht auf den Weg. Menschen eilen hastig an mir vorbei. Autos hupen auf der Straße. Regenschirme schaukeln hin und her. Die Frauen kuscheln sich darunter, als gäb’s die Welt außerhalb dieses Schirms gar nicht mehr. Meine Lebensgeister kehren mit einem Schlag zurück. Ich kenn mich in dieser Gegend, in die ich gedankenlos hineingelaufen bin, nicht mehr aus. Ich komme mir vor wie in einem fremden Land. Jawohl, obwohl ich noch nie im Ausland war. Ich weiß nicht, wie lange ich so ziellos umherirre. Es hat aufgehört zu regnen.
Und nun quatsch ich verrückter Hund mich mal wieder in der dritten Person an:
“Wie – verlaufen hat er sich, der kleine kluge Hund mit dem dicken Kopf? Sprechen kann er? Wer soll das glauben? Das gibt’s nicht! Oder? Er weiß den Namen der Straße, in der seine kleine Ilse wohnt und fragt keinen Passanten nach dem Weg zur Brabanter Straße? Er ist ein Feigling! Wozu hat er seinen dicken Kopf, wenn er nicht denken kann? W o z u ? Das frage ich ihn!”
Ich will wieder vernünftig sein und hör’auf, so mit mir zu reden. Ich habe Angst, Menschen anzusprechen, um vielleicht einen Fußtritt einstecken zu müssen. Mir tun alle meine Knochen weh. Auch Hunde können Rheuma haben! Jawohl! Ich bemerke, daß ich nicht mehr in der lärmenden Innenstadt bin. Einfamilienhäuser säumen die Straße mit einem großen Bürgersteig vorm Haus. Mein Magen knurrt. Wie wäre es, wenn ich mich einfach verhungern lasse? Ob es einen Hundehimmel gibt? Ilse hat mir mal erzählt, daß es nur einen einzigen Himmel für alle Wesen dieser Erde zusammen gibt. Na, wer das glaubt! Alle frechen Köter in einem Himmel! Das gäbe ja ein Gekläffe! Ein hoher, weitausholender mächtiger Kastanienbaum in der Biegung des Bürgersteigs und dem Riesendach seiner großem Blätter ist wohl das Richtige für mein Vorhaben. Wieso weiß ich nicht den Namen der Stadt, in der Annegret wohnt? Oder die wenigstens die Straßenbezeichnung? Ich setz mich unter dieses weitausholende natürliche Dach und warte bewegungslos auf meine Stunde Null. Mein Magen wehrt sich und knurrt anstrengend. Soll er. Ich tu, was ich will. Stunden vergehen. Nichts ereignet sich. Die Menschen, die an mir vorbeihasten, bemerken mich nicht oder übersehen mich einfach.
Meine Verrücktheit überfällt mich wieder: “Da gibt’s einen klitzekleinen dunklen Fleck unter einem Riesen–Kastanienbaum, der sich gleich in Nichts aufgelöst hat. Oder nicht?” – Bevor ich weiter spinnen kann, segelt eine helle Wolke auf mich zu, sie weht in meine verdunkelte Hundewelt hinein. Und die Ilse sitzt darauf! Ach, wie lange habe ich sie nicht mehr gesehen! Diese lustigen Sommersprossen und die blanken braunen Augen, wie habe sich sie vermißt! “Komm Stroppi,” sagt sie sanft, wie es sonst gar nicht ihre Art ist, “steig zu mir auf meine Wolke.” Sie hält in den Händen ein Tablett mit vier langen Knackwürsten. Wie die duften!. Ich will gerade mit einem kühnen Satz auf die Wolke springen, da steht der Lange mit der Schlägerkappe neben mir. Ihm ist ein langer strähniger Bart gewachsen. Er gibt der Wolke einen Schubs, daß sie davonsegelt. Vor Schreck läßt Ilse das Tablett mit den Würstchen fallen. “Stroppi, Stroppi!” schreit sie. Dann segelt sie auf der Wolke davon. Der Hannes hebt die Würstchen auf, und im Nu verspeist er sie. Dann verschwindet er im Nichts. Und mein Magen rumort wohl so laut, daß er mich aus meiner Ohnmacht weckt. Ich reibe mir die Augen. Um mich herum ist es dunkel. Mir ist klar, daß ich nicht tot bin. Ich bin klug genug, um zu wissen, daß dieses Erlebnis nur ein Traum war. Meine kleine Hundewelt hat mich wieder. Und mache vor Freude darüber, daß ich lebe, Luftsprünge unter dem großen Kastanienbaum, außerdem muß ich mal. Der Hunger kneift. Die Straßenlaternen verstrahlen ihr Licht. Ich lauf auf den Bürgersteig. Da oben steht der gute alte Mond, von dem Ilse so viele Geschichten erzählt hat. Eine kleine Wolke verdunkelt ihn jetzt, und meine großen Hundeaugen werden feucht vor lauter Selbstmitleid. Wenn dieser nagende Hunger nicht wäre! Ich renne in einen Garten, rupfe mir ein paar Möhren aus, zerknacke sie mit meinen Zähnen und gebe meinem wilden Tier in mir, dem Hunger, ein bißchen was zu essen. Unter eine Bank lümmel ich mich und versuche, endlich richtig zu schlafen. Gute Nacht!
Ausgeschlafen bin ich nicht. Im ersten Dämmern krieche ich unter der Bank hervor, schüttle mich, und meine Gedanken umkreisen die Futterfrage wie eine hungrige Fliege einen leeren Küchentisch. Ich starre vor Dreck. An meinem Schwanz hängen kleine Lehmklumpen. Ich schlage ihn kräftig gegen die Bank, und der Dreck bröckelt ab. Ich befinde mich hier in einer noblen Wohngegend, und so ein dreckiger kleiner Köter verschandelt das schöne Bild. Das sehe ich ein. Die Vorgärten sind gepflegt. Kurz geschnittene Hecken, duftende Rosen und eine Sonne, die schönes Wetter verspricht, erhellen ein wenig mein einsames Hundeherz. “Bastard, was streunst du denn hier rum? Scher dich weg, Drecksköter!” werde ich von einem Mann in weißen Jeans angeschnauzt. Eine Tüte mit frischen Brötchen hält er in der Hand. Wie das duftet! Ich freß zwar lieber Chappy als Brötchen. Aber jetzt gäbe ich Gott was her für ein frisches knuspriges Brötchen. Ehe mich sein Schuh treffen kann, suche ich das Weite.
Ich überquere die Straße, achte nicht auf die Autos und werde Gott sei Dank nicht überfahren. Die Menschen gehen und fahren zur Arbeit, zur Schule und haben wohl alle ein Zuhause. Nur ein dreckiger kleiner Hund ohne Hundemarke läuft hungrig an den Menschen vorbei, die alle ein Ziel haben. Ich habe auch ein Ziel. Wie soll ich es erreichen? Was mag mir der heutige Tag wieder bringen? Ich kläffe vor mich hin: “Tipp, tipp, topp, hier kommt der kleine Stropp. Ach, der Hund ist so alleine, und er hat so kurze Beine! Tipp, tipp, topp, hier kommt der kleine Stropp!” Geschickt weiche ich manchem Tritt aus. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite hält der Schulbus an. Lärmende Kinder stürzen sich zu den die Türen, die sich automatisch öffnen. Geschrei und Theater. Ein kleiner Junge blickt sich ängstlich um und bleibt zurück. Ich beobachte ihn genau, denn ich habe eine Vorstellung von dem, was er jetzt tun wird. Er legt auf eine Vorgartenmauer ein hell aussehendes Päckchen, das er zuvor aus seiner Schultasche herausgeholt hat. Dann rennt er hinter den anderen her und steigt in den Schulbus ein. Ich weiß, was in dem Päckchen ist! Wie ein geölter Blitz sause ich über die verkehrsreiche Straße – die Autos hupen wild – und ich erreiche unversehrt den gegenüberliegenden Bürgersteig. Ich springe an der Mauer hoch und grapsche das eingewickelte Wurstbrot von der Mauer herunter, stecke mir einen Papierzipfel ins Maul und renne die Häuserreihe entlang, bis ich ein stilles Plätzchen gefunden habe. Selig zerkaue ich die Leberwurstbutterbrote des Jungen, der mit Sicherheit keine Leberwurst mag. Vielen Dank! Lecker, lecker! Nach diesem üppigen Mahl werde ich wieder mutiger. Die Sonne scheint heller, und ich will nicht aufgeben. Ich quatsche einen Polizisten an und frage ihn nach der Brabanter Straße. Bisher habe ich nur gute Erfahrungen mit den Ordnungshütern gemacht. “Guten Tag, Herr Wachtmeister,” kläffe ich höflich. Der Polizist, der gerade mit einem jugendlichen Mopedfahrer beschäftigt ist, dreht sich erstaunt um. “Da ist ja kein Mensch,” sagt er und widmet sich wieder den Fahrzeugpapieren des Mopedfahrers, der keinen Helm trägt. O wei, o wei – da ist sicherlich eine üppige Geldstrafe fällig. “Und das Bürschchen veralbert auch noch einen Beamten!” schnauzt er diesen an. “Nein, ich bin’s, ein Hund,” meine ich mich äußern zu müssen. Ich hab’ja nicht ahnen können, an wen ich hier geraten bin. “Wa – a – –a–?” , der Polizeibeamte ist verblüfft, “das gibt’s doch nicht, ein sprechendes Hundevieh! Und was für eins!” Keine Spur von Mitleid entdecke ich in seinen harten Augen, als er auf mich armseliges Etwas blickt. “Du dreckiger Köter, verhöhnst einen Beamten! Guten Morgen, Herr Wachtmeister!” äfft er mich nach, “ich werde dir Beine machen, du Bastard, du entlaufener Zigeunerhund!” Ich versuche abzuhauen. Es klappt nicht. Ich liege platt wie eine Flunder auf dem Bürgersteig, und die Angst hat mich gelähmt. “Von wegen weglaufen,” sagt der Polizist und schiebt sich seine Mütze aus der Stirn, um sich die Schweißperlen wegzuwischen.
Dann wirft er sein schmutziges Tempotaschentuch einfach auf den Boden und spuckt noch hinterher. So ein unappetitlicher Polizist! “Ich werde dich ins Tierheim bringen. Bist ja ein streunender Köter ohne Hundemarke. So was gehört eigentlich als Seife verkocht. “Ich hab’ eine Hundemarke. Der Kommissar hat nur vergessen, sie mir zurückzugeben. Ich kann Ihnen meine Geschichte erzählen.” – “Halts Maul, du verlogenes kleines Mistvieh! Du gefährdest die öffentliche Ordnung!” Er bückt sich, packt in mein Fell wie bei einem Kaninchen. “Ab mit dir ins Tierheim!” Der jugendliche Mopedfahrer hat inzwischen längst die Gelegenheit wahrgenommen und das Weite gesucht. Sicherlich besorgt er sich einen Schutzhelm. Mein Feind, der Polizist, läßt mich wieder auf die Erde zurückfallen. Menschen hasten an uns vorbei. Woher sollen sie wissen, in welcher Not ich mich befinde? Was geht sie so ein streunender Hund an, der soeben von der Polizei geschnappt worden ist? Ich hätte im Augenblick nicht übel Lust, alle Menschen zu beißen. Das ist nur eine Wunschvorstellung. Ich wäre ja gar nicht in der Lage dazu. Ich wunder mich, daß ich auf meinen vier Beinen überhaupt stehenbleiben kann. “Komm mit!” werde ich angeschnauzt. Das Gesicht des Staatsdieners ist dunkel geworden. Ilse würde wohl meinen, daß es krebsrot ist vor Zorn und Lust, mich zu quälen. Die großen harten Schnürstiefel beängstigen mich sehr. Ich trotte hinter dem Kerl her. Leb wohl, liebe Ilse, jetzt ist alles aus, und was wird aus den 5.000 Euro? Meine Gedanken bringen mich sicher noch vor dem Erreichen des Tierheims um. Tipp, tipp, topp, da läuft der kleine Stropp, Ach, der Hund ist so verlassen, muß ihn dieser Schupo fassen? Tipp, tipp, topp, hier kommt der arme Stropp.
Ehe ich mich versehe, hat mich der Tierpfleger hinter ein hohes Gitter gebracht. “Der Köter kann sprechen,” sagt der Polizist und verschwindet. Der Tierpfleger hat nicht hingehört. Ich werde mich hüten, hier zu quatschen. Wenigstens will der Hüter des Gesetzes kein Geschäft mit mir machen. Rechts und links trennt mich ein hohes Gitter von meinen Artgenossen. Ausreißen kann man hier nicht. Ich bekomme einen vollen Futternapf mit Chappy in meine Behausung geschoben. “Hast bestimmt Kohldampf,” sagt der Wärter mitfühlend. Ich weiß auch, wie das ist.” – Ich vertu mich wieder und sage prompt: “Danke.” Er hat’s wieder nicht mitbekommen. Ich schlinge meinen Napf leer. Mm, Chappy! Der gepflegte schwarze Pudel von nebenan beachtet mich nicht. Ich stecke meine Nase ans Gitter, um mit ihm zu schnuppern. Er knurrt aber nur böse und kraust sein Schnäuzlein. Na, dann eben nicht. Ich verstehe mich nicht mit meinen Artgenossen. Mein Nachbar zur Rechten ist ein großer grimmig aussehender Schäferhund, reinrassig, versteht sich. Er springt bellend an unserem Trenngitter hoch und fletscht angsteinflößend seine starken großen Zähne. Wie komme ich hier raus?
Ich verziehe mich in die hinterste Ecke meines Zwingers. Ich werde Zeuge eines Superauftritts von zwei Ladies. Zwei gestylte Damen – schon älteres Semester – bewegen sich auf ihren hohen Plateausohlen an den Gittern vorbei und sind jetzt bei meinem Nachbarn, dem kurzgeschorenen Pudel, angelangt. Und dieser Pudel tänzelt affig hin und her, auf und ab. Und die Frauen klatschen begeistert in die Hände. “Den nehmen wir, den nehmen wir,” kreischen sie wie aus einem Munde. “Ja,” sagt der Pfleger, der hinzugekommen ist, “da wollen wir erst einmal die Formalitäten erledigen. “O ist der süß, ist der süß!” gurgeln sie noch im Fortgehen. Tja, der hat’s geschafft! Ein herrenloser Hund hat ein neues Frauchen gefunden. Viel Glück! Ich hab ja meine Ilse und muß so schnell wie möglich weg von hier. “Hast du den häßlichen Köter gesehen?” höre ich und weiß, daß ich damit gemeint bin. “Blöde Tussis!” schreie ich hinterher. Sie haben’s vernommen. Woher sollen sie wissen, daß ich derjenige bin, der sie beschimpft hat? Ha, ha! Und auch der Schäferhund wird abgeholt. Aber wohl von seinem Herrchen. Ein junger Mann schließt ihn in seine Arme. “O Rex, da bist du ja endlich,” stammelt er weinend, tut mir leid, daß du die Orientierung verloren hast. Ich passe in Zukunft besser auf dich auf!” Ich merke, daß die beiden sich gut verstehen. Schön so eine Geschichte. Am Abend schiebt ein Junge, etwa so alt wie Ilse, den Futternapf in meine Behausung. “Hat dich niemand haben wollen? Du bist nun mal kein Hund, mit den man angeben kann.” meint er, wie ich glaube, mit innerer Schadenfreude, “mich will auch keiner haben. Ich fütter dich nur, weil ich Geld verdienen muß. Ist wenig genug, aber besser als wie nichts. Wenn ich groß bin, züchte ich reinrassige Hünde und verkaufe sie dann. Jawohl, ich werde ein reichen Mann. Du bist ja nur irgendeine schäbige Promenadenmischung!” Ich verfalle in meinen Fehler und plapper wieder drauflos, nur um anzugeben vor diesem Bengel! “Ich kann aber sprechen,” kommt es aus mir heraus, und ich rede nicht so’n falsches Deutsch wie du – als wie – , wo gibt’s dennso was? Und hier werden Hunde versorgt und keine Hünde, du, du kleiner Angeber!” – “Werd’ nicht frech, mein Hundchen,” antwortet der Junge, der mir eigentlich nicht unsympathisch ist, “wenn ich verrate, daß du sprechen kann´s, bisse reif, wofür weiß ich au’ nich’, aber reif bisse!” Habe ich durch meine Angeberei einen Feind mehr gewonnen? Der Tag war wieder so kurz und doch für mich so voller Ereignisse. Und nichts habe ich erledigen können. Ich will diese Nacht nicht in diesem Käfig verbringen. Der Junge steht vor dem Gitter und schaut mich nachdenklich an. Er hat ein liebes Jungengesicht und steht auf stämmigen Beinen, die in oberhalb der Knie abgeschnittenen Jeans stecken. “Sprechen also kannst du,” meint er, “das ist ja wohl was Einmaliges auf dieser Welt. Bist wohl was Besonderes. Aber mir kannst du nicht imponieren, bist ein schäbiger, armer kleiner Hundemischling, der hier vor lauter Frust eingehen wird, dich wollen die Leute nicht einmal geschenkt haben.
Eines Morgens liegst du dann tot in einer Ecke des Zwingers, wenn ich dir helfe, hier herauszukommen. Ich bin ein Tierfreund!” Ich japse zustimmend, fast unverständlich: “Da freue ich mich aber.” – “Nun denn, ich komm nachher zurück, wenn es richtig dunkel ist und hebe das Kläppchen hoch, durch das immer der Futternapf geschoben wird. Du machst dich so dünn wie du kannst und zwängst dich durch die ™Öffnung und dann ab wie die Post! Schlaf nicht ein. Ich komme ganz gewiß wieder zurück. Du tust mir leid, obwohl du sprechen kannst, oder gerade deshalb. Also nicht verzagen, Manfred fragen.” – “Du bist ein guter Junge,” erwidere ich so leise ich eben kann. Aber bitte, kannst du mir sagen, wo die Brabanter Straße ist?” –”Was willst du denn dort?” –”Ich suche meine Herrin.” – Wie heißt du eigentlich?” – “Stroppi.” – “Hm, Stroppi, wenn du nachher im Dunkeln ausgekniffen bist, suche dir erst einmal einen Platz zum Schlafen, denn in der Dunkelheit findest du den Weg nicht, den ich dir jetzt beschreibe.” Wie sich herausstellt, kann es gar nicht weit sein bis zu meiner Ilse. Ich soll hier über das Grundstück laufen, anschließend durch einen Garten, dann erreiche ich die Straße. Die Straße bzw. der Bürgersteig steigt etwas bergan, dann soll ich immer geradeaus tippeln und an der großen Kirche rechts abbiegen. Das hohe Haus mit den vielen weißen Schildern neben dem Eingang, die auf Arztpraxen hinweisen, soll die richtige Adresse sein. O wei, owei, da habe ich ja noch was vor mir! Manfred weiß das alles so genau, weil in diesem Haus sein Zahnarzt praktiziert. Er geht zurück an den vielen Gitterstäben vorbei. Die übrigen Hunde bellen nicht. Sie kennen ihn wohl. Es dämmert. Es wird dunkel. Ich warte.
Ich warte nicht vergebens. Husch, husch, bin ich verschwunden in der dunklen Nacht. Auf Manfred ist Verlaß. “Vielen Dank, Manfred.” – “Ist schon gut, Stroppi.”
Bange laufe ich den Weg, den Manfred mir beschrieben hat und gelange in kurzer Zeit auf den Bürgersteig, der neben der Hauptstraß0e verläuft. Ich merke, daß es nicht die Straße ist, auf der mich der Polizist heute morgen festgenommen hat. Das beruhigt mich. Wo soll ich die kommende Nacht bleiben? Todmüde bin ich. Tipp, tipp, topp, hier kommt der kleine Stropp. Ach, der Hund ist so alleine, und er hat so kurze Beine. Tipp, tipp, tipp, hier kommt der kleine Stropp. Die Straßenlampen brennen. Autos mit Licht fahren an mir vorbei. Die Autobusse sind fast leer, die an den Haltestellen stehenbleiben, um einen einzigen Fahrgast ein– oder aussteigen zu lassen. Könnte ich doch mitfahren! Dieses Risiko nehme ich nicht auf mich. Die Häuser liegen im Dunkeln, und gemütliches warmes Licht dringt aus vielen Wohnungsfenstern. Menschen schließen die Haustüren auf, und nirgendwo ist mein Zuhause. Meine Müdigkeit ist mit einem Mal verflogen. Ich fühle meine Kräfte wachsen. Ob das gute Fressen im Tierheim ausmacht? Chappy – hm – lecker! Ich will nicht die Nacht irgendwo verschlafen und unendliche Stunden mein Wiedersehen mit Ilse hinauszögern. Ich muß zu meiner Ilse gelangen.
Das wäre gelacht, wenn ich das mit meiner wiedergewonnenen Munterkeit nicht schaffen würde. Meine vier kurzen Beine fühlen sich leicht an wie die eines Windhundes und sie gehören einem kleinen Hund, der reden und sogar singen kann: “Tipp, tipp, topp, hier kommt der kleine Stropp, Ach, der Hund ist so alleine, und er hat so kurze Beine. Tipp, tipp, tipp, hier kommt der kleine Stropp.” Die Marschrichtung habe ich mir genau gemerkt. Wie lange war ich nicht mehr so fröhlich? Keuch, keuch, endlich bleibe ich vor der Kirche stehen, die ich an dem Riesenportal erkenne. Bis zum Kirchturm kann ich nicht hochschauen, wenn ich davorstehe. Ihr könnt auch nicht euren Hals so recken, daß ihr, wenn ich dicht davorsteht, die Kirchturmspitze sehn könnt. Jetzt geht’s aufs Ganze. Bald habe ich das Haus Brabanter Straße 6 erreicht. Ich brauche nicht einmal die Straße zu überqueren. Ich stehe vor dem Haus mit den vielen weißen Praxisschildern, die ich natürlich nicht lesen kann, wohl aber erkennen. Und wieder gibt es eine angelehnte Haustür, die wohl niemand abgeschlossen hat und die ich jetzt mit meinem kleinen Hunderücken aufdrücke. Meine Begeisterung verleiht mir wohl diese Kraft. Da stehe ich nun im dunklen Hausflur, der nach Essen riecht. “Ilse, Ilse,” rufe ich. Eine Wohnungstür hier unten im Flur wird geöffnet. “Wer ruft mich denn da?” antwortet ein zaghaftes Stimmchen, “ich will nur die Haustür abschließen.” Ein kleines Mädchen mit schwarzen langen Zöpfen und mit einem Nachthemd bekleidet knipst das Flurlicht an und entdeckt mich. “Was willst du von mir?” fragt sie mich und ist gar nicht erstaunt, daß ich sprechen kann. “Die Ilse aus der gegenüberliegenden Wohnung hat mir schon viel von dir erzählt. Ich heiße auch Ilse. Bist du der Stroppi?” – “Ilschen, beeil dich schon mit dem Abschließen!” ruft die Mutter aus der Wohnung. Ich will zu meiner Ilse, zu meiner Ilse! Und dieses Ilschen klingelt noch schnell an der gegenüberliegenden Wohnungstür und ruft: “Stroppi ist da! Stroppi ist da!” – “Ilse mach schon!” wieder die Mutter, und Ilschen huscht wie ein guter Geist zurück in die offengelassene Wohnungstür zu ihrer Mutter. Die Wohnungstür, an der Ilschen geklingelt hat, wird sofort aufgerissen, und im Türrahmen stehen zwei Gestalten im Nachthemd, die ich nie vergessen habe: meine Ilse und ihre Mutter! Sind die beiden mager geworden! Ich kann mein Glücksgefühl nicht beschreiben und mehr jämmerlich als fröhlich kläffend springe ich immer wieder an meiner Ilse hoch. Die schreit, weint, nimmt mich auf den Arm und führt mit mir einen wahren Freudentanz auf. “Mein Stroppi lebt, mein Stroppi lebt!” ruft sie immer wieder. Ilses Mutter hat inzwischen die Wohnungstür geschlossen. “Wie schlecht sieht unser Hundchen aus! Wo warst du die ganze Zeit? laß den Stroppi los. Du erdrückst ihn ja sonst!” Unzählige Fragen stürmen auf mich ein. Und ich erzähle den beiden die ganze Geschichte meines ruhelosen Umherirrens. Ilses Mutter streicht über mein glanzloses Fell.
“Armer Kerl,” sagt sie immer wieder. Ilse weint. Ich entdecke meinen alten Freßnapf in der neuen Küche, und sofort fühle ich mich wie zu Hause. Was Eigenes! Ich trink den Wassernapf bis zur Neige leer und dann tu ich mich mal wieder am Chappy gütlich. Hm – lecker! Noch an diesem späten Abend – oder ist es schon Nacht? – duscht mich Ilse gründlich in der Badewanne ab, und dann leg’ ich mich in mein altes Hundekörbchen. Im Einschlafen denke ich: “Hoffentlich ist dieses alles nicht nur ein schöner Traum!”
Als ich am nächsten Morgen erwache, schaue ich zuerst in Ilses liebes Gesicht. Das Mädchen kniet vor meinem Hundekörbchen. Also kein Traum! Ilse erzählt mir, daß heute die großen Schulferien begonnen haben und sie nicht zur Schule muß. Und jetzt wickelt sich alles sehr schnell ab. Ilses Mutter findet heraus, welches Kommissariat wir aufsuchen müssen. Gemeinsam mit dem freundlichen Kommissar, meinem Freund, buddeln wir den Brief dort aus, wo ich ihn versteckt habe. Annegret und Peter sind mit von der Partie. Und diese Freude – Ilse Mutter bekommt die ausgelobten 5.000,- zuerkannt, die ich sprechender Hund letztendlich verdient habe.
Allen, die mich gern haben, muß ich fest versprechen, nie mehr zu reden, wir haben’s erlebt, das führt nur zu hanebüchenen lebensgefährlichen Komplikationen. Euch alle will ich um etwas bitten. Solltet ihr mich mal zufällig irgendwo treffen, knufft und tretet mich nicht. Ich tu euch ja auch nichts. Und zum Sprechen kriegt mich niemand mehr, so wahr ich Stroppi heiße.
Noch etwas muß ich am Ende meiner Geschichte berichten. Ilse und Ilses Mutter haben von dem Geld eine Flugreise nach Mallorca unternommen. Während dieser Zeit hat mich Annegret in ihre Obhut genommen. Es ist schön bei ihr. Nur das Klaviergeklimper geht mir auf die Nerven. Als die beiden von Mallorca zurückkommen, holen Annegret und ich sie vom Flughafen in Düsseldorf ab. Braun gebrannt sind sie. Und ihre Begeisterung von der Schönheit dieser Insel kennt keine Grenzen. Wie sie den Rest des Geldes verwenden, weiß ich nicht, ist mir auch egal. Ich führe mit meinen Lieben ein wundervolles Hundeleben. Und zu Annegrets und Peters Hochzeit sind wir auch eingeladen.
Tipp, tipp, topp, tschüss sagt kleine Stropp. Hat er noch so kurze Beine, ist er längst nicht mehr alleine. Tipp, tipp, topp, tschüss sagt der kleine Stropp.
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