Lunaria
von Reinalde Wahnrau-Sander (copyright)
Wir schreiben das Sternenjahr 25 763, in dem 15 Umlaufzeiten der galaktischen Monde vergangen sind. Heute wird Lunarias Hochzeit im Zeitencomputer des Planeten Arias verzeichnet werden.
Wir sind mit unserem Raumschiff auf dem Arias gelandet. Denn der Arias ist der Heiratsplanet in der 3. Galaxie, in der wir uns gerade befinden. Alle Hochzeiten werden hier gefeiert, weil gerade dieser Planet unseren Vorstellungen nach für Hochzeiten so gut geeignet ist. Silberweiß ist die Farbe, in der eine Eheschließung begangen werden sollte. Das Gestein des Arias besitzt genau diese Farbe. Die Felsen haben glatte Flächen und glänzen und funkeln herrlich silbern im Schein des Sirius. Die Atmo-sphäre des Arias lässt nur die milchweißen Lichtstrahlen der Siriussonne durch. Fast alle Farben wer-den gefiltert. Die kleinen Gesteinsbrocken funkeln wie Diamanten. Die ganze Welt des Arias erstrahlt in silber-weißem Licht. Nur hier und da blitzt es gelblich, grau oder bläulich auf. Das ist gut so. Denn ein wenig Farbe am Hochzeitstag soll Glück und Fruchtbarkeit in einer Ehe bringen, sagte meine Großmutter. Ich selber halte nichts von solchem Aberglauben.
Die Pflanzen auf dem Hochzeitsplaneten Arias sind hoch gewachsene Bäume. Ihre Stämme sind ge-rade aufstrebende Stangen aus unoxidiertem Aluminium mit einem Überzug aus einer Legierung aus Chrom und Argentum. Sie reflektieren das weiße Licht in feinen Strahlen. Von den Kronen der Bäume hängen lange Schleierblätter aus eben demselben Material, die leicht im Wind schaukeln. Diese Bäu-me bilden die Hochzeitskathedrale.
Wir alle, die wir zu der Hochzeitszeremonie geladen sind, sind in weiße Gewänder gekleidet. Unsere Haut ist weiß geschminkt und wir haben unsere Haare mit Mondstaub silbern gefärbt.
Lunaria ist die Braut. Ich kenne sie seit vielen Sternenjahren. Nie habe ich mir vorstellen können, dass sie einmal heiraten würde und dann auch noch in diesem romantischen Rahmen. Immer habe ich gedacht, Gefühle seien ihr fremd, sie bestehe nur aus Verstand.
Lunaria ist eine ehrgeizige Frau. Sie hat sich vom Bordingenieur eines kleinen Raumschiffes, dessen Namen so unbedeutend war, dass ich ihn gar nicht mehr weiß, zum 1. Offizier unserer galaktischen Fähre Urahia II herauf gearbeitet. Immer nur hatte sie ihre Arbeit im Kopf. Und nun plötzlich diese Hochzeit!
Da schreitet Lunaria in die Baumkathedrale. Ihr langes, aus Silberfäden gestricktes Kleid umfließt eng ihren hoch aufgerichteten, schlanken Körper. Ihr Haar ist zu einem silberweißen Strahlenkranz auf-getürmt. Auf jedem Haarstrahl funkelt eine Elektronenbirne. Viele kleine Elektronenlämpchen um-schließen ihre Stirn. Und sie trägt einen Strauß in ihren Händen. Sie trägt tatsächlich einen Braut-strauß, einen Brautstrauß mit irdischen Blumen darin. Das muss man sich mal vorstellen! Sie hat keine Kosten, Zeiten, Wege und Mühen gescheut, um irdische Blumen auf den Arias zu holen, um sich den Luxus, oder soll ich besser sagen den Kitsch, eines Brautstraußes zu leisten. Und diese Blumen sind auch noch frisch!
Kleine weiße und gelbliche Blüten schimmern zwischen silbrigen Blättern. Weiße Federn, Perlen und Schneebeeren werden von Silberdrähten gehalten. Der ganze Strauß ist umgeben von Lunariablät-tern. Es müssen hunderte sein! Was das wohl gekostet hat? Lunaria! So etwas Kostbares! Natürlich müssen es ihrem Namen zur Ehre Lunariablätter sein! Sie trägt den Strauß wie eine Trophäe.
Langsam, jeden Schritt wählt sie mit Bedacht, kommt sie den Weg, den wir ihr zu Ehren säumen, herab geschritten bis zum Altar, an dem die Hochzeitspriesterin auf sie wartet. Doch bevor sie den Altar erreicht, bleibt sie vor jedem der dreizehn Männer stehen, die sie heute heiratet. Sie sind in Silberum-hänge gehüllt und tief verschleiert. Niemand außer der Braut wird je wieder ihre Gesichter, noch ihre Gestalt sehen. Jeder verneigt sich tief vor seiner Braut.
Dann kniet Lunaria vor dem Altar nieder. Die Priesterin segnet sie. Sie erhebt sich und ohne sich um-zudrehen wirft sie den wunderbaren Strauß in die jubelnde Menge. Wie von einem Windstoß getrie-ben fliegt er bis zu mir. Ich fange ihn auf.
Ich werde die nächste Braut sein!
Drucken