Doppelnatur

von Juerg Kilchherr (copyright)

Seht euch um! Hier wird ein grosses Fest vorbereitet, gleich wird es beginnen. Viele Dinge werden gleichzeitig gefeiert: Begierde, Leidenschaft, Glück. Es ist kein Fest, bei dem es darum geht jemanden zu überzeugen, deshalb ist es fröhlich. Alles weist darauf hin, dass es Menschen sind, die den guten Kampf der Liebe kämpfen. Darum lasst uns beginnen.

Erogene Zonen sind geheime Stellungen. Der Schlüssel zum Geheimen liegt auf Antonias und Gustavs Haut. Geküsst und gestreichelt reagiert sie auf Juans Hand sehr empfindlich. Im Verschlingen ihrer Nippel und seiner Brustwarzen finden Juans Lippen Halt auf vier fleischigen Rotpunkten. Die links von ihm sind aufgerichtet, die gehören ihr. Die rechts sind seine, flach, aber hell erleuchtet von Juans Speichel. Er poliert das Rot mit der rauen Unterseite seiner Zunge, schleifet die Nässe über die gespannte Haut des Toros, befeuchtet dabei die wenigen Haare, ein Vorgeschmack auf seine Leistengegend. Alles ab dem Nabel bietet sich ihm ungestraft an. Doch seine Hand lässt ihn vorerst hängen, denn ihr Räkeln verlangt nach ihrer beider Aufmerksamkeit. Als ein Zeichen grosser Zärtlichkeit beginnt Juan Antonias Kopf zu massieren, fährt langsam mit seinen Fingerspitzen über ihre Ohren, Wangen, Augenlinder, streicheln die Lippen und kehrt zu den Ohren zurück. Die Zunge liebkost das Läppchen, dringt mit der Spitze zu den Knorpeln vor. Dieses Geräusch erinnert sie an Bäche, die über Wurzeln springen. Sie kichert. Nicht nur deswegen.
Denn Gustav streichelt unterdessen ihre Kniekehlen, packt dann schnell ein Badetuch, streichelt weiter mit nur einer Hand an der Innenseite ihrer Arme entlang, wirft beide Körperteile nach oben. Bindet sanft mit dem Tuch ihr Handgelenk am Bettpfosten fest. Juan schaut ihn kurz an, nickt. Ihre Lust ist in ihrer Macht. Doch sie hat Vertrauen. Sie sind ein eingespieltes Paar. Allein der Gedanke an eine solche sanfte Fesselung erregt sie sehr stark. Juan berührt ihre Achselhöhlen, schlüpft mit einer Hand unter ihren Körper, wirft sie zur Seite. Ihre gebundenen Hände kreuzen sich, es schmerzt sie leicht. Doch Juans sinnliche Fahrt von Pobacke über Wirbelsäule zum Hals ist Trost, ist Höhenflug. Aber ein Kuss von ihm liegt nicht drin. Den verschenkt Juan an seinen Partner, bevor sich dieser aufmacht mit seinem vor Kraft strotzenden Stachel, die Frau zu töten. Er kriecht in ihre Höhle, aus der beide in ihrem Leben ihre Sehnsüchte und Hoffnungen formen, um die unerträglichen Leere ihres Wesens zu entgegen. Die Vorstellung, dass sein Geschlecht ihren Schlund ausfüllen, sie retten könnte, lässt ihn von neuen beginnen und sie abwarten, bis er es ihr gibt.
Nein, das darf jetzt nicht sein, das geht nicht, denkt Juan. Ein gezielter Griff unterbricht die offenkundige Begierde, die Rhythmik einer Maschine. Das böse Funkeln in Gustavs Augen, das ein Mann erst zum Mann macht, kehrt in eine Art männliche Fraulichkeit um und bietet Juan den Körper selbstlos zum Verzehr an. Ihrer beider Natur fordert ihr Recht und mit der Begierde nach einem anderen Körper bevölkern beide den Raum und rinnen dem Leben wieder einen Sinn ab. Ihre Gedanken werden unfrei. Wiederholt benetzt Juan das wachsende und schwelende mit Speichel. Gustavs matte Augen nehmen nach und nach einen merkwürdigen Glanz an, dann gerät er in Zuckungen, seine Lippen beben und endlich spritzt ein weisser Strahl weissen Schaums aus seinem Teil, der anfangs weitab auf Antonias Brust fällt, dann träge aus einer kleinen Oeffnung nachquilt und dem Schaft nachläuft, welcher aufgehört hat sich zu bewegen und matt daneben gesunken ist.

Juan ist aufgewacht. Im Spiegel an der Decke sieht er Antonia und Gustav eng umschlungen schlafen. Juan ist glücklich. Glücklich, dass es beide in seinem Leben gibt. Doch er weiss noch keinen Weg, um diese Liebe und seine Doppelnatur publik zu machen. Vorerst beugt er sich dem Sittendruck seiner ländlichen Wohngegend, lässt nichts davon nach draussen dringen. Verwandelt aber Abend für Abend sein Haus mit seiner Vorstellung von Liebe.

Kein Gesetz, keine soziale Institution, nur Gefühl verbindet ihn mit Gustav. Es ist gewachsener Mut, seit der ersten Begegnung mit dem Kerl, sich seiner Lust an der Gleichartigkeit nicht zu verschliessen, sie auszuleben. In den eigenen vier Wänden sich dem Gespür für die Besonderheiten und Unterschiede hinzugeben, Variationen erkunden, Krankhaftes und Gesundes trennen, Werden ist nah. Der Gedanke tut gut.

Bei Antonia ist alles anderes.

Sie kennt Juan seit ihrer Kindheit. Er war ihr Nachbar, ihr Spielkamerad, er ist ihr Verlobter. Er ist andalusischer Stierkämpfer.

Lange war da nichts, gab es keine Anzeichen von seiner Doppelnatur.

Eines Abends, es war letzten Herbst gewesen, schon gegen Mitternacht, kehrte Antonia von einer Reportage aus Afghanistan zurück, stand im Flur ein Tramperrucksack mit einer Muschel.

Der sei von einem Typen. Der habe ihn auf der Alhambra angesprochen, erzählte ihr Juan bei Kerzenschein und Gaspacho auf dem Balkon. Der Typ sei auf ihn zugekommen, habe ihm zu seinem letzten Kampf in Pampola gratuliert. Sein Spanisch sei fehlerhaft gewesen. Er heisse Gustav und komme aus der Schweiz, habe er gesagt. Nach seiner Pilgerreise nach Santiago de Compostela, wolle er nun den Süden des Landes kennen lernen. Er sei Fotograf. Er wohne in einem Hotel der Stadt, was sich später als gelogen herausstellte.

Per Zufall sei man sich im Laufe der Woche in den Strassen über den Weg gelaufen. Da sei’s ihm dreckig gegangen. Er sei auf der Bank im Schatten des Parks eingenickt, da hätten Zigeuner ihm sein Bargeld gestohlen und den Schlüssel zum Fach im Bahnhof, klagte er mir und sah mich verzweifelt an.

Du hast ihn einfach mitgenommen? Ja, aber zuerst brachen wir im Bahnhof noch das Fach mit einem Schraubenzieher auf, holten seinen Rucksack mit der Muschel und der Kamera.

Er ist nett, du wirst sehen. Er schläft jetzt im Gästezimmer. Und übrigens, er sieht wie dieser amerikanische Schauspieler, dein Favorit aus, du weist schon.
Echt? Antonia hob ihre Augenbrauen.

Das war vor zehn Monaten. Gustavs Tramperrucksack steht noch immer in der Ecke.

Zuerst dachte Antonia, Juan habe nur einen neuen Kollegen gefunden, den Gustav war wirklich charmant, kameradschaftlich und ein leidenschaftlicher Gesprächspartner mit einer sensitiven Ader. Schon im ersten Gespräch musste sie erstaunt lachen, als er ihr sagte, wie überrascht er sei, dass sie sich mit Politik auseinandersetzte, wo sich doch sonst andalusische Frauen Herzensangelegenheiten zuwandten und die Dummheiten der Politik den Männern überliessen. Sie sei eben eine Frau, die die Lügen der politischen Männer mit Worten strafe, konterte sie. Dann sei sie aber eine Rebellin gewesen, an diesem Ort diesen Weg einzuschlagen, erwiderte Gustav. Sie nickte. Sie hätte das, was die da draussen mit ihr gemacht hätten, nicht ertragen, darum sei sie gegangen und kehre nur wegen Juan zeitweise zurück, antwortete sie.

Sie mochte ihn sofort. Sie war froh über seine Anwesenheit, denn sie war oft weg und Juan wurde schnell schwermütig. Doch es kam anderes. In ihrer Abwesenheit vereinten sich die Männer. Gustav verliebte sich in Juan oder war es Juan gewesen, der ein wenig seine Männlichkeit verlor? Sie haben ihr die Frage nie beantwortet, den ihre Liebe macht ihr Leben zum Fest. Und sie?

Sie hatte die Wahl zwischen seiner Doppelnatur und ihrer Vorstellung von einer Beziehung. Sie wählte das Experiment Aufgang oder Niedergang. Es ist noch kein persönliches Drama geworden, der Spottnoch fern. Die Öffentlichkeit sieht sie noch immer Hand in Hand mit Juan an Anlässen. Was würde sie sein in diesem bürgerlichen Ort? Sie könnte immer nur Frau sein, trotz Studium und Karriere in der fernen Grossstadt, nur seine Frau sein, nicht jemanden sein.

Juan ist einfach ein Trumpf, den es zu verteidigen gab, sagte sie sich, bot der aufstrebende Matador ihr doch Zugang zur Gesellschaft der Machos und war gut für die Karriere.

So blieb sie bei ihrem Verlobten. Sie war eine Gefangene ihrer Hormone. Schnell merkte sie, dass sie im Spiel seiner Doppelnatur nur gewinnen konnte, wenn sie sich ein Stück davon abschnitt. Denn schliesslich war sie es die Männer unsichtbar verband. So versuchte sie weiterhin im Zentrum der Begierde Juans zu stehen und es schmeichelte ihr, dass auch Gustav sie begehrte wie am ersten Frühlingstag.

Sie lag mit Juan auf dem Balkonbett und sahen zu, wie der Sternehimmel dichter und strahlender wurde. Sie fühlte Juan Körper gegen ihre Schenkel und ihre Bauchdecke stossen, dann kam Gustav aus dem Dunkel und küsste sie. Sie spürte seinen Atmen an ihrem Hals und roch den Wind und fühlte, während Juan aufstand, wie Gustavs Glied ruhig, in einer Bewegung mit den Stössen in ihre Vulva drang und gegen den Gebärmuttermund stiess. Beiläufig dachte sie: Wir sind wie Tiere, doch mit der Gleichförmigkeit seiner Stösse verlor der Gedanke an etwas Verbotenes oder nur Unanständiges seine Kraft. Es wuchs ihre Lust und ihre Einsamkeit. Sie nahm sein Zögern wahr, als er den Orgasmus kommen fühlte, legte ihre Hände an seine Arschbacken und stiess ihn sanft weiter in sich, sie macht sich keine Gedanken, sie genoss seine Lust und als sie endlich den aus seiner Tiefe empor strömenden Luftstoss hinter ihren Ohren spürte, öffnete sie die Augen. Da war Juan Schwanz in Gustavs Mund.

Die grosse Liebe durchwühlte nun die Organe und Tiefen von dreien.

Doch welche Liebe meinen sie: Begierde, Leidenschaft oder Glück?

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