Rien ne pas plus (Nichts geht mehr)

von Michael Kuss (copyright)

“Es war ein schöner Abend”, rief Katharina aus dem Badezimmer. “Ist schon ‘ne Weile her, so’n schöner Abend!” Katharina war beschwipst. Sie kicherte und lallte ein bisschen und ich dachte, Mensch Junge, die Voraussetzungen sind nicht schlecht. Vielleicht wird es klappen. Neunzehnter April. Vielleicht wendet sich alles noch und geht in Ordnung! Wenigstens diesmal, an meinem Sechsundvierzigsten Geburtstag…

“Ja!” rief ich zu Katharina. Teils skeptisch und ängstlich, teils hoffnungsvoll. Ich lag bereits im Bett. Wir waren in der Stadt gewesen. Französisches Restaurant. Austern aus der Bretagne. Danach Piano-Bar. Tanz und intime Kuschelecken. Es war recht viel versprechend gelaufen. Wenn nur Katharina wenigstens für fünf Minuten ihre verdammte Prüderie ablegen könnte! Beim Slow hatte ich beide Hände um Katharinas Hintern gelegt, hatte die prallen Rundungen im Griff, ließ einen Finger spielend über die Nische kreisen, die sich zwischen den Pobacken am schwarzen Kleid abzeichnete und hatte dann ihren Unterleib fest und fordernd gegen meinen kleinen Freund gedrückt. Katharina hatte ihren Kopf in meine Halswölbung gelegt – ich konnte mich nicht mehr entsinnen, wann sie das zum letzten mal getan hatte. Jetzt würde sie irgendeine Frivolität sagen, etwas Außergewöhnliches, etwas, was mich anmacht, zum Beispiel “Gefällt dir mein Po?“ oder wenigstens “Ich habe Lust auf dich!”

Stattdessen flüsterte sie mir ins Ohr: “Aber Herrmann, doch nicht hier in aller Öffentlichkeit!” Katharina war, soweit ich mich die Jahre zurück erinnern kann, selten frivol gewesen. Schlüpfrigkeiten waren nicht ihr Fall. Wenn ihr trotzdem mal eine heraus rutschte, war Katharina entweder beschwipst oder besonders gut drauf und das war in letzter Zeit so selten wie Schnee im Juni. Mein kleiner Freund, der beim Körperkontakt immerhin auf Halbmast geklettert war, schrumpfte wieder auf Winzling. Mit einem Wort, einer Geste, hätte Katharina die Situation ändern können. Mit Champagner die Hormonpillen hinunter gespült. Letzter Versuch. Bereits kurz nach Mitternacht nach Hause.

Dann im Bett. Ich fummelte an mir herum. Wird er steif werden? Unruhig strich ich die Vorhaut zurück. Nur schwache Signale. Ich dachte an das andere Pärchen in unserer Schmuseecke und vor allem an die Single-Frau an der Bar. Ich hatte die Augen, den sinnlichen breiten Mund, die Beine und den Hintern der einsamen Mittvierzigerin an der Bar betrachtet und mir vorgestellt, wenn sie mit uns gehen würde, wenn Katharina einverstanden wäre, was einem Lotto-Sechser gleichkommen würde, wenn, dann würde es mit Sicherheit klappen. Vielleicht sollten wir den jahrelangen Eintopf mal gegen neue Rezepte eintauschen. Meine Phantasie schlug Purzelbäume. Katharina würde mich zum Psychiater schicken, wenn ich über meine Phantasien reden würde. Sie kam ins Bett gekrochen. Sie duftete nach Badeseifenfrische und hatte ein durchsichtiges Stöffchen auf der Haut, wie ich es seit Monaten nicht mehr bei ihr gesehen hatte.

Die Stunde der Wahrheit! Nur mich jetzt nicht selbst unter Druck setzen! Langsam angehen lassen! Ich legte den Arm um Katharinas Schultern. Etwa schwerfällig rutschte sie näher, aber sie kam kuschelnd und das gab mir Selbstbewusstsein. Ihre Wärme erregte mich. Für einen Augenblick dachte ich, das ist wie früher, als wir uns noch liebten und fast täglich begehrten. Sind die pingeligen Streitigkeiten der letzten Monate vergessen? Über Bord geworfen, und jetzt werden wir klar Schiff machen, uns streicheln, küssen, anheizen, und Katharina wird mir helfen, mein Problem zu überwinden. Es muss ja nicht immer die totale Erektion sein, der Superpimmel, das höchste Gütesiegel der Männlichkeit. Katharina könnte ihn schlicht und einfach wieder einmal in den Mund nehmen, den kleinen Lümmel liebkosen, als wäre es Sahneeis, auch wenn er nur halb steif ist. Wenn sie sich wieder nur auf den Rücken legt und auf meine Missionarsinitiative wartet, werden unsere Chancen unter Null sinken.

Als ich noch unsicher überlegte, wie ich weiter vorgehen sollte, drückte sie ihren Unterleib gegen mich. Ich war gefragt. Kein Zweifel! Eine Hitzewelle überkam mich. “Wir sollten wieder öfters ausgehen!” sagte ich und fuhr ihr mit der Hand fahrig über den Rücken. Ich wollte Zeit gewinnen. Nur noch ein paar Sekunden, und meine Nerven würden reagieren! Mit der linken Hand fummelte ich nervös an meinem passiven Gehänge herum, die rechte ließ ich über ihre kräftigen Oberschenkel in ihr Heiligtum gleiten, in der flehenden Hoffnung, mein Hirn würde die Signale empfangen. Über meinen Finger spürte ich die weiche, warme Flüssigkeit. Ein gutes Zeichen! Seit Monaten war Katharina nicht mehr nass geworden. Nach ihrer Operation und der Sterilisation vor zehn Jahren ließ sie sich nicht mehr von meiner Zunge nässen. Irgendwie hatte alles im Laufe der Jahre nachgelassen. Wir hatten der Entwicklung taten- und vor allem wortlos zugesehen. Ob mein Problem damit zusammen hängt? Soll ich mir über eine Kontaktanzeige eine perverse Nymphe suchen und mit ihr meine Phantasien austoben und mich aufgeilen und dann zu Katharina ins Bett und in ihre Muschi schlüpfen?

Bei diesem Gedanken erreichte mein kleiner Freund eine beachtliche Größe. Wenn er noch ein kleines bisschen zulegen würde, wenn ich dann die Erektion halten könnte, ich könnte ihn einführen in Katharinas weiche, warme Flüssigkeit, was ihr sicher wieder Spaß machen würde, und dann würde ich mich fallen lassen, endlich wieder einmal ganz tief fallen lassen, und dann ganz unten, ganz weit hinten, würde der Schrei kommen. Der Urschrei, auf den ich wartete, so, wie ich ihn von früher kannte, verdammt noch mal, das lag doch noch keine zwei Jahre zurück…

Ich beugte mich über Katharina und drückte ungeduldig mit meinem Knie ihre Beine auseinander. Sie wollte noch schmusen. “Streichele mir bitte den Rücken!” flüsterte sie. Ich sagte “Ich will dich jetzt gleich!” und sie antwortete “HmmHmm!” und machte die Beine breit.

Wenn ich jetzt warte, wenn ich jetzt den günstigen Augenblick nicht nutze, wo mein kleiner Freund einigermaßen steif ist, wenn ich ihn nicht einführe, damit er Katharinas Wärme spürt und steif bleibt, dann…, ich wurde wieder nervös, versuchte, diesen schlampigen Muskel in Katharina hinein zu bohren, als wolle ich mit Gewalt einen Regenwurm in ein Nadelöhr pfropfen. Katharina zuckte zusammen, sagte “Oh!” und dann “Jaa! Das tut gut!” und ich presste und presste, Katharina hielt dagegen, schob ihren Bauch vor, fummelte nach einem Kissen, schob es unter ihren Hintern, ich verlor mich in warmer Flüssigkeit, Katharina stöhnte, es klang ein bisschen an den Haaren herbei gezogen, aber sie meinte es sicher gut, nur jetzt nicht nachlassen, er wird steifer, hält die Position, ich fasse mit den Händen unter Katharinas Hintern, klammere mich wie ein Ertrinkender an ihre Pobacken, stoße wild und unkontrolliert auf Katharinas Unterleib, warum in drei Teufels Namen hatte ich plötzlich wieder diese Rückenschmerzen, dieses lähmende Schwächegefühl in den Hüften, ich darf nicht aufgeben, nicht in diesem Moment, noch einmal aufbäumen, noch ein paar Kraftreserven von irgendwo hinten, wieso spüre ich nicht Katharinas Gebärmutter, warum keinen Widerstand, ich schlingere mit meinem Weichling wie verloren durch einen warmen See, egal, ich bin schon froh wenn er einigermaßen steif und drinnen bleibt, hin und her, Mädchen, flehe ich innerlich, hilf mir doch ein bisschen, drück’ deine Muskel gegen mich, steck’ mir den Finger in den Hintern, oder sag’ wenigstens ein paar unflätige Sätze, lüge mich an, täusche einen Orgasmus vor, verkürze mir die Zeit, meine Kraft lässt nach, und jetzt, – das darf doch nicht wahr sein -, Schweißausbruch, dieser Scheißpimmel war herausgerutscht, ich griff danach, wollte ihn zurückschieben in die offene, bereite Katharina, ich hielt einen abgeschlafften, nassen Winzling in der Hand, er wurde immer kleiner, mein Ringfinger war ein Riese dagegen, ich ließ mich fallen, rollte zur Seite, plummps! wie ein Sack Kartoffel, lag neben Katharina auf dem Rücken, wortlos, wie immer, hatte wie ein Alibi meinen Finger in Katharinas Muschi gesteckt, fuhrwerkte fahrig darin herum, ein miserables Ersatzwerkzeug, lag daneben, wie ausgepumpt, peinlich, aber das Loch zum verkriechen war nicht da, und so lagen wir schweigend nebeneinander, bis ich zu den Zigaretten griff und Katharina eine anbot.

„Du hast eine Andere!” Katharina hatte an der Zigarette gezogen, den Rauch inhaliert und es hatte eine Weile gedauert, bis dieser Satz herauskam.
“Eine Andere?”
“Eine andere Frau! Was denn sonst?! Oder musst du Zeit gewinnen, um dir eine Antwort zurecht zu legen?” Ich empfand das als aggressiv, fast boshaft; jedenfalls schien es mir kein Ansatz für ein sachliches Gespräch zu sein.
“Nein!” Ich seufzte. Und dieser Seufzer sollte ausdrücken, du gehst mir auf die Nerven mit dieser ewig gleichen Frage, warum können wir nicht über andere, über wirklich wichtige Dinge reden?
“Ich habe keine Andere!” Das stimmte. Mein letzter bescheidener Seitensprung war dermaßen blamabel verlaufen, dass ich es danach nicht mehr versucht hatte. Aber ich dachte oft an andere Frauen, und daran, wie man sich lieben könnte, ohne diesen verdammten Zwang mit dem steifen Pimmel, und das machte die Sache nicht einfacher.

“Ich glaube dir nicht!” Katharina drückte die Kippe aus. “Du gehst mir auch sonst aus dem Weg! Wann bist du denn noch zu Hause?! Heute an deinem Geburtstag hast du dich wieder mal verpflichtet gefühlt! Aber selbst wenn du mich im Arm hältst, bist du nicht bei mir, sondern woanders…! Wo? frage ich mich. Bei welcher Tussi sind deine Gedanken? Du solltest wenigstens Mann genug sein, mir die Wahrheit zu sagen! Dann weiß ich, woran ich bin. Aber so kann das nicht mehr weitergehen! Ich bin Zweiundvierzig…!” Sie drehte mir den Rücken zu.

“Was willst du damit sagen?”
“Du weißt genau, was ich damit sagen will!” Katharina knipste an der Nachttischlampe. Ich wusste es nicht. Der Satz konnte Alles und Nichts bedeuten.
“Die Arbeit!” setzte ich zu einem Erklärungsversuch in der Dunkelheit an. “Der Stress! Die Überstunden! Wir sind nicht mehr die Jüngsten! Ich werde mal zum Arzt gehen!”
Katharina antwortete nicht. Sie verstand nichts, und mir fehlten die Worte und der Mut. Hilflos schwieg ich. Ich hatte das Gefühl, als würden wir ein paar Meter auseinander in getrennten Betten liegen. Tatenlos sah ich zu, wie sich diese unsichtbare Wand der Isolation zwischen uns schob.

Du kannst einen Kommentar schreiben, oder einen Trackbackauf Deiner Seite einrichten. Drucken Drucken


Noch keine Kommentare. Seien Sie doch der Erste?

Geben Sie Ihre Meinung ab ...