Eine rote Rose für Theresa
von Reinalde Wahnrau-Sander (copyright)
Wahnsinn!
Noch nie habe ich so etwas Schönes gesehen. Ich muss immer wieder hinsehen! Sie lässt meinen Blick nicht mehr los.
„Eine Rose,“ hatte er gesagt, als er sie mir gab. Eine rote Rose!
Sie ist das Wundervollste, das ich je erblickt habe. Rot! Ein leuchtendes, samtenes Rot!
Ich habe bisher noch nie etwas Farbiges gesehen. Denn hier bei uns auf dem Pla-neten Argent gibt es keine Farben, nur hell und dunkel, schwarz, weiß und grau. In unseren alten Märchen wird zwar von Farben und ihrer Leuchtkraft berichtet, aber gesehen hatte ich sie noch nie. Deshalb konnte ich mir auch nie vorstellen, was Farben sind. Wenigstens weiß ich jetzt, wie „rot“ aussieht und „grün“ natürlich auch. Denn die Rose hat grüne Blätter.
Er hat mir zwar von blauem Himmel und türkisfarbenem Wasser erzählt, von gold-gelben Weizenfeldern und violettem Lavendel. Aber so richtig begreifen kann ich es nicht.
Aber nun habe ich eine rote Rose. Wenn ich sie ansehe, wird mir ganz warm ums Herz. Auch das ist etwas Neues für mich. Er hat gesagt, das seien Gefühle. Gefühle gab es bei uns bisher auch nicht. Aber seit er hier ist, scheint vieles anders zu sein. Er kommt vom Planeten Erde. Er sieht nicht viel anders aus als wir. Die Gestalt der Erdlinge und die der Argenter ist sich sehr ähnlich, fast gleich. Nur wir sind farblos. Er hat eine alberne, rötliche Haut, dunkles Haar und dunkle Augen. Das fand ich zuerst, als ich ihn sah, ausgesprochen lächerlich. Inzwischen habe ich mich daran gewöhnt. Aber mein Aussehen muss ihm ja genauso seltsam vorgekommen sein.
Gestern hat er mir diese Rose geschenkt. Er hat sie mit dem letzten Versorgungs-transport von der Erde kommen lassen. (Wir beziehen fast alle unsere Versorgungsgüter vom Planeten Erde). Extra für mich hat er die Rose bestellt. Als er sie mir überreichte, hat er mit seinen Lippen meine Hand berührt. Er sagte, das sei ein Kuss. Diese Berührung kam so überraschend. Dieser Kuss war so neu. Kam daher die seltsame, heiße Welle, die durch meinen ganzen Körper lief? Wie es sich wohl anfühlt, wenn seine Lippen mich an anderen Stellen meines Körpers berühren? Schon dieser Gedanke erzeugt wieder die Hitze. Nicht unangenehm, aber verwirrend!
Was denke ich da? Ich muss mich auf meine Arbeit konzentrieren! Aber da steht die Rose, die rote Rose, und leuchtet mich an.
„Sie ist eine Pflanze, ein Lebewesen,“ hat er gesagt und in ein Glas mit Wasser ne-ben meinen Arbeitsplatz gestellt. Sie muss das Wasser trinken.
In unseren alten Sagen ist davon die Rede, dass es hier bei uns auf dem Planeten Argent auch einmal Pflanzen gegeben hat. Pflanzen wurzeln im Boden. Aber der störte uns nur beim Abbau unseres wahren Reichtums, des Argentums. Deshalb haben wir schon vor vielen Jahrhunderten den Boden abgetragen und in das Weltall entsorgt. Nun besteht unser Planet nur noch aus dem eigentlichen Planetenkern, aus reinem Silber. Der Planet ist zwar kleiner geworden, aber seine Bewohner reicher. Alles wird bei uns aus Silber hergestellt. Und wir exportieren in die gesamte Galaxis. Na ja, es gibt auch noch andere Werkstoffe, aber die müssen wir importieren, zum Beispiel das Glas. Eine Hohl-kugel aus Glas umgibt unseren gesamten Planeten. Es ist ein ganz besonderes Glas, das sich bei Sonneneinstrahlung abdunkelt, damit das Silber unseres Planeten sich nicht zu sehr aufheizt. Die Hohlkugel ist angefüllt mit einem Gemisch aus Oxygenium und Nitrogenium, das wir in der NIOX, einer speziellen Fabrik, herstellen. Das Oxygenium brauchen wir zum Atmen. Der Erdling hat gesagt, das Gemisch sei der Luft auf der Erde sehr ähnlich. Ich verstehe nicht, warum die Luft an der Erde bleibt, obwohl sie keine Hohlkugel haben.
Ich weiß das alles so genau, weil ich zum Wissenden Volk, der Oberschicht unseres Planeten gehöre. Meine Eltern sind Leitende Ingenieure der AAG, das ist die Argent-Abbau-Gesellschaft, und ich habe auch ein Studium absolviert. Nun mache ich zusammen mit dem Erdling ein Fortbildungsseminar bei der AAG.
Ich dachte, mein Leben sei ausgefüllt mit Studium und Arbeit, bis dieser Erdling kam. Was ich ganz lustig finde, er hat einen Namen. Er heißt David. Insgeheim lache ich immer darüber, wenn er so genannt wird. Wir haben eine Zahlen-Buchstaben-Kombination zur Identifizierung. Meine ist 1 B 277 359 877. Die 1 kennzeichnet das Wissende Volk, zu dem ich gehöre. Das B steht für weibliche Person, und die Zahl dahinter gibt an, die wievielte Person ich seit Beginn der Zählung bin.
Ach ja, weibliche Person. Ich bin nun in die Geschlechtsreife gekommen. Während meiner nächsten fruchtbaren Tage bin ich in die Fortpflanzungsstation bestellt, damit mir ein reifes Ei entnommen werden kann, das die Fortpflanzungsspezialisten dann im Reagenzglas befruchten werden. Da ich zum Wissenden Volk gehöre, darf ich den Samenspender auswählen. Auch habe ich das Privileg zu bestimmen, ob aus dem Embryo ein Individuum wird oder ob er zu Mehrlingen geteilt oder geklont wird. Aber mit dieser Entscheidung kann ich mir noch Zeit lassen, bis die Untersuchungen am Embryo das Intelligenzmaß, die zukünftige physische und psychische Kraft bestimmt haben. Die Frauen des Künstlerischen Volks und des Kaufmännischen Volks dürfen auch zur Fortpflanzung unserer Bevölkerung beitragen. Aber sie können weder den Samenspender auswählen, noch haben sie Einfluss auf die Weiterverwertung des Embryos. Die Frauen des Arbeitenden Volkes sind es nicht wert, dass sie sich fortpflanzen. Arbeiter werden in großen Mengen und nach Bedarf geklont.
Ich muss mich jetzt erst mal für einen Samenspender entscheiden. 1 A 277 359 854 käme in Frage. Er hat eine stattliche Figur. Das gäbe gesunde, kräftige Kinder. Aber die würden gewiss zu Dutzenden zu Arbeitern geklont werden. Soll ich mich für 1 A 277359 862 entscheiden? Er ist so übermäßig intelligent. Daraus würde bestimmt ein kluges Kind, das als Individuum erhalten bleiben könnte.
Die Rose! Da steht sie und duftet. Sie lenkt mich von meiner Arbeit und meinen Pflichten ab. Sie lässt ganz absonderliche Gedanken in meinem Hirn und unbegreifliche Gefühle in meinem Bauch entstehen.
Ach, am liebsten würde ich mit David auf die Erde fliegen, Rosen züchten und Kinder nach der alten, menschlichen Methode bekommen.
Ist das Liebe?
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