Rübe
von Dieter J. Baumgart (copyright)
Mein Name ist Rübe. – Rübe, der Träumer, werde ich in unserer Siedlung genannt. Ich bin jetzt zweiundzwanzig Jahre alt, und wenn ich bei guter Gesundheit bleibe, was ich natürlich hoffe, habe ich vielleicht noch weitere zwanzig Jahre vor mir. Unsere Siedlung, sie ist fast so etwas wie ein riesiger Tuffstein, liegt etwa auf 50° nördlicher Breite und 6° östlicher Länge. Das Meer sei nicht weit entfernt, sagen einige. Ja, Ich bin ein Träumer. Tagsüber, wenn ich schlafe, höre ich manchmal das Rauschen dieses Meeres, das ich noch nie gesehen habe, von dem ich nur weiß, daß es existiert, wo auch immer. Dieses Rauschen, in meiner Phantasie geht es über in rhythmisches Stampfen, in das heisere Kreischen metallverarbeitender Maschinen, das leiser wird und sich auflöst in elektronische Tonfolgen, die mich frösteln lassen. Wenn ich dann aufwache, weiß ich: Die Schleusen wurden geöffnet, um Trinkwasserbehälter und Reinigungsbecken zu füllen. Die trockene Jahreszeit bricht an, bald werden die Quellen für einige Monate versiegen. Die Nächte werden kürzer und damit auch der Aufenthalt im Freien. Ich bin ein Träumer. Aber diese Geräusche, das Stampfen, das wütende Kreischen, das hat es einmal gegeben. Und diese eigenartigen Tonfolgen, das Summen, das aus der Vibration sich erhebt, ansteigt und sich schließlich in hohen Frequenzen der Wahrnehmung durch das Ohr entzieht, diese Geräuschkulissen einer Welt, die wohl für immer der Vergessenheit angehören wird… Vor acht Jahren etwa, erwachte sie noch einmal zum Leben. Vor acht Jahren erschreckte sie mich in der beklemmenden Atmosphäre der ehemaligen Industrieanlagen östlich unserer Siedlung wohl zum letzten Mal, als ich eine Solaranlage reaktivierte. Diese meist unterirdischen Anlagen, in denen ich mich jetzt befinde und diese Zeilen schreibe, sind etwa drei Sommernächte von unserer Siedlung entfernt. Äußerlich nur an einigen Resten von Klimakuppeln und Filteranlagen erkennbar, überwuchert von den allgegenwärtigen graugrünen Flechten und hartem, dornigem Gestrüpp, hatte dieser Komplex schon bald meine Neugier geweckt und die Phantasie beflügelt. Auf dem Weg hierher bieten zahlreiche Höhlen Unterschlupf, Doch es bleibt gefährlich. Wer die Richtung verfehlt, läuft Gefahr, im ungewohnten Tageslicht zu erblinden. Doch als Zwölfjähriger war ich mir dieser und anderer Gefahren nicht bewußt. War es zunächst die Neugier, die mich durch die zufällig entdeckten Hallen und Gänge, vorbei an Steuereinheiten, Labors und produktionstechnischen Anlagen trieb, so änderte sich das doch bald. Elektrizität hieß das Zauberwort, war das Phänomen, dem ich auf die Spur kommen wollte. Wochen, Monate hatte ich in unserer Bibliothek verbracht, las, verglich, las nächtelang. Doch immer, wenn ich meinte zu begreifen, stand ich vor einem größeren Geheimnis.
“Waren die Menschen damals um so vieles schlauer?” fragte ich meinen Lehrer.
“Nein, ich glaube nicht”, entgegnete er nach kurzem Zögern. “Sie haben nur weniger gefragt.”
Ich habe lange über diese Antwort nachgedacht. Und ich beschloß, die Elektrizität zu suchen, hier, an diesem Ort, wo sie einmal war. Als ich dann – eher versehentlich als bewußt – die Solarstromversorgung in einem Teilbereich aktivierte, war das ein Schock für mich. Die unerwartet einsetzenden elektromagnetischen Abläufe versetzten mich in Angst und Schrecken. Schließlich rannte ich, geblendet von Leuchtdioden und Skalen, hinaus in die Nacht. Wenig später beendete ein paffender Knall das unheimliche Schauspiel. Am ganzen Körper zitternd und mit zerkratzten Beinen hockte ich unter einem Felsen; ein unbekannter, stechender Geruch zog mir in die Nase. Das war meine erste Bekanntschaft mit der Elektrizität. Und wenn mir damals jemand gesagt hätte, daß ich hier einmal sitzen würde, um diese Zeilen zu schreiben… Jahre sollten vergehen, bis mich die Neugier, der Wunsch mehr zu erfahren, tatsächlich zurücktrieb. Was ich erfahren wollte? Ich weiß es nicht. Theoretisch sind uns die Abläufe bekannt, die vor etwa vierhundert Jahren im Chaos endeten. Klimakatastrophe, gefährliche UV-Strahlung bestimmen noch heute alles Leben auf der Erde; ein Albtraum, der Wirklichkeit wurde.
Doch was in den Köpfen der Menschen damals vorging, ob sie sich dessen bewußt waren, was sie in die Katastrophe trieb, blieb uns verborgen. Die überlieferten Textpassagen zum Thema erschöpfen sich in pharisäerhaftem Geschwätz und gegenseitigen Schuldzuweisungen. Gedanken ließen sich wohl auch im Zeitalter der elektronischen Datenverarbeitung nicht aufzeichnen, und wenn doch, sollte es solche Bänder geben, dann wären sie für uns nicht lesbar. Spurensuche also? Aber welche Spuren? Fragen über Fragen. Und ich dachte wieder an die rätselhafte Antwort meines Lehrers: “Sie haben nur weniger gefragt.” Vielleicht, weil sie meinten, alle Antworten zu wissen? War es das, woran sie zugrunde gingen?
Einige hundert Meter von der Stelle entfernt, an der ich meine erste Bekanntschaft mit der Elektrizität machte, befindet sich ein Gebäudekomplex, der teilweise oberirdisch angelegt wurde. Er unterscheidet sich erheblich von den umgebenden Bauten, vom Stil her fast museal, und die Reste einer offenbar später konstruierten Klimakuppel lassen vermuten, daß er aus einer Zeit stammt, in der die Luft noch ungefiltert geatmet werden konnte. Was genau mich bewog, teilweise unter Lebensgefahr durch die fast vollständig von der Natur zurückeroberten Reste einer Industrieanlage zu streifen, kann ich nicht sagen. Tatsächlich war es wohl zu Beginn eher eine ziellose Suche nach etwas, von dem ich keine Vorstellung hatte. War es die Andersartigkeit dieses Teils der Anlage? War es die Hoffnung, in dieser Andersartigkeit den Schlüssel zu finden? Immer wieder zog es mich an diesen Ort, nahm ich den gefahrvollen Weg auf mich, wich den Fragen der anderen aus, denn was hätte ich ihnen antworten sollen. Nicht selten verbrachte ich mehrere Tage hintereinander in der mit Ruinen durchsetzten Wildnis, bis ich schließlich etwas entdeckte, das, wie ich jetzt weiß, endgültig die Weichen stellte und meiner eher von Zufällen geleiteten Suche eine klare Richtung gab. Was ich fand, das war so weit entfernt von dem, was ich zu finden hoffte, daß es mir fast den Atem raubte. Doch was es mir eröffnete, das lag völlig außerhalb meiner Vorstellungen: Ein kleines Observatorium mit einem installierten Teleskop, welches wohl schon vor vierhundert Jahren eine Antiquität war, und vielleicht eben wegen seiner einfachen Bauart die Zeiten überdauert hatte. Das Öffnen und Instandsetzen der völlig zugewachsenen Drehkuppel nahm dann allerdings Monate in Anspruch. Doch jetzt hatte ich ein Ziel. Ich arbeitete wie im Rausch, Nacht für Nacht, bis mich die Morgendämmerung in die tiefergelegenen Gewölbe trieb. Die Gestirne der Nacht, sie sind unsere steten Begleiter. Der Mond, er ist für uns an die Stelle der Sonne getreten, deren Licht die Augen blendet und die Haut verbrennt. Die Sterne, sie sind wieder da, wo sie hingehören: in unerreichbarer Ferne. Oh ja, wir wurden in unsere Schranken verwiesen. Das Klassenziel nicht erreicht, zuviel Intelligenz, zuwenig Klugheit. Wieviel hundert, wieviel tausend Jahre werden wir nachsitzen müssen? Immerhin, wir haben noch eine Chance bekommen. Nutzen wir sie, lernen wir aus dem, was geschah. Schlagen wir uns mit dem verdammten Erbe unserer Vorväter herum. Mit ihrer grenzenlosen Allwissenheit, die doch nur darauf beruhte, daß sie alles beantworteten, ohne auch nur einen Teil der Fragen zu kennen. Nein, es hat keinen Sinn. Mir fehlt der Abstand. Nach dem, was ich hier vorfand, sind die vierhundert Jahre wie weggewischt. Das Teleskop, von dem ich mir den Blick in die Ferne erhofft hatte, es brachte mich zurück in die nächste Nähe. Warum denn in die Ferne schweifen, sieh, das Gute liegt so nah… Das Gute?! Ich brauche Zeit. Ich gehe zurück in die Siedlung.
Ein halbes Jahr später.
Ich kann diesen Bericht nicht in der Siedlung schreiben. Die meiste Zeit verbrachte ich wieder in der Bibliothek, aber mit meinen Aufzeichnungen bin ich nicht weitergekommen, kein Wort habe ich geschrieben. Ich muß zurück an die Quelle, an den Ort des Geschehens, ich muß sie spüren, die Schatten der Vergangenheit. Die Geister, die ich fand, sie lassen mich nicht los. Und so bin ich wieder in der Sternwarte, neben dem Teleskop, das ich vor nunmehr dreieinhalb Jahren entdeckte, und versuche, meine Gedanken von damals nachzuvollziehen. Natürlich galt mein ganzes Interesse zunächst dem Mond, Der Startrampe in den Weltraum, wie er in alten Texten euphorisch genannt wurde. Nachdem das Teleskop einsatzbereit war, konstruierte ich immer wieder neue Linsensysteme, um den Abbildungsmaßstab weiter zu vergrößern. Wegen der eingeschränkten Beweglichkeit des Instruments blieben mir stets nur einige Minuten für die Beobachtung. Wenn dann noch Wolken aufzogen, wurde meine Geduld auf eine harte Probe gestellt. Doch schließlich zeigten sich die ersten Früchte monatelanger Arbeit. Was uns nur aus Büchern bekannt war, sah ich nun mit eigenen Augen: Der Mond war besiedelt. Und bald gliederte sich der ursprüngliche Eindruck von großflächig kreisförmigen oder rechteckigen Bauten immer mehr in filigrane Einzelheiten. Mit dem wachsenden Vergrößerungsfaktor nahm aber auch meine Beklommenheit zu: Was würde ich entdecken? In manchem kleineren Objekt glaubte ich einen Raumanzug zu erkennen. Ja, selbst Bewegungen meinte ich wahrzunehmen. Doch immer wieder stellte sich heraus, daß mir Phantasie und überanstrengte Augen offenbar Streiche gespielt hatten. Andererseits war es keine Frage, daß unter den Kuppeln, in den Gebäuden und unterirdischen Anlagen einige hunderttausend Menschen erstickt, erfroren sein mußten. Doch wissen und sehen sind verschiedene Dimensionen. Meine Gedanken wanderten, wie schon so oft, die annähernd vierhundert Jahre zurück. Sie haben es nicht anders gewollt, versuchte ich mir einzureden. Aber wer waren denn sie? Alle, die damals lebten? Oder nur die Mächtigen, die befahlen, die ja-Sager, die Meinungslosen und auch die, die aus Angst gehorchten? Die Wissenschaftler, die auf alles eine Antwort hatten? Nein – das führt zu nichts. Es ist geschehen, wir haben uns mit dem, was übrig blieb, arrangiert. Wir hatten keine Wahl, Wir wurden nicht gefragt. Und die Menschen damals? Wurden sie gefragt? Haben sie gefragt? Hatten sie überhaupt eine Wahl? War es nicht schon zu spät, als sie ahnten, was kam? Fragen über Fragen. Wir, das sind wohl so etwas über zweitausend Menschen, hier in den Katakomben. Zum Zeitpunkt der Katastrophe waren es vielleicht zwanzig oder fünfzig, die außerhalb der sogenannten Zivilisation in Erdhöhlen lebten, überlebten. Sicher werden woanders auch Gruppen existieren, vielleicht auch Mutanten. Wir wissen es nicht, wollen es nicht wissen. – Ich auch nicht? Und wenn sich auf dem Mond nun doch etwas bewegt? So zwischen Angst und Hoffnung hin und her gerissen, setzte ich meine Beobachtungen fort. Manchmal, bei beständiger Wetterlage blieb ich bis zu vierzehn Tagen in meiner ‘Sternwarte’. Ich hatte mich inzwischen häuslich eingerichtet und Champignonbeete angelegt. Aus einer nahen Quelle versorgte ich mich mit Trinkwasser. Eines Nachts schließlich, schon gegen Morgen, fiel mir bei meinen Beobachtungen ein Umstand auf, der meine Gedanken in eine völlig neue Richtung lenken sollte. Der Mond stand im zweiten Viertel, und die Station LUNA VII, in einigen Büchern auch Mare Woltersdorff genannt, lag genau auf der Tag/Nachtgrenze. Die Aufbauten, Kuppeln und Türme lösten sich eben aus dem mächtigen gezackten Schatten einer benachbarten Kraterwand. Für mich war es immer wieder ein faszinierender Anblick, wenn die Objekte in dieser flachen Beleuchtung plastisch hervortraten. Dunkle Partien wurden von gegenüberliegenden Wänden im Licht aufgehellt, und auch kleinere Details hoben sich von glatten Flächen körperhaft ab. Ich hatte noch in der vergangenen Nacht ein neues, leistungsfähigeres Okular eingesetzt und wollte eigentlich einen Spaziergang über die bizarren Grate der Mond-Appeninen machen, sozusagen Urlaub für die Augen, weg von der krampfhaften Suche nach menschlichen Formen, als ich stutzte.
Schon bei einem der ersten Besuche auf LUNA VII hatte ich relativ kleine Gegenstände, Geräte oder Maschinen bemerkt, jedoch wegen der mangelhaften Auflösung nicht weiter beachtet. Jetzt, mit Hilfe der neuen Linsenkombination, sah ich die Objekte, die sich in Gruppen auf Laderampen, Transportbändern und vor Luftschleusen fanden, um die Hälfte größer. Meine Neugier wurde endgültig geweckt, als ich in einer Förderbandkurve drei dieser Geräte entdeckte, die offenbar beim plötzlichen Stillstand des Bandes herabgefallen waren und nun von den ersten Strahlen der aufgehenden Sonne gestreift wurden. Hatte ich sie bisher nur von oben gesehen und eher als zusammenhängendes, kettenartiges Objekt identifiziert, so wirkten sie jetzt aus der neuen Perspektive eher etwas antiquiert, nicht so recht in diese Umgebung passend. Andererseits, und das verwirrte mich vollends, kamen sie mir aber auch bekannt vor. Ich hatte sie schon einmal gesehen, vor nicht allzulanger Zeit. Aber der Morgen graute, und ich mußte meine Schlafstelle aufsuchen. Doch ich wurde den Gedanken einfach nicht los, daß es da irgend eine Beziehung geben mußte, eine Verbindung zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Der Morgen brachte ein ungewöhnlich starkes Gewitter, so sah ich mich bald gezwungen, einen anderen Schlafplatz aufzusuchen, der dann auch trocken blieb. Natürlich wäre es in den Katakomben komfortabler gewesen, geradezu luxuriös, verglichen mit meiner derzeitigen Bleibe. Aber ich hatte eine Fährte aufgenommen, ich hatte den Schlüssel in der Hand. Aber wo war die Tür, zu der er paßte? Irgendwo, hier in der Nähe, auf dem Weg hierher war die Lösung. Erschöpft schlief ich schließlich ein. Gegen Abend weckte mich stetes Tropfen: Durch einen Riß in der Decke kam Wasser und bildete am Boden eine Pfütze. In der Pfütze spiegelte sich im Licht der späten Dämmerung ein Fenster oder ein Lukenausstieg. Mein Blick wanderte zum hinteren Teil des Raumes an die Decke. Richtig, da war eine größere Aussparung. Offenbar hatte der Sturm eine Abdeckung weggerissen, sonst hätte ich die Öffnung ja schon am Morgen sehen müssen. Doch da war noch etwas: Gegen den Abendhimmel hob sich eine charakteristische Silhouette ab. Etwas feiner, filigraner sicherlich, als ich sie in Erinnerung hatte. Doch, ja, die Ähnlichkeit mit den Objekten auf LUNA VII war offensichtlich. Der gleiche, leicht antiquierte Eindruck, nicht primitiv, eher liebevoll gestaltet, Harmonie vor Zweckmäßigkeit. Ich erinnerte mich an Abbildungen von technischen Geräten zu Beginn und Ende des zwanzigsten Jahrhunderts. Fasziniert starrte ich auf das Teil, stellte erfolglos Vermutungen an, welchem Zweck es wohl gedient haben könnte. Ich mußte das Gebäude verlassen, um von außen in die obere Etage zu gelangen. Umgestürzte Fassadenteile erleichterten den Zugang, und nachdem ich mich erfolgreich durch dichte Matten graugrüner Flechten gekämpft hatte, war ich am Ziel. Ich befand mich in einem mittelgroßen Raum, an einer Seite leere Fensterhöhlen, verrottete aber noch erkennbare Einrichtungsgegenstände aus Holz, Glas und Metall – kaum Kunststoffe. Einiges erinnerte mich an die Sternwarte, irgendwie war es die gleiche Atmosphäre, obwohl, ich hätte nicht zu sagen gewußt, warum. Ein schmaler Streifen Mondlicht fiel in den hinteren Teil des Raumes, verlor sich in einer Bodenvertiefung und erschien wieder an der rückwärtigen Wand. Fasziniert folgte ich dem Lichtstreifen mit den Augen. Denn dort, wo er durch die Vertiefung im Boden unterbrochen wurde, erkannte ich die rätselhafte Silhouette wieder. Langsam trat ich näher und betrachtete das geheimnisvolle Gerät. Und beinahe hätte ich laut aufgelacht: Es war ein Rasenmäher! Ich befreite ihn von Schmutz und Ablagerungen und kam aus dem Staunen nicht heraus. Der Rasenmäher war tatsächlich funktionsfähig und entpuppte sich als solide Handarbeit. Die Messerwalze wurde von den Laufrädern angetrieben. Stifte an diesen Rädern sorgten für die nötige Bodenhaftung, und eine einfache Zahnradübersetzung ließ die Messer schon beim langsamen Schieben schnell rotieren. Beim Zurückziehen wechselte das Getriebe in den Freilauf.
Je mehr ich putzte und säuberte, desto deutlicher traten zahlreiche Einzelheiten hervor: Fein gearbeitete Schraubverbindungen, ziselierte Flächen, Schmuckbeschläge aus Kupfer. Was für eine Arbeit! Nur, eine Verbindung mit den Objekten auf dem Mond war natürlich ausgeschlossen, denn dort hatte es wohl zu keiner Zeit Gras gegeben. Doch auch hier, in irdischer Umgebung wirkte das Gerät eher wie ein Museumsstück. Andererseits erinnerte ich mich sehr wohl, daß Rasenmäher im zwanzigsten Jahrhundert eine besondere Rolle gespielt hatten. Und ihre Bedeutung als Statussymbol nahm wohl noch zu, als das Automobil Mitte des einundzwanzigsten Jahrhunderts wegen der klimatischen Probleme in den Hintergrund trat. In Bild- und Textdokumenten wurde für Rasenmäher in den unterschiedlichsten Ausführungen geworben: Ferngesteuert als Roboter, ganz kleine für Puppenkinder, und große, die aussahen, wie als Flugzeug verkleidete Traktoren. War dieses Gerät hier vielleicht eine Liebhaberausgabe für Sammler? Ich wollte mich schon umwenden und gehen, als mein Blick auf die gegenüberliegende Wand fiel. Der Mondlichtstreifen hatte inzwischen ein Bild erfaßt, das dort hing. Irgendwie war ich seltsam berührt: Die Sternwarte ganz in der Nähe, der Rasenmäher und jetzt das Ölbild. Das alles unterschied sich so völlig von dem, was ich bisher vorgefunden hatte. Nirgendwo sonst war mir ein Bild aufgefallen. Die oberirdische Bauweise mit Fenstern, das Ganze offenbar von einer separaten Klimakuppel geschützt, alles Fakten, die diesen Komplex auf merkwürdige Weise von der übrigen Anlage unterschieden. Ja, das wurde mir da zum erstenmal bewußt. Das Gemälde an der Wand zeigte eine Landschaft in schon fast erloschenen Farben, und doch blieb eine Ahnung von dem, was hier einmal gewesen sein mußte, als es noch möglich war, tagsüber und inmitten wild wachsender Pflanzen ungefilterte Luft zu atmen. Ich griff nach dem Bildnis, um es als Schmuck für unsere Bibliothek in der Siedlung mitzunehmen. Doch kaum hatte ich den Rahmen berührt, da brach er auch schon auseinander. Tatsächlich hatte wohl nur noch die Farbe für den letzten Halt gesorgt. Eine Scheinwelt, ging es mir durch den Kopf. Damals bereits, als das Bild seinen Platz an dieser Wand erhielt; vielleicht auch schon, als es gemalt wurde? Vergeblich suchte ich nach den Resten einer Signatur, einem Datum. Wer hatte dieses Bild hier aufgehängt, den Rasenmäher benutzt, den Mond betrachtet? Ein Schauder lief mir über den Rücken. Ich glaube ganz gewiß nicht an Geister, Aber ich bin doch überzeugt, daß es vieles gibt, das wir nicht verstehen, nie verstehen werden, weil sich unsere individuelle Sichtweise naturgemäß nicht für einen Blick auf das Ganze eignet. Der Mondlichtstreifen war inzwischen weitergewandert, hatte sich vergrößert und füllte den Raum. In seinem Widerschein erkannte ich eine kleine Tür in der Wand, dort, wo vorher das Ölbild gehangen hatte. Sie war nicht verschlossen und ließ sich mit einiger Mühe quietschend öffnen. Vorsichtig tastete ich mit einem Metallstab in den Innenraum. Kleine Glasbehälter oder Gläser fielen um, dann stieß ich an die Rückwand. doch nein, es war nicht die Rückwand, sondern offenbar ein größerer Metallbehälter, der sich nach hinten verschieben ließ. Vorsichtig langte ich hinein und zog ihn heraus. Er war offen und enthielt ein Buch mit leeren Seiten. Nun ja, dachte ich, und wollte es eben zurücklegen, als ich bemerkte, daß ich von hinten geblättert hatte. Ich drehte es um – und tatsächlich: Zu Beginn waren einige Seiten beschrieben. Die Schriftzeichen schienen verblaßt, aber noch lesbar. Offenbar ein Tagebuch in französischer Sprache.
Jeder von uns spricht mehrere Sprachen. Diese Tatsache und ein recht guter Bestand an Büchern aus vielen Wissensbereichen bilden die einzige Verbindung, die wir noch zu vergangenen Kulturen haben, und die wir aus vielerlei Gründen pflegen. So hatte ich denn auch keine Schwierigkeiten, die Eintragungen zu lesen. Nach den ersten vier Seiten legte ich das Buch in die Kassette zurück. Eine klare Handschrift, Kein mühevolles Entziffern, die Zeilen gewährten den unmittelbaren Zugang in die Gedankenwelt eines Menschen, der vor mehr als vierhundert Jahren hier gelebt hatte. Ich wußte nun, wer diesen Rasenmäher gehütet, das Bild betrachtet, das Teleskop gepflegt hatte. Die Eintragungen in diesem Tagebuch übertrafen bei weitem alle Vorstellungen, die ich von dieser vergangenen Welt hatte. Es war eine Welt voller Antworten und ohne Verantwortung. “Sie hatten nur weniger gefragt”, die rätselhafte Antwort meines Lehrers kam mir wieder in den Sinn. Jetzt begann ich zu ahnen, zu begreifen, was er meinte. Hier hatte ein Mensch aus jenen Tagen seine Gedanken aufgeschrieben, und ich war mir keineswegs sicher, ob ich das Recht hatte, diese Zeilen zu lesen. Der Zustand der Blätter war schlecht. Einerseits hoffte ich, der Zufall möge mir die Entscheidung abnehmen, ein Windzug, eine unkontrollierte Bewegung, das Buch fällt zu Boden und löst sich auf. Andererseits schien es mir unmöglich, ein solches Dokument ungelesen vorsätzlich zu zerstören. Und so las ich weiter, faßte letztendlich den Entschluß, es zu bewahren, indem ich es abschreibe.
Neben mir steht das Teleskop, Die Armaturen schimmern im Mondlicht; ich habe die Kuppel etwas geöffnet, denn die Schrift ist sehr blaß. Die Seiten werden immer brüchiger, und ich habe Angst, daß es mir unter den Händen zerfällt. Es ist ganz sicher derselbe Mond wie damals, als diese Zeilen geschrieben wurden. Was hat sich denn verändert? Ich werde diesen Gedanken nicht los. Nun ja, die Menschheit hat sich auf ihren Ursprungsplaneten zurückgezogen, es sind einige Milliarden weniger, und sie leben etwas anders. Und sonst? Ich wende vorsichtig das erste Blatt um.
“Für Geneviève”, steht da. Es wurde wieder durchgestrichen, Aber darunter steht es noch einmal: “Für Geneviève.”
Ja, ich muß nun anfangen, genug der Vorrede. Das Abschreiben dieser Zeilen… Ich zögere immer noch. Ich habe den Inhalt gelesen. Das sollte genügen. Wenn ich diese Gedanken weitergebe, viele werden sie deuten, den Urheber bedauern, verfluchen, verachten. Bin nicht ich im Grunde genommen der Verachtenswerte, der die Gedanken eines Toten ans Licht zerrt, Unbeteiligten zugänglich macht? Ist es nicht so? Andererseits sind wir wohl ganz gewiß alle beteiligt, betroffen; es könnte helfen zu verstehen, was damals geschah. Also fange ich an. Am Ende kann ich immer noch entscheiden, was ich damit mache.
4. März 2194
Wie lange ist das jetzt her? Dein letzter Besuch bei uns; ich versuche, mich zu erinnern, zwei Jahre, drei oder noch mehr? “Geneviève ist da!” Ich höre noch die Stimme meines Vaters, hart, unpersönlich, mit tadelndem Unterton. Er mochte dich nicht, und ich glaube, du wußtest das. Du hattest mir richtige Blumen mitgebracht. Mutter sagte: “Gib her, ich stell’ sie in eine Vase”. In Wirklichkeit landeten sie in der Desinfektion. Und ich war auch ein bißchen böse auf dich. Du weißt, daß Mutter in diesen Dingen ein wenig eigen ist, dachte ich, du mußt sie nicht noch provozieren. Vielleicht auch deswegen hatte ich dein kleines Päckchen bald vergessen, nicht nur wegen der vielen anderen Geschenke. Richtig, ja, es war mein sechzehnter Geburtstag; so ist es schon dreieinhalb Jahre her. Als ich dann am nächsten Morgen zufällig dein Päckchen fand, mußte ich erst überlegen. Ich machte es auf, hielt dieses Buch mit leeren Seiten in der Hand und war froh, allein zu sein, nicht erklären zu müssen, daß dies ein Geschenk von dir war. Keiner hätte es verstanden, am wenigsten mein Vater. Ich glaube, Ich hätte mich deiner etwas geschämt. Geneviève, entschuldige, es tut mir leid. “Schreib’ auf, was dir in den Sinn kommt, aber sei ehrlich.” Seltsam, jetzt, nach über drei Jahren fallen mir deine Worte wieder ein. Damals verstand ich nicht, was du meintest. Was soll das, dachte ich und legte das Buch irgendwo hin. Vorhin, als ich zufällig auf dieses Buch, auf dein Geschenk stieß, da war es wie ein warmer Lichtschein in der Nacht, von irgendwoher, aus einer anderen Welt. Aus deiner Welt, die ich nie begriff, weil sie so anders war, und weil ich instinktiv spürte, daß es nicht meine Welt sein konnte. Ist es nicht eigenartig? Jetzt habe ich das Gefühl, mit dir zu reden. Du antwortest nicht – und doch, es beruhigt mich. Mutter ist seit gestern auf der INTER-ROBOT, Vater nimmt auf LUNA VII an einer marktstrategischen Tagung teil. Er hat inzwischen in der interplanetarischen Gesellschaft für Entwicklung und Vertrieb von Verbrauchsgütern eine hohe Position. Mutter ist ganz stolz und ich natürlich auch, denn schließlich ist es ja auch meine Zukunft. Du – du lächelst. Doch ja, ich sehe dich vor mir, ich sehe, wie du lächelst, und dein Lächeln verunsichert mich. Das kommt neuerdings häufiger vor. “Es gibt keine Zufälle”, behauptet Vater. Er muß es wissen. Aber wieso finde ich heute dein Buch, warum schreibe ich… In acht Wochen beginnen die Prüfungen für das Delta-Examen – und ich habe Angst. Wem anders als dir dürfte ich das sagen? Unsinn, das sind dumme Gedanken.
6. März 2194
Im Institut gab es wieder einmal Ärger wegen meiner Stimmbänder: “Cyrus, Junge, Sie müssen was dagegen tun. Mit Ihren Zwischenresonnanzen bringen Sie das ganze Lernprogramm durcheinander. Sprechen Sie mal mit Ihrem Vater darüber.” Das war eine Drohung, das heißt soviel wie: “Sonst spreche ich mit ihm.” Ted Mareks Stimme ließ mich frösteln. Er leitet das HCC, das Hardware Control Center, im Institut und betreut unsere Lehrer. CYBER XIV flippte mal wieder aus, weil meine Stimme belegt war. Also einen Kehlkopf-Generator… Oder NF in die Identification Card, “Nicht förderungswürdig”, das ist so etwas wie ein Ausschluß aus der Menschlichen Gesellschaft. Aber da redet keiner drüber. “Wo ist denn Ihr Sohn, Herr Woltersdorff?” “Ach, der hat vor kurzem eine Aufgabe auf dem Mars übernommen.” Und jeder weiß, was das heißt. Nein, das sind keine guten Gedanken. Es wird Zeit, daß Vater zurückkommt; ich brauche seine Hilfe, seinen Glauben an die Zukunft, daß das alles richtig ist, was wir hier machen.
10. März 2194
Vater ist wieder da. Noch am Space Airport war er mit einem 40-Minuten-Interview auf allen News-Channels. Ich habe mich gleich im IGEVV-Gesundheitszentrum für die Implantation des Kehlkopfgenerators angemeldet. Mutter übrigens auch. Sie hat sich auf der INTER-ROBOT in die neue Generation sprachgesteuerter Robotersysteme verliebt und schon die ganze Haustechnik umgestellt. Der Kehlkopfgenerator war sogar im Kaufpreis eingeschlossen. Ich bin nun sicher, daß es aufwärts geht. Vor vier Tagen noch… Wenn ich das jetzt lese, was ich da geschrieben habe, dann… Es ist einfach alles anders, und es ist gut – für mich jedenfalls gut – ein solches Tagebuch zu schreiben. Ich werde diesen Fehler nicht mehr machen, mich so fallen zu lassen. Es gibt keinen Grund dafür. Ich habe einen guten Start, Vater sagt das auch, und wenn ich erst einmal das Delta habe, dann stehen mir bei der IGEVV alle Türen offen.
16.Mai 2194
Es ist geschafft, bestanden. “Du wirst doch dieses Mädchen nicht zur Delta-Feier einladen?” Ich spüre noch Vaters prüfenden Blick im Rücken; eigentlich war es ja auch keine Frage, eher eine Feststellung. “Nein, Vater, ich weiß auch gar nicht, wo sie ist.” “Das ist gut.” Wie meint er das? Da ist irgend etwas, was ich nicht weiß. Was würde er sagen, wenn er wüßte, daß ich dieses Tagebuch schreibe? Ich weiß es nicht. Es ist einfach unvorstellbar, daß mein Vater es überhaupt zur Kenntnis nähme. Ob er in seinem Leben jemals an sich gezweifelt hat? Aber vielleicht würde er auch sagen: “Gut, mein Junge, da mußtest du durch. Du hast dich richtig entschieden. Du bist mein Sohn.” Ja, das könnten auch seine Worte sein. Es tut mir leid, Geneviéve, aber es ist gut, daß wir uns nicht mehr getroffen haben. Mir ist jetzt klar geworden, daß wir in verschiedenen Welten leben: Du in einer Welt voller Zweifel, ich schau nach vorn. Eines Tages vielleicht, wenn wir uns denn wiedersehen, wirst du verstehen, daß nur, wer in die Zukunft denkt, auch die Gegenwart bewältigt.
28. Mai 2194
Gestern war die Delta-Feier im IGEVV-Informations-Center. Es ist wunderbar, dazu zugehören! Zum Kreis derer, die die Welt verändern, neue Bereiche erschließen, Träume verwirklichen, neue Ziele ins Auge fassen. Vater hielt für uns sechs die Laudatio. Er hat recht, wenn er sagt, daß wir verpflichtet sind, alle Möglichkeiten des technischen Fortschritts zu nutzen. Die Schöpfung ist ein gewaltiger Organismus. Jede Zelle hat ihre Aufgabe. Und wir, die Menschen, sind das Hirn. Wir steuern diesen Mechanismus dank immer wieder neuer Erkenntnisse in noch unerreichte Höhen. Wenn wir erst einmal die Mechanik der vierten Dimension beherrschen… Ideen entwickeln, alles ist möglich, wenn nur der Wille da ist. Das Motto der IGEVV ‘Wecke keine Wünsche, die du nicht erfüllen kannst’ ist ein voller Erfolg geworden. Und Vater, der maßgeblich an diesem Konzept beteiligt war, hat alle Chancen für eine Position an der Konzernspitze. Sein Leitsatz “Jedes unserer Produkte, das auf den Markt kommt, muß ein Bedürfnis wecken, welches wir mit einem neuen Produkt befriedigen können”, wurde einstimmig zur Aussage des Jahres gewählt. Glaub’ mir Geneviève, wir sind auf dem richtigen Weg. Die gesellschaftlichen Krisen vergangener Jahrhunderte, die oftmals alles bis dahin Erreichte in Frage stellten, können sich nicht wiederholen, weil keine Wünsche offen bleiben. Jeder tut, was er möchte, weil jeder das möchte, was er tut. Überall entstehen die neuen großen Naturzentren mit unterschiedlichen Klimazonen. Pflanzen, die schon ausgestorben schienen, leben in geschützter, ungezieferfreier Umgebung, schöner und größer als je zuvor. Moderne Verkehrsmittel verbinden die großen Wohn- und Freizeitanlagen auf diesem Planeten und lassen die Reisezeiten selbst zwischen den entferntesten Orten auf wenige Stunden schrumpfen.
16. Juli 2194
Ein großer Tag für unsere Familie: zum hundertsten Geburtstag meines Urgroßvaters wurde die IGEVV Mondbasis LUNA VII in ‘Mare Woltersdorff’ umbenannt. Karl Friedrich Emmanuel Woltersdorff, ein Name wie ein Denkmal. Seine Arbeitsräume im alten Trakt über den Elektrolabors werden nun auch weiterhin unverändert bleiben. Das hölzerne Mobiliar, das er schon von seinem Vater übernommen hatte, der ‘Ölschinken’, wie Großvater das Landschaftsbild über dem Schreibtisch immer liebevoll nannte. Und vor allem seine ‘Sternwarte’, das vorsintflutliche Teleskop im Obergeschoß. Es ist völlig veraltet, und niemand käme auf die Idee, es zu benutzen. Wahrscheinlich hatte er damit die ersten Aktivitäten auf dem Mond beobachtet. Jetzt steht es da, wie – ja, wie ein Denkmal: Hier ruht die Vergangenheit, die Welt von gestern. Und nicht zu vergessen, das Prunkstück auf einem Podest neben der kunstvoll geschnitzten Treppe nach unten: Der Rasenmäher. Dieser Rasenmäher, der ein Industrie-Imperium begründen sollte. Ob Karl Friedrich Emmanuel Woltersdorff das je geahnt hat? “Über allen Zielen, die wir eines Tages erreichen werden, dürfen wir nie vergessen, woher wir kommen.” Das war seine Devise, die hier in jedem Detail seines Arbeitszimmers zu spüren ist. Ich war noch klein, aber ich erinnere mich an endlose Diskussionen, die er mit Vater hatte. “Ballast abwerfen” war stets das Reizthema. Jetzt sitze ich hier an seinem Schreibtisch, und meine Gedanken wandern hin und her zwischen Vergangenheit und Zukunft. Ballast abwerfen, das heißt doch, sich lösen von dem, was erledigt ist, den Blick nach vorn richten, alle Kräfte sammeln, um neue Ziele zu erreichen. Vorwärts streben. Die Eroberung und Besiedlung von Mond und Mars hat auch das Leben auf der Erde bereichert. Wir sind jetzt überall an die zentrale Klimatechnik angeschlossen, Luftschleusen auf den Raumflughäfen und Magnetbahnstationen verhindern nicht nur das Eindringen von Schadstoffen, sie bieten auch einen nahtlosen Übergang zu den außerirdischen Systemen, weil die lebenserhaltenden Einrichtungen auf Erde, Mond und Mars gleich sind. Alles das haben wir dem wissenschaftlich-technischen Fortschritt zu verdanken, nicht dem Blick zurück. Wen interessiert denn noch, wie wir vor hundert Jahren lebten?
18. Februar 2196
Tatsächlich, das sind ja fast zwei Jahre seit den letzten Eintragungen. Und wenn ich nicht zufällig nach Material über Urgroßvaters Rasenmäher gesucht hätte… “Hinter dem Ölschinken ist, glaub’ ich, noch ein kleiner Tresor”, hatte mir Großvater gestern mit auf den Weg gegeben, “vielleicht findest du da auch noch was.” Alles mögliche hätte ich da vermutet, nur nicht dieses Buch. Aber ich habe es ja wohl selbst da rein gelegt. Es muß doch mit der eigenartigen Atmosphäre in diesen Räumen zu tun haben, hier kommt eben nichts weg. Vielleicht auch deshalb, weil hier kaum jemand herkommt. Ich glaube, Vater weiß gar nicht, daß dieser Trakt noch existiert. Ich habe es jetzt einmal von Anfang an gelesen, daß heißt, viel steht ja nicht drin… Und doch, wenn es nicht meine eigene Handschrift wäre, ich würde nicht glauben, daß auch die ersten Einträge von mir sind. War schon eine gute Idee, die Gedanken, die Ereignisse, die einen bewegen, festzuhalten. Es gibt einen Einblick in die eigene Entwicklung Geneviève? Eine Episode. Vater hatte natürlich recht. Und wenn ich die Notizen weiterführe, dann – ja, warum nicht? Vielleicht sind sie eines schönen Tages doch für jemanden von Interesse, so wie Urgroßvaters Aufzeichnungen – warum eigentlich nicht? Immerhin, ich habe gelernt, die Welt im Ganzen zu sehen, Verantwortung zu übernehmen, Verantwortung für unser Unternehmen und damit auch für den Fortbestand dieser Wirtschaftsordnung. Mit Beginn dieses Monats wurde ich zum Vertriebskoordinator Kunststoffrasen und Rasenmäher berufen. Ein interessantes Arbeitsgebiet; ich habe schon viele gute Ideen, die ich verwirklichen möchte. Vater ist stolz auf mich. Der Konzern hatte einen internen Wettbewerb für Nachwuchsführungskräfte ausgeschrieben. Thema: Verkaufsstrategien.Für mein Konzept habe ich den Titel “Der Rasenmäher – Bindeglied zwischen Mensch und Natur” gewählt. Ein Glücksfall. Meine Arbeit wurde sehr gut beurteilt, und ich bin sicher, daß diese Beurteilung zu meinem Aufstieg beigetragen hat.
26. Februar 2196
Heute machte mir Vater ein Beförderungsgeschenk: Zur nächsten Strategiekonferenz der IGEVV darf ich ihn auf den Mond begleiten. “Junge, dein Konzept wird eines der Leitthemen der Tagung sein.” Ich freue mich wahnsinnig. Mein erster, ganz großer Erfolg! Die Arbeit hat sich gelohnt, und ich möchte eigentlich den einleitenden Text hier wiedergeben, vielleicht ist es auch später in der Rückerinnerung ein wichtiger Baustein in unserer Firmengeschichte.
Der Rasenmäher – Bindeglied zwischen Mensch und Natur “Guten Tag, was macht Ihr Rasen?” Eine Höflichkeitsfloskel, die keiner Beantwortung bedarf? Nein, sicher nicht. Eher ein ganz wesentlicher Teil heutiger, zwischenmenschlicher Beziehungen. Das tägliche Gespräch über den Rasen fördert nicht nur das Naturverständnis, es ist auch ein wesentlicher Teil unserer Firmenkultur. Denn zum Rasen gehört auch der richtige Rasenmäher. Und schon lange überläßt kein verantwortungsbewußter Rasenbesitzer die Rasenpflege, und dazu gehört vor allem der Schnitt, dem Gartenrobot. Schnitthöhe und Schnittzeiten sind Entscheidungen, die die Maschine dem Menschen nicht abnehmen kann. So ist es sicher kein Zufall, daß sich immer mehr Rasenbesitzer in Clubs zusammenfinden, um unter Leitung erfahrener IGEVV-Referenten ihre Probleme zu diskutieren. Und natürlich trägt auch unser reichhaltiges Angebot an Rasenmähern dazu bei, die Freude an dieser sinnvollen Beschäftigung wachzuhalten. Betrachtet man das Thema jedoch einmal aus globaler Sicht, so zeigt sich, daß nicht alle Menschen die Möglichkeit haben, unsere Produkte sinnvoll zu gebrauchen. Die Tatsache, daß die Nutzung unserer Rasenmäher in den Kolonien nur sehr eingeschränkt möglich ist, muß durchaus als Wermutstropfen im ansonsten hochqualifizierten Freizeitangebot gesehen werden. Zwar wird der Kunstrasen, wie er in Mond- und Marssiedlungen schon lange zur Verwendung kommt, ungeschnitten geliefert, um den Besitzern zumindest einmal das Erlebnis des Rasenmähens zu vermitteln. Aber natürlich ist das keine Lösung, zumal der Anblick nicht einzusetzender Rasenmäher immer häufiger zu psychischen Belastungen führt, die wir unseren Kunden ersparen sollten. Getreu unserer Devise, die besagt, daß jedes unserer Produkte ein Bedürfnis wecken muß, das wir mit einem anderen Erzeugnis befriedigen können, müssen wir auf dem Gebiet der Kunstrasenproduktion neueste Erkenntnisse verwirklichen. Unsere Forschungslaboratorien, jeder einzelne Wissenschaftler, jeder Techniker ist gefordert, seine ganze Kraft in die Entwicklung neuer Produkte zu investieren, zum Wohle unseres Unternehmens, wie auch zur ständigen Verbesserung der Lebensqualität auf Erde, Mond und Mars.
4. April 2196
Die Strategiekonferenz wurde verschoben. Und was schon seit Wochen gerüchteweise kursierte, scheint sich zu bewahrheiten. Den IGEVV Chemotechnikern ist die Realisierung eines langgehegten Traumes gelungen: Der nachwachsende Kunststoffrasen ist da! Bereits vor Wochen konnte die Erprobungsphase erfolgreich abgeschlossen werden. Wie ein Lauffeuer verbreitete sich die Nachricht besonders in den außerirdischen Gebieten, und so kommen auf die geplante Konferenz natürlich neue, organisatorische Aufgaben zu. Ja, das ist tatsächlich ein Meilenstein in der Geschichte der IGEVV, und ich ahne, warum mein Konzept so begeistert aufgenommen wurde. Nun haben sich die umstrittenen Investitionen in die Rohstoffgewinnung auf dem Mars schließlich doch gelohnt, was natürlich Vaters Stellung, der sich schon seit langem dafür einsetzte, erheblich stärkt. Auf jeden Fall wird es auch positive Auswirkungen auf das gesamte IGEVV Produktionsprogramm haben und damit auch mein Ressort stärken. Denn tatsächlich steht eine Umwälzung größten Ausmaßes bevor: Der noch immer gebräuchliche Naturrasen hat schließlich schwerwiegende Nachteile, die häufig zu Störungen in den Schutzeinrichtungen führen. Bei unsachgemäßer Pflege entstehen Faulstoffe, die die Vermehrung von Schädlingen erheblich fördern und somit Boden und Luft verunreinigen. In den letzten Jahren kam es immer wieder vor, daß Menschen mit ausgezeichneten Erbanlagen sterilisiert werden mußten, weil sie sich mit Faulstoffen infiziert hatten. Aber nun haben wir alle Chancen, dieses gefährliche Relikt einer vergangenen Epoche im Umgang mit der Natur durch ein modernes Produkt der IGEVV ersetzen zu können.
19. Juni 2196
Der neue Kunstrasen wird begeistert aufgenommen. Vaters Idee, gleichzeitig einen neuen ‘alten’ Rasenmäher anzubieten, scheint auch ins Schwarze zu treffen. Urgroßvaters Schmuckstück soll dafür Modell stehen; natürlich nur von der Form und vom Aussehen her. Der Antrieb wird neuesten technischen Erkenntnissen entsprechen. So wird es dann meine Aufgabe sein, Vertriebspläne auszuarbeiten und Transportkapazitäten zu ordern. Mond und Mars haben natürlich Vorrang. Eine neue, große Aufgabe!
24. September 2196
Es ist furchtbar –. Gestern traf ich Geneviève. Ich erkannte sie fast nicht mehr. Tiefe Falten und dunkle, fleckige Haut. Sie lebe ‘woanders’, meinte sie. Ich bin nicht sicher, ob sie überhaupt zu mir wollte. Offenbar kam sie durch ein altes Kanalsystem in unser Zentrum. Wo, das wollte sie nicht sagen. Ich werde es melden müssen. Verdammt, ich kann es nicht ändern. Nein, ich verstehe sie nicht, das ist doch menschenunwürdig. Sie will sich nicht registrieren lassen und lebt womöglich noch außerhalb der HB-Zentren von Wildtieren und Pflanzen. “Eure grauenhafte Konservenwelt “, flüsterte sie, “ich hasse sie!” Nein, Geneviève, glaub’ mir, du bist im Unrecht. Schau dich doch selbst an: Ist das die Welt, in der du leben möchtest? Du warst eine intelligente, junge Frau. Du könntest so leben wie wir… Als sie ging, folgte ich ihr heimlich. Kurz vor dem Serviceeinstieg in den Kabelschacht am Informationszentrum drehte sie sich unversehens um: “Ja, laß es zumauern. Ich habe hier nichts mehr verloren!” Sie kann Gedanken lesen, schoß es mir durch den Kopf. Ich sah mich entsetzt um, glücklicherweise war niemand in der Nähe. Mein erster Gedanke war, sofort eine Desinfektion aufzusuchen, aber dann… Nein, ich kann dieses Gesicht nicht vergessen. Konservenwelt! Es ist doch nur zu unserem Besten. Es geht uns gut. Wir haben aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt. Warum begreift sie das nicht. Wir atmen klinisch saubere Luft, erzeugen unsere Nahrungsmittel giftstofffrei. Sicher, wir leben in humanbiologischen Schutzräumen. Aber auf Mond und Mars leben wir doch genau so. Der Weltraum steht uns offen. Natürlich können wir den Weltraum nicht unseren Bedürfnissen anpassen, aber wir können unsere Bedürfnisse dem Weltraum anpassen. Das ist doch eine logische Folgerung, oder etwa nicht? Wenn wir unsere Lebenserwartung weiter steigern, die Antriebssysteme der Raumfähren verbessern, dann werden wir eines Tages auch andere Sonnensysteme erreichen und besiedeln. Natürlich mußten bestimmte Vorstellungen und Verhaltensweisen korrigiert werden. Hemmungslose und unkontrollierte Vermehrung angesichts einer hochentwickelten Gentechnik ist doch wohl ein Aberwitz. Wir haben einer verlogenen Sozialethik, die uns in den Untergang zu ziehen drohte, abgeschworen. Ich erinnere mich an unsere Streitgespräche. Damals habe ich noch nicht so recht begriffen, worum es ging, aber jetzt weiß ich es: Schau dich an, und dann schau mich an! Verdammt, niemand wird gezwungen, in unserer Welt zu leben. Auch du nicht, Geneviève.
25. September
Ich werde dieses Gesicht nicht los. Ich…
Damit endet das Tagebuch. Cyrus Woltersdorff wird sich seiner ‘neuen, großen Aufgabe’ nicht mehr lange gewidmet haben. Und Geneviève? Sie hat das stille Chaos vielleicht überlebt; eventuell sogar hier, in den Katakomben. Ich werde es nicht mehr erfahren, es ist zu lange her. Aber ich weiß, daß es sie gegeben hat, sie und Cyrus. Der durch einen interstellaren Magnetsturm verursachte Zusammenbruch der elektrischen Spannung mag Tage oder Wochen angehalten haben. Die Menschen in den künstlichen Lebensräumen auf Erde, Mond und Mars waren verloren. Nein, sie hatten keine Wahl. Sie hatten schon lange keine Wahl mehr.
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