Blinde Leidenschaft
von Stella Eva Henrich (copyright)
Früh am Morgen war ich aus dem Bett gesprungen, um am Strand die herrliche Sommersonne zu schnuppern. Licht riecht morgens auf Kreta immer ein bisschen feiner als am Mittag. Und obwohl ich ein Morgenmuffel bin, nehme ich diesen Stress immer wieder gern auf mich. Rasch packte ich mein Handtuch und die Sonnencreme in die Badetasche, zog meinen Bikini an und stolperte etwas unbeholfen durch die Lobby des Hotels, in dem ich in diesem Jahr das erste Mal meinen Urlaub auf Kreta verbrachte. Offensichtlich war ich als einzige so früh unterwegs. Auch das Hotelpersonal schlief noch. Denn trotz meiner fehlenden Orientie-rung eilte mir niemand zur Hilfe. In solchen Fällen folge ich stets meiner Nase. Ich konnte die salzige Meeresluft bereits riechen. „Immer der Nase nach“ führte mein Gehirn Regie und lotste mich ohne Umwege an den Strand. Genauso hatte ich ihn mir vorgestellt. Der Sand war fein wie Mehl, sanft kitzelte er mich zwischen den Zehen. In ruhigen Wellen spülte das Meer Wasser heran. Ich setzte mich, um diesen Moment bewusst zu genießen. Auf meiner Zunge breitete sich ein pelziger Belag aus. Er schmeckte wie Börries. Ich liebte es, über seine Haut mit meiner Zunge zu gleiten und ihn dabei zu schmecken. Die geschmeidigen Berührungen meiner Zunge erregten ihn meist stark. Ich hörte, wie er dann den Atem anhielt, spürte, wie er aufmerksam meiner Zunge entlang seines Körpers folgte und anschließend sein Körper begann, leicht zu zittern. Seine Erregungen erregten mich. Gern packte ich ihn dann fest an den Armgelenken und drückte ihm meine Zunge auf seine feuchten Lippen. Gierig sehnte er sich nach meinen Küssen. Die Bilder flimmerten wie ein Film in meinem Kopf als ich das Wasser des Meeres unter meinen Füßen spürte. Es war warm, wärmer als ich vermutete, und gern wäre ich den Wellen ins Wasser jetzt nachgefolgt. Doch es gab für mich kein davonkommen. Ich brauchte festen Boden unter den Füßen. Sicherheit, die mir Börries nie hatte geben können. Meine Welt war stets unsicher, dunkel dort, wo andere Menschen Licht sehen. Nur auf Kreta spürte ich diese Welt der anderen in mir. Ich liebte diese griechische Mittelmeerinsel. Sie gab mir einmal im Jahr das Gefühl, ein Mensch zu sein, der wie alle anderen sehen konnte. Lauwarme Tränen rannen über meine Wangen. Meine toten Augen hatten sie ausgespuckt. Mein Anflug von Traurigkeit verzog sich im nächsten Moment als ich eine fröhliche männliche Stimme von hinten rufen hörte „Soll ich sie eincremen? Ihr Rücken ist ja bereits ziemlich gerötet.“ Ich nickte mit dem Kopf und streckte dem Mann meine Sonnencreme entgegen. Mit geschlossenen Augen gab ich mich dem Fühlen seiner Wärme hin.
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