Pariser Maifestspiele
von Michael Kuss (copyright)
“Du machst Liebe wie ein richtiger Revolutionär!” keuchte Nadine. Die beiden wälzten sich in den Bettlaken und verständigten sich, wenn sie denn zum Reden kamen, in einer Mixtur aus kreativen Sprachbrocken. Acht Wochen kreuz und quer durch Frankreich hatten sein Französisch nur begrenzt verbessert.
Nadine sagte nicht jenes ominöse Wort, das einige als Gossensprache bezeichnen und im Brockhaus als „Hin und her bewegen“ beschrieben wird. Sie sagte also nicht dieses ominöse Wort, wie er es der Situation angepasst erwartet hatte. Sie sagte stattdessen “Du machst Liebe…, tu fais l’amour…”, wie ein verschämtes Überbleibsel ihrer bourgeoisen Herkunft. Denn ansonsten war ihr neurevolutionäres Vokabular schon deftiger: Bullenschweine, Kapitalistensäue oder Scheißpfaffen kamen ihr raus wie Wasser aus der Leitung; aber das ominöse Wort nannte sie noch „faire l’amour“.
Er schwieg. Durch unbedachte Wortklaubereien wollte er sich dieses phantastische Geschenk als eigentliches Produkt der Revolution nicht vermasseln. Obwohl hier ’wild drauf los ficken’ oder wenigstens „auf Teufel komm raus vögeln“ für seine Begriffe angebrachter war als ’Liebe machen’. Es war die Wildheit ausgehungerter Wölfe, denen man bisher erzählt hatte, ihre Nahrung würde aus Gras bestehen und plötzlich entdecken sie diese Lüge und fressen sich satt. Sie stießen und kratzten, sie leckten und bliesen sich die Seele und die letzte Kraft aus dem Leib. Seit Tagen und Nächten nahezu ununterbrochen. Gestern im Bett Sophies, vorgestern bei Rebecca und dann doch wieder zurück zu Nadine, weil Sophie heute mit Rebecca schlief. Sexualität war aus dem Dunstkreis der Anrüchigkeit gewichen. In Frankreich gab es keinen Oswald Kolle, sondern den Mai 68.
Die Weltrevolution im Quartier Latin, in Nanterre und an der Sorbonne war längst von der Kommunistischen Partei Frankreichs und von De Gaulle erstickt worden. Frust und Wut bei den Genossinnen und Genossen um Daniel “le rouge” saßen tief. Jetzt machte die zierliche französische Studentin mit dem deutschen Proleten erst einmal die Bettrevolution. Sie waren nur kurz am Kühlschrank schlemmen. Käse, Schinken und Mayonnaise aufs Toastbrot, die Marmelade gleich mit den Fingern aus dem Glas gepopelt, vom Nachttisch neue Präservative geangelt, darauf bestand Nadine, sie hatten die halbe Apotheke leer gekauft, beide standen mit rotem Kopf vor der Apothekerin und stammelten ihre Bestellung, dann ging der Clinch in die nächste Runde. Der Schweiß rann ihnen vom Körper, bahnte sich einen Rinnsal zwischen Nadines Brüsten, nässte seine Brusthaare wie einen Schwamm, verkroch sich feucht in den zerwühlten Bettlaken.
“Du-hast-die-rich-ti-ge-Ein-stel-lung-zum-S-Sex!” hechelte Nadine. “Das-ist-näm-lich-eine-Frage-des-po-li-tischen-Be-wusst-seins!” Dann stöhnte sie noch etwas von Freud und Trotzki, und da er beide nicht kannte, war sein Schweigen angemessen.
Er wusste nicht, was seine Geilheit mit seinem politischen Bewusstsein zu tun hatte, kannte nicht einmal den Begriff, sah auch keinen Zusammenhang zwischen Nadines Philosophien und seinem Nimmersatt, aber Nadines Knackarsch an seiner Zunge und ihr voller Mund warm und feucht und ziehend über ihm waren um einiges angenehmer, als vor einer Woche der Barrikadenkampf gegen die Flics im Quartier Latin.
Die Polizeipanzer standen bereits vom Jardin du Luxembourg abwärts, vor der Sorbonne und am Boulevard St. Germain, Ecke Boulevard St. Michel. Die Strahlen der Wasserwerfer zischten unbarmherzig in die Rue Huchette, jene kleine, mit Basaltsteinen gepflasterte Gasse im Studentenviertel, in der er Abwechslung und seichte Abenteuer gesucht hatte und auf die Revolutionäre gestoßen war. Meist junges Volk unter den Demonstranten, eine Menge Frauen dabei. Na schau mal einer an…! Aber das hier hatte mit seinen pazifistischen Ostermärchen, alljährlich zuhause zwischen Regensburg und Passau brav über die Dörfer zelebriert, nichts mehr zu tun. Hier in Paris hatten die Leute Pflastersteine mit Händen, Spitzhacken oder Messer herausgerissen, geschabt, zu Barrikaden aufgetürmt. Sperrmüll wurde heran geschleppt. Sessel und Bettgestelle flogen aus den Fenstern. Der seit Jahren aufgestaute Müll wurde sichtbar. Autos lagen brennend auf dem Rücken. Flammende Käfer und gegrillte Enten im Mai.
Schreie, Rauch, Steine, Polizeilautsprecher, Wasserwerfer, Tränengas! Drüben, auf der anderen Seite vom Pont St. Michael, zwischen den beiden Armen der Seine, war der Justizpalast von einer Polizeikette umgeben. Eine Menschenmenge stürmte dagegen an. Ja haben die Leute denn keine Angst? Keinen Respekt? Was wird hier eigentlich gespielt? Revolution? Bürgerkrieg? Das geht doch nicht einfach so! Da muss man doch vorher bei den Behörden um Genehmigung anfragen! Bei Demos gibt es doch klare Grenzen, die eingehalten werden müssen! In der Zeitung hatte er einen Bericht über Deutschland gelesen. Ein Rudi Dutschke war in Berlin niedergeschossen worden. In Berlin und Hamburg war Aufstand. Berliner Studenten agierten jetzt an Pariser Universitäten. Dutschke hatte in einem Interview Lenin zitiert: “Bevor die Deutschen einen Bahnsteig stürmen um Revolution zu machen, lösen sie erst brav eine Bahnsteigkarte!” Und hier, in Paris, das ist ja das reinste Chaos! Seine Mutter hatte schon immer gesagt, die Franzosen, das ist Schmutz und Unordnung. Wenn seine Mutter wüsste, dass er jetzt mitten drin steckt …, er, der brave Junge aus einem stockkatholischen Dorf an der Donau, umworben von Pariser Studentinnen, ach du liebe Jungfrau Maria, so unkompliziert konnte das Leben sein; Revolution spielen, die Welt verbessern, und dabei noch Frauen abbekommen, von denen man in Niederbayern nur träumt…, ein völlig neues Lebensgefühl
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