Hoffnung

von Paola Reinhardt (copyright)

Endlich Sommer, Wärme, Blumenduft, Vogelgesang! Was kann mir schon passieren, denkt die Frau und versucht ein Lächeln. Der Fremde, kaum zehn Schritte von ihr entfernt, lächelt zurück. Nein, es hat nicht ihm gegolten, ihr Lächeln! Oder doch? Natürlich, auch er ist ein Teil dieser schönen, heilen Welt, die sie gleich ein paar hundert Meter entfernt am Portal der Klinik zurücklassen wird. „Schenken Sie mir ein wenig Zeit und ein weiteres Lächeln“, sagt der Mann, jetzt, da sie sich gegenüber stehen. Seine Augen sind sehr blau, seine Lippen schmal, klar gezeichnet. Eine angenehme dunkle Stimme. Was hat er gesagt? Die Frau versucht sich zu erinnern, doch sie ist viel zu sehr mit ihren Gedanken beschäftigt. Immer noch, leider! Über die rechte Schulter des Mannes baumelt ein Riemen, und an diesem Riemen hängt ein schwarzes Metallgehäuse mit einem aufgeschraubten Objektiv. Schussbereit. Jetzt richtet er es blitzschnell auf die Frau, versucht, sie mit seinem Charme einzulullen, willenlos zu machen. „Nein!“, schreit sie und hebt entsetzt den Arm vor ihr Gesicht. Jenen Arm, der geradewegs zu ihrer linken Brust führt, an dem sie vor acht Wochen diesen Knoten ertastet hat. Dann rennt sie in Panik davon.

„Lassen Sie mich in Ruhe, spüren Sie denn nicht, dass ich am Ende bin! Oder wollen Sie mir Ihre Schultern zum Weinen anbieten? Ja, vielleicht wäre ein Fremder wie Sie gar kein ungeeignetes Objekt dafür! Sie könnten emotionslos zuhören, denn meine Geschichte beträfe Sie ja nicht. Nein, lieber nicht! Ich hätte Angst vor Ihren Fragen, die danach unweigerlich kommen würden. Geben Sie ruhig zu, dass Sie mehr in meinem Gesicht entdeckt haben als nur ein Lächeln! Warum sonst sind Sie bei meinem Schrei nicht einmal zusammengezuckt. Aber leben Sie mal mit diesem Ungeheuer, das man Angst nennt! Es hat mich am helllichten Tag überfallen, morgens um halb acht beim Duschen, als ich rein zufällig diesen Knoten ertastet habe. Zuerst glaubte ich wider alle Vernunft, ich hätte mich geirrt und stellte mich die nächsten Tage einfach dumm. Doch er blieb und wuchs sogar noch. Man wacht auf, atmet, ahnt nichts Böses, und dann ist es auch schon passiert. Scheiße! Die Ärztin sagte mir später, er müsse unbedingt heraus, dieser Knoten, und warum ich ihn nicht schon früher bemerkt hätte. Im übrigen solle ich mir keine Sorgen machen, es gäbe genug gutartige Fälle. Die anderen seien aber auch … Ich habe zuerst so getan, als ginge mich ihre Diagnose nichts an. Erst später erlaubte ich mir eine Erinnerung. Was heißt „…aber auch…“? Operation, Amputation, Bestrahlung im Keller der Klinik, kahler Kopf und dann dieses Kotzen. Man kotzt vor lauter Übelkeit, aus Verzweiflung, aus Einsamkeit. Und dann diese Angst im Nacken, es könnte alles wieder von vorn beginnen – sie wird bleiben! Dabei habe ich die Existenz dieses Knotens für kurze Zeit vergessen, sie einfach verleugnet, in Alex Armen. Habe mich hinterher gewundert, dass selbst ein Ungeheuer in solchen Augenblicken so etwas wie Scham kennt und sich diskret zurückzieht. Alex hat nichts bemerkt!

He, können Sie mir vielleicht sagen, ob das meine letzten unbeschwerten Stunden waren? Na sehen Sie, darauf haben auch Sie keine Antwort parat! In der letzten Zeit habe ich mir nur selten erlaubt, an die Zukunft zu denken und bin mit meinen gesunden Füßen auf dem Kopf meines Feindes herumgetrampelt. Wollte ihn vernichten! Doch es hat nichts genutzt. Auf einmal war sie wieder da, diese Angst, und sie wuchs und wuchs, wurde zum Riesen. Meine schönen Brüste, und gerade die ist gefährdet, die ich immer für die schönste gehalten habe. Ich lasse es nicht zu, dass man sie mir weg nimmt! – Und wenn doch? – Dann, dann will ich zu dem Prozentsatz gehören, die diese Krankheit heil übersteht!“ Alex hat nichts bemerkt.

„Sie aber Mister X, ich nenne Sie einfach so, weil ich Ihren Namen nicht kenne, Sie haben geahnt, dass sich hinter meinem Lächeln etwas verbirgt! Darum konnte ich es auch nicht zulassen, dass Sie mit Ihrer Kamera mein Gesicht ablichteten, das sich Ihnen nackt wie ein offenes Buch entgegen streckte. Was bin ich denn schon für Sie? Nur eine Frau unter vielen, die Ihnen in der Menge rein zufällig aufgefallen ist, die Sie neugierig gemacht hat.“

Erst jetzt spürt die Frau, dass sie noch immer läuft, spürt das harte Gehpflaster unter ihren dünnen Sommerschuhsohlen, das beängstigende Klopfen auf der linken Seite, dort, wo das Herz sitzt. Hört ihren keuchenden Atem. Direkt vor dem Portal der Klinik bleibt sie endlich stehen, dreht sich um. Der Fremde in einiger Entfernung ist für sie fast gesichtslos geworden. Jetzt hebt er die Hand, legt sie auf seine Brust, winkt ihr mit der anderen zu. Ganz so, als wollte er sie um Entschuldigung bitten, weil er sie beunruhigt und zum Laufen gezwungen hat. Die Frau winkt zurück, erschöpft, spürt den Schweiß auf ihrer Stirn und zwischen ihren Brüsten kalt werden. „Bis bald, Fremder!“

Sommer, Blütenduft, Vogelgesang! Was kann mir schon passieren, denkt die Frau – und dieses Mal gelingt ihr ein Lächeln!

Du kannst zum Ende springen und einen Kommentar hinterlassen. Pingen ist im Augenblick nicht erlaubt. Drucken Drucken


Noch keine Kommentare. Seien Sie doch der Erste?

Geben Sie Ihre Meinung ab ...