Ich erinnere mich

von Eduard Breimann (copyright)

Sie sind da, tauchen unverhofft auf, wie Bäume und Häuser aus undurchdringlichem Nebel. Konturen festigen sich, Farben strömen.
Wo waren sie in all den Jahren, bevor ich sie fand? – Als sie mich fanden. Wie tief in den grauen Zellen hatten sie sich versteckt? Hätten sie sich irgendwann von ganze alleine nach oben, ins Bewusstsein gedrängt? Hätten sie mich jemals an diesen Tag erinnert, wenn ich nicht erinnert worden wäre?
Was alles mag da noch verborgen sein, in dem, was die Wissenschaftler Ce-rebrum, Enzephalon nennen? Dieser Ort, an dem all meine Sinnesempfindun-gen, meine Willkürhandlungen und mein Gedächtnis liegen; an diesem Ort, der ICH bin. Bilder, Gedanken, Gerüche, Gefühle. Meine Seele?
Es ist alles da, ist mein ICH. Vergessen? „Ich kann mich nicht erinnern!“ Nein. Nur zugedeckt mit all den anderen, wichtigeren, bedeutenderen, neueren Bil-dern und Erlebnissen.
Für immer verschüttet? Nein. So wenig genügt schon, um es wach werden zu lassen. All das, was ich in meinem langen Dasein gesehen, gefühlt, empfunden und erlebt habe, liegt in diesen Zellen begraben. Mein Leben, mein ICH.
Was muss geschehen, um es wieder „bewusst“ zu machen, es noch einmal erleben zu können? Was führt durch das Labyrinth zu diesen Gräbern? Genügt so ein Anstoß, wie gerade eben?
Gefühle, Empfindungen, Sehnsucht. Wehmütige Wünsche – „Noch einmal die-sen Augenblick erleben, durchleben können, mit dem Wissen von heute“ – tau-chen aus dem Nichts auf. Und der Wunsch, es diesmal anders machen zu können.

Ich kann es riechen, das Wasser im Kanal. „Tote Fahrt“, sagt der Sprecher aus dem Off, der die Fahrt des Bootes auf dem Kanal kommentiert. „Keine Schiffe, schon lange nicht mehr.“
Ich weiß. Darum „Tote Fahrt“. Darum die wunderbare Ruhe. „Stille“, sagt der Mann im Fernseher. „Stille ist hier normal. Hören Sie sie? Nur unterbrochen von den Geräuschen der Wellen, vom raschen Flügelschlag eines fliehenden Vogels.“ Grüne Ufer ziehen vorbei. Blauweißer Himmel wird von hohem Schilf begrenzt.
Ich erinnere mich. Ja, genau so war’s! Diese Bilder! Das muss da sein, wo ich … Natürlich! Das ist es. Meine Güte! Man konnte doch von dort … Ich weiß genau, wie es … Aber ja! Der Blick rüber zum spitzen Kirchturm, der hinter dem jenseitigen Kanaldamm durchs Schilf sticht. Da ist er! Den Anblick gibt es nur einmal; nur von dieser Stelle.

Ich kann es sehen. Ich liege an der sanften Böschung, grasbewachsen im oberen Teil, von blauschwarzem Basalt weiter unten begrenzt, der sich im hellgrünen Wasser spiegelt. Kleine Wellen aus grünem Wasser stoßen an die Steine, die, moosig und glitschig, die Böschung halten.
Ich kann es hören. Still ist es. Nur manchmal … Im Schilf neben mir raschelt es, bewegt sich etwas, flüchtet rasch. Ein kleiner Luftstoß lässt die Schilfblätter rascheln.
Ich kann es fühlen. In meinem Rücken spüre ich die Wärme, die das Gras ab-gibt. Hitze, die in Stunden dort gespeichert wurde. In meinem Gesicht brennt die Sonne, lässt alles um mich herum milchig, verschwommen erscheinen.
Ich kann mich nicht … Was war das für ein Tag? Wer war ich damals? Wie war ich damals? Ich kann mich nicht erinnern.
Aber … Ja, doch! Das war doch … Ich erinnere … Ja! Und dann ist es da, wichtiger als alle Bilder. Bedrückender und beglückender als alles andere. Ich erinnere mich.
Ich kann es spüren. Es steigt hoch, schwemmt herein, ohne mein Zutun. Ein unbestimmtes Gefühl, fast schmerzhaft. Ach ja …
Ich erinnere mich. Ach, damals … Zukunft ahnend, Zukunftsangst fühlend. Banges Warten und Erwarten. Was mag kommen? Was erwartet mich auf der Reise zu dem Punkt, an dem ich mich an diese stille Stunde erinnern werde?
Ich erinnere mich. Wie unsicher ich bin. Was alles wird mein Leben füllen, for-men? Bittere Süße schwemmt hoch. Jungenhaftes, ungeformtes Denken.
Ich erinnere mich. Unklare Gedanken. Hoffnungen. Sehnsüchte. Wonach? Un-sicherheiten, anmaßende Ziele?
Ich erinnere mich. Schwerelose Liebe, Verliebtheit, die uferlos und grenzenlos in mir wächst. Gedanken an sie, an sie, für die allein ich lebe. Verpasste Chancen. Trotz. Sturheit.
Was noch? Was war davor, was danach? Warum liege, warum ruhe ich dort an der Kanalböschung? Alleine. Bin ich alleine? Ich erinnere mich nicht.

Ein kleiner Fernsehfilm genügt, um brennende Sehnsucht nach längst ver-schütteten Erinnerungen zu wecken. Was wär ich ohne Erinnerungen?
Ein Mosaikstein nur war das, einer von unzähligen, bunten, grauen und schwarzen Stücken meines Kaleidoskops der Erinnerungen. Und ab hier, kann ich – könnte ich – wie an einem endlosen Faden, Stück für Stück heraus ziehen aus dem Cerebrum, aus den Tiefen, die nichts vergessen aber alles aufbewahren.
Könnte ich! Will ich denn? – Nein, ich möchte gar nicht. Zufällig auftauchende Erinnerungen sind genug. Mehr muss nicht sein. Ich lasse sie ruhen, in ihrem Grab, das sich öffnen mag, wenn es an der Zeit ist, wenn der Zufall es findet. Ich will mich nicht ständig erinnern. Ich will nicht ständig trauern und bedauern müssen.

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