Die Wiedergeburt von Franz Schubert
von Karla Martina Cichy (copyright)
Es war einer der ersten warmen Frühlingstage im Mai. Martin konnte es kaum erwarten, endlich seinen letzten Klavierschüler zu verabschieden, der für heute auf dem Stundenplan stand. Der kleine Nachbarsjunge war zugegeben nicht gerade sein begabtester Schüler, und Martin hatte sich mehr aus Gefälligkeit angeboten, ihm Unterricht zu geben.
Doch nun war der ersehnte Feierabend gekommen, das Wochenende stand bevor. Martin setzte sich mit einer Tasse Milchkaffee auf die Terrasse, welche von diversen Blumenkübeln beinah überquoll, die die zahlreichen Versuche seiner hobbygärtnerischen Frau dokumentierten. Er seufzte erleichtert und genoß die immer noch wärmenden Strahlen der Sonne.
Martin war in Gedanken versunken, was er am Wochenende mit seiner Familie alles unternehmen könnte, als ihn das schrille Klingeln seines altmodischen Telefons aus seinen Planungen riß. Am anderen Ende erklang eine vertraute weibliche Stimme, die Martin sehr lange nicht mehr vernommen hatte…. Eine gewisse Beklommenheit machte sich sofort in ihm breit, und die junge Dame hatte gewiß seine Verlegenheit gespürt: „Emilia, Du? Äh nein, ich meine natürlich Sie, Fräulein Hasselmeier…, Entschuldigung…“ Gottseidank konnte sie nicht sehen, wie Martin langsam einen roten Kopf bekam. Nein, er würde sich niemals ein Bildtelefon zulegen.
„Aber nicht doch Herr Scholz, für Sie immer noch Emilia! Ich bin vor einer Woche aus Südamerika zurückgekommen und wollte mich sogleich bei Ihnen melden. Vielleicht kann ich ja meinen Unterricht fortsetzen?“
„Na selbstverständlich, Emilia!“ ‚Bloß nicht zuviel Freude zeigen’, ermahnte sich Martin. „Wenn ich Dir überhaupt noch etwas beibringen kann… Komm doch einfach am Montag vorbei, wenn Du Zeit hast, gegen 17 Uhr, dann erzählst Du mir von Deinen Erlebnissen in Südamerika, und sicher finden wir einen neuen Termin…“ Emilia stimmte sofort zu, und Martin war ganz außer sich vor Aufregung. Als sie das Gespräch beendet hatten, genehmigte er sich nun endlich den inzwischen kalt gewordenen Milchkaffee und ließ seinen Erinnerungen freien Lauf….
Martin versuchte, sich Emilia Hasselmeier vorzustellen, wie sie vor ziemlich exakt drei Jahren ausgesehen hatte: Ein fünfzehnjähriger frühreifer Teenager, der eher wie zwanzig wirkte…. Sie war sehr schön, rassig und dunkel wie ihre Mutter, welche aus Peru stammte. Wie der Nachname andeutet, hatte ihre Mutter einen Deutschen geheiratet, doch Emilia schlug eindeutig nach ihrer Mutter mit ihren langen schwarzen Haaren und fast ebenso dunklen großen geheimnisvollen Augen. Martin mußte sich eingestehen, dass er immer schon eine Vorliebe für den dunklen Typus Frau hatte, vielleicht lag es daran, dass er – zum Kontrast – als unbekannter Doppelgänger von Brad Pitt durchgehen könnte. ‚Ja, das würde auch vom Alter her passen’, bemerkte Martin traurig, der inzwischen vierzig und damit mehr als doppelt so alt war wie Emilia. Emilia – hatte er sie jemals lächeln oder gar lachen sehn? Bestenfalls etwas, was an das Geheimnisvolle der Mona Lisa heranreichte. Ihr Gesicht hatte einen Ausdruck, als ob sie mit fünfzehn bereits alles Leid der Welt erfahren hätte, und sie erschien ihm wie eine vor Sehnsucht und Verzweiflung überschäumende Träumerin. Sie trug stets Blusen und lange Röcke ganz in schwarz, außerdem so eigenartigen Silberschmuck mit Ornamenten, in die die Gestalten von Schlangen, Spinnen, Totenköpfen und ähnlichem eingearbeitet waren, und die Martin gleichzeitig befremdeten, besorgten als auch faszinierten. Er war allerdings zu befangen, um Emilia daraufhin anzusprechen.
Emilia erwies sich als eine begnadete Klavierschülerin, das Talent wurde ihr offensichtlich in die Wiege gelegt. Aufgrund Ihres Wesens war es nur eine Frage der Zeit, dass Emilia, wie Martin es vorausgesehen hatte, die Romantiker für sich entdeckte. Niemand aus Martins Schüler- oder Künstler-Bekanntenkreis konnte soviel Audruck in diese Stücke legen. Emilia verschmolz förmlich mit den Tasten und ließ all ihren Schmerz und all ihre Sehnsucht in sie hinüberfließen. Bei einem der letzten Schülervorspiele trug sie die Regentropfen-Prelude von Chopin vor. Martin konnte jeden einzelnen bitteren Tropfen auf seiner Haut spüren. Er war gebannt, er war besessen – und es fiel ihm schwer, einen halbwegs vernüftigen Kommentar abzugeben, als Emilia ihren Vortrag beendet hatte. ‚Ja, ich glaube, damals hat es angefangen’, resümierte Martin. Ein zaghaftes Gefühl, was in den nächsten Wochen immer stärker wurde, so stark, dass Martin eine diffuse Angst und erste Gewissensbisse gegenüber seiner Frau überkamen, denn er spürte, dass er in seinem Innern bereits „fremdging“, auch wenn es keine körperliche Annäherung zu Emilia gegeben hatte. Eine zusätzliche Befangenheit legte sich über Martin, als ihm bewußt wurde, dass seine Tochter nur zwei Jahre jünger ist als Emilia.
Doch bevor Martin die Gelegenheit bekam, auszuloten, ob er seinem Gefühl der Verliebtheit nachgehen sollte oder lieber dagegen ankämpfen, überraschte ihn Emilia mit dieser Neuigkeit: „Es tut mir leid, Herr Scholz, aber ich bin gezwungen, meinen Unterricht zum Monatsende abzubrechen. Mein Vater hat einen Diplomaten-Posten in Argentinien bekommen, und Sie wissen ja, die Familie muß ihm folgen….“ Martin erinnerte sich, daß er sich sehr beherrschen mußte, nicht in Tränen auszubrechen. Sah er auch in ihrem Gesicht einen Ausdruck echten Bedauerns? Nun, er hatte es sich jedenfalls eingebildet. Sie würde also ungefähr drei Jahre fortsein, vielleicht auch länger. Am Anfang fiel es Martin wirklich schwer, nicht an Emilia zu denken. Sie verfolgte ihn häufig nachts in seinen erotischen Fantasien. Erst nach ein paar Monaten war es ihm gelungen, dank eines gewissen Verdrängungsmechanismus seine innere Ruhe halbwegs wiederzufinden.
Emilias unvermittelte Rückkehr hatte in Martin das brennende Verlangen wieder zum Leben erweckt. Er konnte sich an kein anderes Wochenende erinnern, an dem er sich den Montag so sehr herbeigesehnt hatte. Martins Bemühungen, dennoch einen unbeschwerten Sonntag mit seiner Frau und seinen Kindern zu verbringen, schlugen fehl. Sabine fragte nicht nur einmal, ob irgend etwas nicht stimme…. Martin wußte, dass es fast unmöglich ist, seiner Angetrauten etwas vorenthalten zu wollen, aber er fand nicht den Mut, um ihr den wahren Grund zu offenbaren.
Am Montag erschien Emilia um genau 17 Uhr. Die Pünktlichkeit hatte sie gewiß von ihrem Vater geeerbt und trotz oder gerade wegen der drei Jahre im Süden offensichtlich nicht verlernt. „Emilia, ich… freue mich ja so, dass… Du zurück bist, ich weiß gar nicht, was ich sagen soll…“ Was für ein Gestammel, Martin fühlte sich erneut so befangen, dass er keinen klaren Gedanken fassen konnte. Seine Ohren wurden heiß, die Röte stieg in sein Gesicht. Gottseidank stand er etwas im Schatten des Tageslichts. Emilia hob die Mundwinkel zu einem leichten süßlichen Grinsen, oja, sie hatte ihn enttarnt, aber es schien ihr nicht unangenehm zu sein. Sie streckte ihm ihre schmale Hand hin, und Martin betrachtete ihren langen wohlgeformten Körper… „Herr Scholz- oder soll ich Martin sagen? – Sie haben mir auch gefehlt, äh ich meine, die sehr erbaulichen Klavierstunden bei Ihnen, deshalb bin ich ja auch gleich gekommen….“ ‚Nun, sie ist etwas koketter geworden’, dachte Martin, ‚völlig natürlich für ein inzwischen 18jähriges Mädchen.’ Äußerlich hatte sich Emilia kaum verändert, nur dieser seltsame Schmuck war jetzt verschwunden, und damit der allzu morbide Anstrich, der ihn damals so befremdete. Martin war gerührt. „Klar, nenn mich Martin, das ist viel ungezwungener, und jetzt bin ich neugierig, wie ist es Dir ergangen? Einen Moment noch, ich hole uns was zu trinken. Setz Dich doch.“ Er zeigte auf die Couch und eilte dann aus dem Zimmer.
Als Martin mit Wasser und 2 Bechern Milchkaffee zurückkam, saß Emilia bereits an seinem Flügel und war im Begriff, einen Notenband aufzuschlagen, der den Titel „Schubert Impromptus“ trug. „Emilia? Was…“
„Du wolltest doch wissen, wie es in Argentinien war – ich werde es Dir erzählen. Lausche dem Stück und sage mir, was Du siehst!“ ‚Sie ist so selbstverständlich ins „Du“ gewechselt, als wären wir beide uns schon seit langem vertraut’, dachte Martin. Emilia begann mit dem Impromptu Nr. 3 B-Dur aus D 935. Die ersten Takte erklangen, und sofort spürte Martin, dass Emilia streng genommen keinen Unterricht mehr bei ihm benötigte. ‚Sie hat bestimmt viel gespielt in den letzten 3 Jahren…’ Emilia, die das Stück beinah auswendig beherrschte, blickte ihn auffordernd an.
Martin schloß die Augen und fing an, seine Assoziationen in Worte zu fassen, die Satzfragmenten glichen. Er setzte sich dicht neben Emilia und sprach ganz leise, um ihren glänzenden Vortrag besser auf sich wirken lassen zu können: „Eure Familie, wie sie in Buenos Aires empfangen wird, in einem großen stolzen Haus in einer geschäftigen, lauten Metropole, die erhabene erwartungsvolle Stimmung….“ Emilia erwiderte nur ein leises, zustimmendes „Hm“ und konzentrierte sich weiter auf ihren kleinen Auftritt. Nun wechselte das Stück in mehr Lebhaftigkeit… „Du sitzt etwas wehmütig am Strand und beobachtest das Meer, die Wellen, den Horizont….“ Plötzlich erhellte sich Emilias tänzelndes Spiel und mit ihm Martins Gesicht: „Du reitest auf den Wellen, springst ins kühle Nass, planschst mit den Fischen und Quallen um die Wette….“ Martin öffnete die Augen ein wenig und fing einen funkelnden und anerkennenden Blick auf.
Etwa eine Minute später war die Stimmung in eine Richtung umgeschlagen, die Martin irritierte. Er kannte diesen Ausdruck in der Musik, aber dieser hatte seiner Meinung nach nichts Südamerikanisches…. „Emmi, das erinnert mich etwas an Rußland, einen Abend in Moskau, diese ewige russische Schwermut!“ Emilia hielt kurz in ihrem Spiel inne und starrte ihn recht fassungslos an – dieser Martin hat zweifellos einen sechsten Sinn, den sie bei ihm gar nicht erwartet hatte. „Stimmt, ich habe Kolja kennengelernt, Nikolai – den Sohn eines russischen Diplomaten…..aber es gab leider kein Happy End….“, sagte sie gleichzeitig verlegen und mit diesem traurigen Blick, den Martin nur allzuoft an ihr beobachtet hatte. Sie wandte sich wieder den Tasten zu und Martin konnte den schmerzlichen Abschied von Kolja nachempfinden. Er wurde das Gefühl nicht los, dass Emilia dieses Impromptu sehr sorgfältig ausgewählt hatte…. Die bedrückende Stimmung verschwand, und es erschien eine neue Kulisse vor Martins geistigem Auge: „…ein paar lustige kleine Pinguine watscheln über den Strand, die kleine Landzunge an der Atlantikküste Patagoniens, ich habs im Fernsehn gesehen!“ – und als Emilia immer ruhiger und langsamer werdende Klänge dahinzauberte – „jetzt ziehen sie zu ihren Erdlöchern und betten sich zur Ruhe.“ Emilia war gerührt über soviel wunderschöne, beinah kindliche Fantasie und bedauerte, dass Martin nicht mit ihr in Patagonien war. Fast sechs Minuten waren gespielt, als Emilia ihm ein lebhaftes buntes Treiben vermittelte: „Du ziehst mit Freundinnen durch die Stadt, bummeln, shoppen, Straßencafes….“ Die letzten Takte des Impromptus führten Martin wieder zum Anfang der Reise zurück, und doch war es anders: „ Ein Rufen – die Vergangenheit holt Dich ein, Erinnerung, etwa Heimweh?“
Emilia hatte ihren Vortrag beendet. Martin saß dicht neben ihr – er konnte sie nur anschauen, sekundenlang, minutenlang – staunend, fragend, entzückt, verliebt….. „Emmi, Du bist einfach überwältigend, das warst Du früher schon, aber jetzt…“, die Stimme versagte ihm fast, und seine Augen hatten einen flehenden verzehrenden Ausdruck. „Du auch“, erwiderte Emilia ganz leise und versuchte gegen einen Kloß im Hals anzukämpfen, „Deine Assoziationen und Interpretationen, ich kann das nicht glauben, woher wußtest Du…“ „Intuition, vielleicht.“
Die Luft um sie herum war elektrisiert, und Emilia spürte, dass es ihr in der Magengegend ganz flau wurde, ein Gefühl, was sie ansatzweise nur bei Kolja erlebt hatte. Auf einmal griff sie zu ihrem Notenband und blätterte ein paar Seiten zurück. „Jetzt zeige ich Dir, wie ich mich oft gefühlt habe, wenn ich abends einsam in meinem Bett lag und an die Zeit vor meiner Abreise dachte und an mir nahestehende Personen….“ Sie schaute Martin so bedeutungsvoll an, und er war sich ziemlich sicher, dass er gemeint war.
Emilia begann zu spielen. ‚Oh sie hat das Ges-Dur Impromptu aus D899 gewählt, eines meiner Lieblinge. Mit ihrer Ausdrucksstärke stellt sie manchen Profi in den Schatten. Sie ist einfach ein Wunder.’ – Martin betrachtete sie kopfschüttelnd und begann dahinzuschmelzen. Plötzlich schob er seinen Stuhl beiseite, denn eine gewaltige innere Kraft trieb ihn dazu, hinter der engelsgleichen Gestalt seiner Angebeteten niederzuknien und seinen Kopf ganz sanft an Emilias Rücken zu schmiegen. Martin kroch höher, vergrub sich in ihren weichen schwarzen Locken und sog den herrlich frischen Sommerblumen -Duft ihrer Haare ein. Er schob die Lockenpracht ein wenig beiseite, um ihren Nacken mit zaghaften Küssen bedecken zu können. Emilia ließ Martin plötzlich durch ein gewaltiges Crescendo aufhorchen, welches ihre ganze leidenschaftliche Sehnsucht und Erregung verströmte. Eine solche Dynamik hatte er nie zuvor vernommen, dieses Brennen und Beben. „Oh Emilia…“. Martins Atem ging schwerer, er war wie benommen. Wie von selbst griffen seine Hände nach ihrer schwarzen kurzen Rüschenbluse, schoben sie nach oben und suchten sich ihren Weg zu Emilias eher kleinen, wohlgeformten Busen. Sanft drückte er ihre Brüste und ertastete mit den Fingerkuppen die Brustwarzen, welche sich sogleich aufrichteten. Emilias Erregung wuchs, sie atmete schwer und ihr Brustkorb vibrierte. Sie dankte Gott, dass sie das Impromptu aus dem Schlaf beherrschte, denn sonst wäre ihr eine Fortsetzung jetzt unmöglich geworden.
Martins Hände kreisten inzwischen über ihren gesamten Oberkörper, begleitet von heftigen Küssen, die sich über ihren Rücken verteilten. Plötzlich bäumte sich Emilia auf, und Martin gewann gleichzeitig den Eindruck, ihm würde es jeden Moment den Flügel zerreißen. Wie konnte Emilia diesen schwarzen Holzkasten so mit ihrem eigenen Leben erfüllen! Nach ein paar Takten vermittelte Emilias ruhiger werdendes Spiel den Eindruck einer kleinen Verschnaufpause, und Martin haderte mit sich, ob er kurz innehalten sollte, um sich mehr auf den „musikalischen Kunstgenuß“ – wie er es nannte – zu konzentrieren. Martins Leidenschaft hatte die Stimme seines Verstandes beinah zum Schweigen gebracht, doch nun meldete sie sich wieder, nervös blickte er auf den Ring an seiner rechten Hand. Sabines Gesicht tauchte vor ihm auf, umrahmt von einem weißen Schleier, und hatte einen glücklichen, zuversichtlich strahlenden Ausdruck. Er hatte ihr die Treue versprochen, „bis dass der Tod uns scheidet“…
Aber Emilia riß ihn sofort aus seinem Taumel der Ohmacht und Zerrissenheit, das kurze Zwischenspiel schien nur die „Ruhe vor dem Sturm“ gewesen zu sein. Sie konnte sich nicht mehr länger zurückhalten – der Höhepunkt des Impromptus war fast erreicht und die Wogen der Leidenschaft – gewaltige Spannungsbögen zwischen piano und fortissimo – schwappten endgültig über. Die wilde Erregung strömte aus Emilias Körper heraus zu ihren magischen Händen, um mit der gleichen Intensität in den Flügel hineinzufließen… Sie bewegte die Tasten und das Pedal wie in Trance, die Augen fast geschlossen, der Mund halb geöffnet. Emilias Glut schürte Martins Feuer so heftig, dass er um den störenden Klavierhocker herumgriff und Emilias langen schwarzen Rock aus dem dünnen Stoff langsam nach oben gleiten ließ. Warm und weich schob sich Martins linke Hand an der zarten Innenseite ihres rechten Oberschenkel empor, bis er einen schmalen Gummi von Emilias Tangaslip ertasten konnte. Emilias Bein zitterte, und ihrem Mund entrannen kleine, stöhnende Laute. Die letzten Takte kosteten sie doch etliche Mühe, trotzdem war es ihr wichtig – ohne genau zu wissen, warum – auf dem unbequemen Klavierhocker noch eine gewisse pianistische Haltung zu bewahren.
Kaum war der letzte Ton verklungen, umfaßte Martin Emilia mit seinen starken Armen, hob sie in die Höhe und trug sie zu dem bequemen Sofa, welches in der anderen Ecke seines Unterrichtszimmers stand. Er war bemüht, Emilia nicht die zarten dünnen Kleider vom Leib zu reißen, aber er enthüllte sie doch mit einer heftigen Schnelligkeit, die er nie zuvor bei sich erlebt hatte. „Meine kleine Venus, mein dunkler Botticelli-Engel…“ War das jetzt kitschig? Martin wandelte nicht so oft durch Gemäldegalerien, aber es gab natürlich ein paar Kunstwerke, die so bemerkenswert waren, dass in seinen Augen nur Emilia einem Vergleich standhalten konnte. Martin küßte sie jetzt leidenschaftlich und preßte seinen Mund auf ihre vollen Lippen. Bald verschlangen sich ihrer beider Zungen ineinander und wollten sich nie wieder loslassen… Als sie sich doch für einen kurzen Augenblick voneinander befreit hatten, brachte Emilia unter ihrem heftigen Atmen hervor, „ Oh Martin, mir ist so komisch, als ob es mir den Magen umdreht…“ ‚Mancher Mann hätte das vielleicht für eine sonderbare Liebeserklärung gehalten’, dachte Martin, aber er, dem es ähnlich ging, wußte, was dieses Gefühl zu bedeuten hatte. Allerdings fiel ihm keine passende Antwort ein, und so erwiderte er es mit einem zustimmenden, verständnisvollen Nicken. Er streichelte langsam und sanft ihren Bauch und betrachtete dabei ihr Gesicht, wie um sich zu vergewissern, ob es ihr angenehm war. Ihre Blicke und ihr leises „Aahh“ bedeuteten ihm weiterzumachen. Nun fuhr er mit seiner Zungenspitze in ihren Bauchnabel, und Emilia reagierte auf die kitzelnde Erregung mit heftigem Zucken. Martins Zunge umkreiste Emilias Bauchnabel, wanderte cm für Zentimeter tiefer. Sein Mund spürte, wie sich Emilias Bauchdecke hob und senkte. Martins liebkosende Zunge war inzwischen bis in ihren Schoß vorgedrungen, der sich ihm schon bereitwillig geöffnet, ja fast flehend entgegenbäumte. Als Martins Zungenspitze den empfindlichsten Punkt zwischen ihren Beinen getroffen hatte, schrie Emilia auf, fuhr von der Couch hoch und packte Martin. Sie zog an seinem Hemd, zerrte es irgendwie über seinen Kopf und versuchte sich dann an seiner Jeans, unter der schon seit langem sichtbar und fühlbar war, wie sehr sich Martin nach Emilia sehnte… Ein paar Augenblicke später beugte er sich über Emilia und ihre nackten, glühenden Körper fanden und wanden sich in ein Knäuel der Leidenschaft. In ihrer Vereinigung, die sich von einem ersten zaghaften Andante im piano langsam in ein wildes Allegro im fortissimo steigerte, spürten beide, dass die Töne, die sie von sich gaben, eine Fortsetzung der Klänge bedeuteten, welche Emilia mit dem Ges-Dur Impromptu auf dem Flügel hingezaubert hatte. Emilia spielte nun ihr leidenschaftlichstes Schubert-Impromptu auf Martin, und Martin seines auf Emilia. Oder war es ihrer beider ureigenste Komposition?
Als inzwischen zwei virtuose Impromptus verklungen waren, welche von Erregung, Wollust und Befriedigung erzählten, streckte sich Martin zufrieden lächelnd auf der Couch aus und sagte: „Ich danke unserem Herrn!“ Emilia runzelte die Stirn. „ Ich meine natürlich unseren großen Herrn Franz Schubert!“ Zum ersten Mal sah Martin, wie Emilia mit einem wirklich freien Lachen reagierte.
Als Emilia gegangen war, mußte Martin lange über die Bedeutung des Begriffes „Wiedergeburt“ nachgrübeln. An diese Dinge wollte er nie so recht glauben. Aber was Emilia in bezug auf Schubert anging, konnte er eine gewisse Ahnung nicht verleugnen. Allerdings ein Mann, der als Frau wiedergeboren wird? Martin gab sich mit der Erklärung zufrieden, dass die Seele ja eigentlich geschlechtslos sein müßte….
Sie hatten sich nicht aufs Neue verabredet. Die Zukunft ihrer Begegnung stand unausgesprochen im Raum. In den nächsten Tagen wartete Martin ungeduldig darauf, dass Emilia ihn anrief. Als er seiner Nervosität nicht mehr Herr wurde und die Sehnsucht schier unerträglich schien, griff er selbst zum Hörer. ‚Blöd’ sagte er sich – ‚wieso bin ich so selbstverständlich davon ausgegangen dass sie zuerst anruft?’ Martin versuchte es immer und immer wieder, er hatte nur eine Handynummer von Emilia erhalten, umso verwunderter war er, dass er immer nur eine unpersönliche Automatenstimme vernahm, welche ihn anwies, eine Nachricht auf die Mailbox zu sprechen. Martin hatte inzwischen mindestens zehn Nachrichten hinterlassen, immer die gleiche verzweifelte Frage nach einem Wiedersehen, aber es kam keine Antwort. Dreimal fuhr Martin zum Haus ihrer Eltern, wo Emilia wohnte, konnte aber keine Anzeichen dessen erkennen, dass sie zu Hause war. Zuviel Scheu nahm ihn gefangen, um einfach zu klingeln und die Eltern zu fragen.
Zwei Monate nach jenem schicksalshaften Montag im Mai erhielt Martin einen kurzen Brief von Emilia, vorsorglich an die Anschrift der Klavierschule adressiert. Martin sagte sich, dass es keine Rolle gespielt hätte, denn Sabine öffnete seine Post nie unaufgefordert.
„Lieber Martin! Bitte verzeih mir, dass ich mich nicht gemeldet habe. Ich versichere Dir, dass es mir nicht leicht gefallen ist, ich leide genauso wie Du. Ich weiß, Du hast oft versucht, mich zu erreichen….. Martin, wir dürfen uns nicht mehr wiedersehen, die Umstände sind gegen uns. Ich kann Dir das jetzt nicht genauer erklären. Ich werde in wenigen Stunden in eine andere Stadt ziehen, und bei meiner geliebten Tante untertauchen. Bitte versuche nicht, mich ausfindig zu machen. Ich werde Dich immer lieben. Deine Emilia“.
Martin war wie vor den Kopf geschlagen. Die anfängliche Freude über den Erhalt des Briefes nach all der Zeit der Ungewißheit und darüber, dass Emilia seine Liebe erwiderte, wich allmählich Verzweiflung, Enttäuschung, Trauer. ‚…in wenigen Stunden – das heißt, sie ist bereits fort? Der Brief trägt das Datum von vorgestern. Keine Chance mehr, sie vorher noch einmal zu sehen…Genau das hat sie beabsichtigt. Und was für „Umstände“?’ Martin blieb der Inhalt des Briefes ein Rätsel. ‚Ein Rätsel! Ja, das war Emilia schon immer für mich…’. Er spürte Wut in sich aufsteigen: ‚Warum vertraut sie mir nicht? Und was sollte der Hinweis mit der Tante – will sie jetzt, dass ich sie finde, oder nicht? Das ist alles andere als schlüssig….’
Die Wut verflog wieder, aber das Unverständnis über den Verlauf der Geschehnisse wollte nicht aus Martins Innerem verschwinden. Allmählich spürte er, wie er resignierte…. Er sehnte sich noch immer schmerzlich nach Emilia, aber er hatte nun jeglichen Gedanken aufgegeben, ihrer Bitte zuwiderzuhandeln. Denn seine anfänglichen verzweifelten Monologe auf die anonyme Mailbox ihres Handys waren ebenso erfolglos gelieben wie beim ersten Mal und sind inzwischen verstummt.
Im März des folgenden Jahres erhielt Martin einen Brief in einem blauen Umschlag, auf dem wieder kein Absender angegeben war. Er enthielt ein Foto eines vielleicht 2 Wochen alten Babys. Martin schaute auf das kleine Gesichtchen und erschrak. Zögernd holte er ein verblaßtes kleines Foto aus seinem Portemonnaie, das ihn zeigte, als er kaum älter was als dieser Säugling. Die Ähnlichkeit war schon frappierend. ‚Das waren also die „Umstände“ in währsten Sinne des Wortes. Warum bin ich nicht darauf gekommen?’ Martin schlug sich mit der Hand auf die Stirn, dass es schon wehtat. Er hätte schreien mögen und wünschte sich irgend einen Gegenstand herbei, auf den er eine halbe Stunde draufschlagen könnte. Zu dem Foto fand sich folgende Notiz: „Lieber Martin! Am 20. Februar habe ich unseren Sohn zur Welt gebracht – mit 54cm und 4,1kg. Es geht uns gut. Ich glaube, ich brauche Dir nicht zu sagen, welchen Namen der Junge trägt… In Liebe, Deine Emilia.“
Martin betrachtete noch sehr lange das Foto des kleinen Franz. Die Tränen rannen über seine Wangen, Martin zitterte und schluchzte immer stärker, und all die lange angestauten sowie die neuen Gefühle bahnten sich ihren Weg nach außen.
Als sich Martin wieder etwas beruhigt hatte, begann er darüber nachzudenken, wie er mit der neuen Situation umgehen sollte. Noch wußte er nicht, was er tun sollte: Sabine alles erzählen, Emilia und den Kleinen endlich suchen?
Sein Blick fiel auf das Notenregal, in dem der Band mit den Schubert Impromptus lag, welchen Emilia damals bei ihm vergessen hatte. Martin ging mit den Noten zu seinem Flügel, legte das Foto seines Jungen vor sich hin, schlug das Ges-Dur Impromptu auf und ließ seinen Erinnerungen an einen der schönsten und bedeutendesten Tage seines Lebens freien Lauf… Er spielte so zauberhaft wie damals Emilia und endete mit den Worten: „Für Dich, mein wiedergeborener Franz.“