Unter dem Apfelbaum, 2. Teil

von Eduard Breimann (copyright)

Endlich löst sich ihre Starre, sie schreit und rennt; die Schürze löst sich, segelt flatternd auf den Hof.
„Karl! Karl!“
Er sieht ihr interessiert nach, hört den Zusammenstoß mit Karl, der aus der Haustür stürzt und wohl blicklos in den Körper von Marlies stolpert.
„Was ist? Mein Gott, warum schreist du so?“
„Da! Da!“
Sie stöhnt, tritt einige Schritte zurück und zeigt aufs Dach. Dann müssen beide eine Ewigkeit sprachlos hochglotzen, müssen verkraften und einsortieren, was sie sehen. Ihr alter Vater sitzt im schmuddeligen Schlafanzug auf der schmalen Dachfirste, schwankt leicht und hat die Hände gefaltet. Er lächelt! Sie starren auf die von den Dachpfannen geschwärzte Fußsohle und das unruhig zuckende Holzbein.
„Vater! Was machst du auf dem Dach?“
„Endlich findet sie die Sprache wieder“, sagt er zu Maria; auch sie scheint leicht belustigt, gibt aber keine Antwort.
„Was soll das?“, schreit Karl und in der Erregung verfällt er in seinen ostpreußischen Dialekt, den er so scheußlich findet.
„Dumme Frage! Solltest mal nachdenken“, murmelt er.
Sicher, sie mussten in diesen Tagen oft den Kopf schütteln über den Alten und die unverständlichen Veränderungen, aber das hier, das ist der Gipfel; es ist einfach unfassbar.
„Wie ist er da rauf gekommen – mit seinem Holzbein?“
„Die Luke! Die Dachluke steht auf. Da ist er durch“, erkennt Karl.
„Mit dem Holzbein? Oh, mein Gott! Vater! Wenn du abgerutscht wärst, nicht auszudenken.“
„Regt euch nicht auf. Bin schon als Kind – auch mit Holzbein – hier rausgeklettert. Hab von hier oben Amerika gesucht und die Indianer sehen wollen.“
„Was suchst du jetzt da oben, Vater?“, schreit Karl und hektische Flecken leuchten im blassen Gesicht..
„Mein Leben! Ich suche die Vergangenheit, muss sie gehörig ausfragen. Man hat einen wirklich guten Blick von hier oben auf das, was mal war. Kannst gut erkennen, was falsch und was richtig war.“
„Vater, es reicht! Erst wolltest du alles von unten sehen und jetzt von oben. Was soll der Quatsch?“
„Man muss die Dinge von mehreren Seiten betrachten, Karl. Musst noch viel lernen.“
„Karl! Ich halt das nicht mehr aus. Gestern das und heute wieder so was Schreckliches. Wir müssen was unternehmen. Ruf sofort den Doktor.“
„Warte! Nicht schon wieder den Doktor. Was soll der denn in diesem Fall machen? Soll der alte Kerl etwa auch durch die Dachluke klettern?“
„Was sollen wir denn sonst tun, Karl? – Vater! Komme sofort herunter!“
„Marlies! Spinnst du? Wie soll der jemals alleine wieder runter kommen? Etwa durch die Luke? Weißt du, wie glatt das Dach ist? Der rutscht ab und fällt runter. Das schaffen wir nur mit der Feuerwehr.“
„Ja, ja, Karl! Das ist es: Die Feuerwehr! Ruf sie an und sag ihnen, was hier los ist.“
„Quatsch – nein! Marlies, besser nicht. Was soll ich denen sagen? Unser Vater sitzt auf dem Dach; holt ihn da mal runter? Ha! Du kennst sie doch, die Feuerwehrleute aus dem Dorf. Weißt du, was dann los ist? Ich hör schon das Gelächter. Dann brauchst du nicht mehr im Dorf einkaufen oder zur Kirche gehen – und ich nicht mehr in die Wirtschaft. Da lachen die noch ein Jahr lang drüber. Wir werden zum Gespött der Leute. Wir müssen das unter uns ausmachen.“
„Hast du’s gehört, Vater? Du machst uns alle lächerlich. Bitte, bitte, komme sofort herunter, ganz vorsichtig. Soll Karl dir helfen?“
„Mir geht es gut. Ich brauch euch nicht. Lasst mich nur in Ruhe. Werde schon allein runter kommen.“
Sie stehen auf dem Hof und bedenken den Wandel, der sich seit einer Woche vollzogen hat. Er ahnt ihre Gedanken, sieht an den gerunzelten Stirnen das angestrengte Nachdenken. Sie können nicht wissen, was ihn treibt, warum er sich ändern musste, was ihn dazu gezwungen hat, den brummigen Grimm und die steinerne Härte abzulegen.
„Wie sollen sie auch?“, denkt er und erinnert sich an den sonnenwarmen Morgen, als er Maria auf der Bank unter dem Apfelbaum gefunden hat.

Sie saß dort, als er den Hof inspizierte und winkte ihm zu. Ja, einen Augenblick lang war er erstarrt und fast kopflos gewesen.
„Dachte schon, ich würde irre werden. Aber das verging schnell. Maria war da! Nur das war wichtig.“
Er setzte sich neben sie, streichelte ihre schönen blonden Haare und sprach lange und leise mit ihr; seine ganze Not und Einsamkeit breitete er vor ihr aus – und sie hörte ihm aufmerksam zu. Marlies kam um die Hausecke, trug eine große Forke auf der Schulter. Er sah seine Tochter kommen, aber das störte ihn nicht.
„Soll sie doch sehen, wie glücklich ich bin“, dachte er und beachtete sie nicht.
Natürlich hat sie was bemerkt, hat gehört, dass er sprach. Sie stand hinter der Scheunentür und beobachtete sie beide, die sich so vertraut unterhielten.
„Maria, ich weiß genau, was du möchtest – sag nichts. Ich muss Ordnung schaffen, du hast Recht. War wohl nicht alles richtig, was ich gemacht habe. Ich versprech´s dir. Bald …“ , sagte er und umarmte sie.
Aus den Augenwinkeln sah er das verstörte Gesicht seiner Tochter. Sie weinte und ging still weg. Sie konnte nichts wissen, nein.
Noch am gleichen Tag begann er. Er legte seine Sturheit ab und behandelte Karl nicht mehr wie einen Depp. Es fiel ihm nicht leicht. Oh nein! Diesen Schwiegersohn zu akzeptieren war schwer, fast unmenschlich schwer. Aber es musste einfach sein; er hatte es Maria versprochen – und er schaffte es, behandelte ihn nachsichtig, machte ihm keine Vorschriften mehr und überließ ihm vollständig die Tagesarbeit.
Bis zu diesem Tag hatte er jedes Frühstück zum Appell gemacht, bei dem ihm Bericht zu erstatten war, bei dem er Tagesbefehle ausgab, Kommandos bellte und den Schwiegersohn regelmäßig rügte.
Jetzt wollte er nicht einmal mehr wissen, wie es draußen stand, ob die Bäume gespritzt werden mussten, ob der Boden Dünger brauchen könnte, ob das letzte Pfropfen erfolgreich war, er ließ einfach alles geschehen.
„Macht man. Wisst schon, was ihr zu tun habt“, sagte er beim Frühstück, als sie auf Anordnungen warteten; sie starrten ihn mit offenem Mund an, warteten ungläubig auf seine Befehle.
Als er Maria an diesem Morgen besuchte, lächelte sie zufrieden. Ja, er würde es schaffen.Er sieht zur Bank. Sie hat den Kopf anmutig in den Nacken gelegt, beobachtet die ersten, träge fliegenden Bienen, die trotz der Morgenkühle schon nach Futter suchen.
„Ihr wunderbarer Hals. Das apfelgrüne Kleid steht ihr gut; das hat sie immer angezogen, wenn wir zum Erntedankfest in den Tanzsaal beim ‚Einkehr’ gingen. Passt gut zu ihrem blonden Haar.“
Das festliche Kleid hat er ihr in dem Jahr gekauft, als sie eine besonders gute Ernte hatten. Höchstens zwei Mal im Jahr trug sie es; es sollte viele Jahre halten, sagte sie immer.
„Wie schön Maria ist. Was für ein Glück für mich, dass ich sie bekommen habe“, murmelt er und ein leichter Schwindel befällt ihn.
Sie wendet den Kopf und blickt ihn ruhig an. So hat sie ihn immer angesehen, wenn sie seine Absichten kritisch abwog, ihn manchmal sanft korrigierte.
„Ich weiß, was du möchtest. Gleich. Bin bald fertig.“
Warum sieht sie ihn so zweifelnd an? Glaubt sie ihm nicht? Seitdem er sie auf der Bank unter dem Apfelbaum getroffen hat, weiß er doch genau, was er tun muss.
Wie ist er nur so lange ohne sie ausgekommen? Seine Verbiesterung, seine Unnachgiebigkeit und auch seine Spottbereitschaft – alles das, was ihm die Leute ständig vorwarfen – das war doch nur so, weil sie ihm gefehlt hatte. Ohne sie war er nichts – und wie glücklich war er jetzt.

„Du musst nichts sagen, dein Lächeln genügt mir“, hat er ihr gesagt, als er sie dort wartend fand.
Genau diese Worte hatte er schon einmal gebraucht, damals, als Maria und er an einem stillen Augustabend auf der Bank unter dem Apfelbaum saßen. Er hatte um ihre Hand angehalten; hatte in der ihm eigenen schroffen Art – und ohne große Zuversicht – gesprochen. Die Behinderung kam ihm in diesem Augenblick so entscheidend vor, dass er ununterbrochen das Wort ‚Krüppel’ im Kopf bewegte. Aber sie hatte nicht nur gelächelt; sie nahm die ausgestreckte Hand, streichelte sie und sagte: „Ja, Friedhelm, ich will dich.“
Diesmal hat sie nichts gesagt; aber er hat alles gewusst. Als sie ihn so eindringlich angesehen hat, war ihm klar, was sie wollte; er hat nicht lange nachdenken müssen.
Sie wartet, und jede Minute zählt, er kann keine langen Denkpausen machen. Er hat in seinem Leben schon so viel Zeit verloren. Deshalb hat er gestern angefangen mit dem Aufräumen, mit dem schonungslosen Abwaschen der Vergangenheit. Er muss klar sehen.

Gestern, direkt nach dem Frühstück, ist er aufgestanden und wortlos rausgegangen. Maria hat schon auf der Bank gesessen und ihn nachdenklich angesehen. Wie jung sie war. Er grüßte sie lächelnd, mit leichtem Kopfnicken; er wollte sie überraschen, ihr eine Freude machen.
Also legte er sich auf den Boden, alle viere von sich gestreckt, ganz dicht bei ihr, blickte hoch in den blühenden Apfelbaum, an dessen Ästen so viele gemeinsame Erinnerungen hingen.
Ein leichter Wind strich durch die Zweige und frischgrünen Blätter; die Blüten schüttelten sich, als fröstelten sie. Eine ganze Zeit lag er so still auf dem harten Boden, bis Marlies endlich aus der Küche kam.
Sie schrie laut auf, rief gellend, mit sich überschlagender Stimme, ihren Mann um Hilfe. Zuerst dachte er, sie wären erschrocken und überrascht, weil Maria auf der Bank saß, aber dann wusste er, dass sie sich über ihn wunderten. Hoch über ihm hingen die fragenden, besorgten Gesichter.
„Wie Fackeln beim Martinszug“, dachte er.
Er kam sich klein und ärmlich vor, bei diesen großen Köpfen, die auf ihn herunter sahen. Er duldete sonst nicht, dass man auf ihn herab sah; er fürchtete, man könnte ihn unterschätzen, ihn, den Krüppel. Dies hier, das war eine harte Prüfung, eine erschreckende Erfahrung, die er nicht so leicht schlucken konnte. Sie betrachteten ihn lange, sorgenvoll und unschlüssig.
„Was machst du da unten, Vater?“
„Muss mein Leben aufarbeiten.“
„Wie bitte, Vater? Ich versteh nicht“, sagte Marlies.
„Es wird Zeit. Hab nicht mehr lange. Muss mir mein Leben noch einmal ansehen.“
„Hier? Hier auf dem Boden? Im Schmutz und Hühnerdreck?“
„Ja. Genau hier muss ich anfangen. Muss sehen, was falsch und was richtig war. Man tritt nicht ab, ohne sich zu besinnen.“
„Warum musst du abtreten, Vater? Bist du krank?“
„Muss nur nachdenken.“
„Zum Teufel! Warum? Warum hier auf dem Boden? Andere in deinem Alter setzen sich auf die Bank und machen die Augen zu, wenn sie zurück blicken wollen“, brüllte Karl und seine Stimme überschlug sich dabei; er war nicht geübt im Brüllen.
Es war das erste Mal, dass Karl, dieser „Duckmäuser“, wie er ihn manchmal nannte, so zu ihm sprach.
„Die mussten auch nicht solche Sachen mitmachen wie ich; muss mir eine neue Sicht verschaffen. Muss es mal von unten betrachten – mein Leben; hab zu oft von oben auf die Dinge – und die Leute – runter geguckt.“
„Bist du wahnsinnig? So was hab ich noch nie gehört. Mach uns nicht lächerlich. Nicht noch mehr als sonst. Für die Leute im Dorf sind wir doch nur deine Lakaien und Deppen.“
„Denkt ihr das? Warum habt ihr´s nie gesagt? Muss ich mich erst vor euch hinlegen?“
„Du bist so hart, heftig – und stark, Vater.“
„Ich bin nicht stark; hättet es nur mal versuchen sollen.“
„Wo sollten wir den Mut hernehmen?“
„Mut? Ist das so? Meine Tochter braucht Mut, um mir die Meinung zu sagen?“
„Ja, der ist wohl nötig.“
„Wir dürfen doch nur tun, was du sagst; ich könnte auch dein Knecht sein.“ Karls Stimme klang gepresst.
„Könntest du – wirklich. Ist wohl wahr, was du sagst, Karl. Aber – es wird sich alles ändern, Junge.“
„Nicht solange du hier auf dem Hof bist“, sagte Karl, schnaufte wütend und wurde rot, als Marlies erschrocken aufstöhnte.
„Sag ich doch. Wart´s nur ab, Junge.“
Marlies schüttelte den Kopf, zog ihren Vater auffordernd am Arm. Als das nichts brachte, versuchte sie ihn, zunächst gutmütig, später in scharfem Ton, zu überreden. Schließlich gab sie auf.
„Karl, mach endlich was. Du siehst doch, dass ich´s nicht alleine schaffe. Du musst was unternehmen. Vielleicht hat er einen Schlaganfall gehabt – einen kleinen.“
„Etwas muss er ja wohl haben“, sagte Karl nachdenklich, wollte den Ausbruch wieder gut machen. „Ich ruf den Arzt. Soll der doch entscheiden. Ich fass ihn nicht mehr an.“
Er wusste, dass sie nicht den jungen Spinner rufen würden, der keinen Morgenduft vom Boskop unterscheiden konnte, sondern Gerd, den Schulfreund, der schon seit fünfzehn Jahren nicht mehr praktizierte.Es war tatsächlich Gerd, der mühsam den sandigen Weg hoch strampelte. Er lehnte das Rad bedächtig an den Baum, ließ die Arzttasche auf den Boden fallen, zog umständlich den Rock aus und legte ihn sorgfältig auf die Bank.
„Schneller, beeil dich! Du tust so, als kämst du zum Kaffee. Du ordnest deinen Rock, während Vater vielleicht stirbt“, rief Marlies.
„Würde mich wundern. Der legt sich zum Sterben ins Bett und nicht auf den Hof“, sagte Gerd gleichgültig und kniete auf den Boden. Marlies und Karl standen mit verkrampften Händen daneben, beobachteten sorgenvoll das Gesicht des Doktors.
Der erforschte lange die Augen des alten Schulfreundes, besah sich das zerknitterte Gesicht, in dem nicht eine Falte auf häufiges Lachen zurück zu führen war.
Zufrieden nickte er und fühlte Friedhelms Puls, holte das Stethoskop heraus, schob das Hemd hoch und horchte lange den dürren Brustkorb ab. Zum Schluss maß er den Blutdruck, dann seufzte er und schüttelte den Kopf.
„Dem fehlt nichts“, sagte er, mit rätselhaftem Blick, zu Marlies.
„Verdammt!“, brüllte Karl, bei dem sich die Anspannung entlud, und stapfte wütend in den Schweinestall.
Marlies zögerte, blickte suchend in das Gesicht ihres Vaters und ging dann kopfschüttelnd ins Haus.
Der Arzt blieb bei ihm stehen, sah ihn nachdenklich an, packte bedächtig das Stethoskop in die verschrammte Arzttasche und zog den Rock an. Dann stellte er sich breitbeinig neben ihm hin.
„So, mein alter Freund. Jetzt mal Butter bei die Fische. Was soll der Quatsch? Du hast doch was vor, du alter Motzkopp?“
„Komm runter. Nimm Platz und lass uns die Äpfel von unten begucken, wie in alter Zeit.“
„Es genügt, wenn ein blöder, alter Sack auf dem Boden liegt und die Welt von unten beglotzt.“
„Stell dich nicht an. Komm runter und lass uns reden. Ich hab’ auf dich gewartet.“

Langsam, widerwillig, ließ sich der Arzt auf die Knie nieder, zögerte, warf einen Blick zum Herrenhaus, das wie schlafend in der Sonne lag, und legte sich neben den Schulfreund.
„Die alten Knochen wollen nicht mehr, unsere Jugend ist schon zu lange vorbei.“
Er ächzte, als er endlich eine nicht ganz so harte Stelle für seinen Kopf gefunden hatte.
Sie lagen nebeneinander, als wollten sie sich entspannt sonnen. Hasso kam heran, strich ratlos und sichtlich verstört um sie herum, schnupperte aufgeregt an Gerds Haaren und dann an den ausgestreckten Beinen.
„Waren verrückte Jahre, was, mein Alter?“ Mit seinem Holzbein trat er nach Hasso, der erschrocken aufjaulte.
„Wovon sprichst du? Du denkst an etwas Bestimmtes?“
Gerd sah in den blauen Himmel, verfolgte interessiert den Gleitflug von drei Flussmöwen, bis sie abstrichen und hinter den Bäumen verschwanden.
„Ich meine unsere Jugendzeit, Gerd. Hast doch gerade selber davon angefangen.“
„Na ja! Was soll man darüber sagen? – Du hast es hier auf dem Hof recht gut gehabt, damals. Dir fehlte nichts, Friedhelm. Wir Kinder hatten doch eine gute Zeit.“
„Schon. Wir hatten alles zum Leben, was wir brauchten, aber wir waren nicht aus der Welt. Wir spürten doch, hörten und sahen, was sich draußen tat; die Zeit zwischen den Weltkriegen war auch hier auf dem Hof eine verrückte und angstmachende Zeit.“
„Es war alles nicht so aufregend wie in anderen Gegenden – meinetwegen in den Großstädten. Wir Kinder litten hier auf dem Land keinen Mangel – es gab keine große Armut auf dem Land. Wirklichen Hunger hat doch keiner von uns gespürt; notfalls aßen wir gestohlene Äpfel.“
„Ja, von unseren Bäumen, ich hab’s oft gesehen, wie ihr sie geklaut habt. Aber ich hatte nicht alles – ich spreche nicht von meinem Magen. Mir hat ganz was anderes gefehlt, mein lieber Gerd.“
„Aha! Ich weiß, was du damit sagen willst.“
„So?“, fragte er, fasste den Kopf des Doktors und drehte ihn nach links, zwang ihn, ins Dämmerlicht der Scheune zu blicken.
Das Tor stand weit auf – wie fast immer in den Sommermonaten – und weil die Sonne ein Stück weit den staubigen Boden aufhellte, konnte man die hohen Balken sehen, das Gerippe der Scheune. Leer stand sie, wie ausgeschlachtet. Sie hatten fast alles Stroh über den Winter verbraucht.
„Erinnerst du dich, Gerd? Auf den dicken, rissigen Balken saßen wir oft und spielten Ritter. Der linke Querbalken, das war unser Pferd. Nein, nein, unsere Pferde! Er war ja lang genug für zwei Pferde. Er musste ja für zwei wilde Reiter gleichzeitig herhalten, dieser alte Eichenbalken.
Hinten an der Wand, da war dein Pferd und vorne – fast an der Tür – ritt ich meins. Mit Kreide trennten wir ihn auf, den Balken. Weiß nicht mehr, wie wir unsere Pferde nannten. Du auch nicht? Und in dieser schwindelerregenden Höhe bekämpften wir uns mit den alten Forkenstielen, die wir zu gefährlichen Lanzen erklärten. Wir kämpften und fochten, als wenn´s ernst wär.“
„Ja, ja. Ich trug einen hellen Umhang aus altem Betttuch und du den dunklen aus einem abgelegten Mantel. Ich war der weiße Ritter und du der mächtige, wilde schwarze Ritter, der alle Gegner bezwingen konnte. Die Rollen lagen fest und du hast sie bestimmt – wie alles andere auch.“
„War doch wie im echten Leben, nicht wahr? Wir schlugen uns, lachten und fluchten dabei, aber immer mit großem, ritterlichen Anstand; es durfte nicht zu weh tun. Wir waren ja Freunde, stimmt´s? Unsere edlen Ritterkämpfe. Weißt du´s noch?“
„Wie soll ich das vergessen? War eine schöne und unschuldige Zeit.“
„Wie? Unschuldig? Hast du nicht doch was vergessen?“
„Ich weiß, worauf du hinaus willst. Ist es das, was du von mir willst? Du meinst unseren letzten Kampf als Ritter. Wie soll ich den heißen Sommertag 1926 vergessen, als wir wieder auf dem Balken ritten, als du nach einem Stoß den Halt verloren hast und in die Tiefe gestürzt bist.“
„Wie du das schilderst! Als wärst du ein unschuldiger Zuschauer gewesen.“
„Du irrst! Ich war tief betroffen, fast ohnmächtig vor Entsetzen. Dein Schrei war furchtbar. Er hat mich in jeder Nacht geweckt, wochenlang.“
„Frag mich mal, wie mir war, als ich im Krankenhaus wach wurde und nur noch ein Bein am Körper hatte. Ein Bein! Ich war ein Krüppel; noch ein Kind und schon ein Krüppel! Wie einer, der als Versehrter aus dem Krieg kommt.“
„Hast du mich damals, nachdem dir die Folgen klar waren, gehasst?“
„Ja!“
„Was? – Immer noch?“
„Ob ich dich jetzt, in diesem Moment, hasse? Ich weiß es nicht – ehrlich, Gerd, ich weiß es einfach nicht. Ich kann mir das Leben nicht vorstellen, das ich gelebt hätte, wenn du mich nicht mit dem viel zu heftigen Stoß von dem Balken gestoßen hättest. Der übertraf alles, was wir zuvor gemacht hatten.“„Es war doch keine Absicht. Wir stachelten uns gegenseitig auf, stießen und schlugen immer heftiger – ich glaube, wir verloren erstmals ein wenig die Kontrolle über uns und unser Tun.“
„Ja, soweit richtig – trotzdem war das mehr, als nur ein überzogenes Spiel. Es war mehr, Gerd!“
„War´s, nicht! Du willst mir was unterstellen, was ein Kind nicht tut.“
„Du konntest nichts dafür, dass der Pflug unter uns stand und dass die geschärften Schare nach oben gedreht waren. Das war nicht deine Schuld. Aber der Stoß? Das war ganz allein deine Schuld. Der Stoß war zu heftig. Ich hab deine Augen gesehen, als ich fiel. War da nicht Genugtuung und wilde Freude?“
„Du bist wirklich verrückt, Friedhelm. Was willst du mir unterstellen?“
„Ich muss es wissen. Ich muss wissen, warum mein Leben so verlaufen ist, wer die Schuld an allem hat. Es ist doch kein Zufall bei all dem, es hat doch Gründe für all das gegeben.“
„Machst du alles, ich meine das hier, um alles wieder aufleben zu lassen?“
„Du verstehst mich jetzt? Ja, ich will alles aufarbeiten, was mein Leben auf diesem Hof bestimmte und steuerte. Aus anderer Sicht muss ich das machen; das ist mir seit ein paar Tagen klar. Sie hat’s mir beigebracht.“
„Sie? Wer ist sie? Marlies?“
„Ach, lass! Nein, das verstehst du doch nicht. Musst auch nicht alles wissen.“
„Du spinnst, mein Lieber.“
„Nein, Gerd, ich weiß jetzt nur mehr als früher. Aus meiner alten Sicht konnte ich einfach keine Klarheit bekommen. Ich werde bald abtreten und deshalb muss ich es vorher wissen. Hast du mich damals absichtlich runter gestoßen?“
„Abtreten? Bist du krank? Nein, krank bist du wohl nicht, das wüsste ich. Was ist es dann? Wovon sprichst du?“
„Wir sind nicht mehr die Jüngsten, Gerd.“
„Das weiß ich auch, du Trottel. Deshalb bereitet man sich doch nicht in dieser Weise auf das Ende vor. Das kann noch warten.“
„Ich verlange eine Antwort auf meine Frage. Wolltest du mich vom Balken stürzen? Weich mir nicht aus!“
„Das fragst du mich nach mehr als siebzig Jahren? Nach einem ganzen langen Leben? All diese Jahre bist du mit dem Holzbein durch die Welt gehumpelt, du warst Patient in meiner Praxis, ich habe deine Tochter Marlies auf die Welt geholt, du hast mit mir am Wochenende Bier und Korn getrunken, hast im Kirchenchor mit mir gesungen, hast nie geklagt und nie gefragt. Und jetzt willst du es plötzlich wissen? Warum?“
„Weil ich mein Leben überblicken will; hab´s bisher nicht tun können. Es war zu viel, was mich davon abhielt; hatte einfach keine Zeit und hielt’s auch nicht für nötig – aber jetzt muss es sein. Sie will es so.“
„Verdammt! Wer ist sie? Willst du mich auf den Arm nehmen, alter Junge? Was soll der ganze Quatsch? Für wen machst du das?“
„Für sie und für mich. Bin endlich wach geworden. Vorher hat mich auch keiner dazu aufgefordert.“
„Ha! Und jetzt hat dich einer aufgefordert? Wer hat dir das gesagt? Gevatter Tod? Wirst du wunderlich, Alter? Und überblicken willst du dein Leben von hier unten, aus der Sicht der Hühner und deines Hundes? Ist das nicht die falsche Perspektive?“
„Oh, nein! Ich bin immer aufrecht über diesen Hof gegangen. Ich war stolz und hab immer geradeaus geguckt oder sogar runter auf die Knechte, Mägde und meine Familie. Meistens hab ich den Blick nicht gehoben, wollte ihnen nicht in die Augen sehen. Bin mächtig stur und … Weißt du was? Alle Dinge meines Lebens hab ich aus – sagen wir mal grob – einsfünfundsiebzig Meter Höhe betrachtet. Von hier unten sieht das anders aus.“
„Das ist ja nun keine neue Erkenntnis. Und dass du hochnäsig durchs Leben gelaufen bist, das pfeifen selbst die Stare aus den Apfelbäumen.“
„Ich hab’s nie so gesehen. Übrigens, von hier kommt mir auch der Balken in der Scheune viel höher vor. Waren wir damals zu mutig?“
„Du warst wild, unbändig, schneller und flinker als wir alle. Die Mädchen mochten dich, wir anderen hatten wenig Chancen.“
„Aber nur, bis es passierte. In der Zeit davor war’s schon so; trotzdem war ich einer von euch – ich war wie du und alle anderen.“
„Nein! Du warst anders. Du warst herrischer, bestimmter, berechnender und kälter, als jeder deiner Mitschüler. Du wolltest alles besitzen, was andere hatten. Du hast nie Rücksicht genommen. Du hast mir auch Kathrin ausgespannt. Ich hab für sie geschwärmt, ich möchte sagen, sie sogar geliebt, wie man eben als unreifer Schuljunge empfindet. Weißt du´s noch? Erinnerst du dich, wie ich dir vertraulich erzählt hab von ihr? Da, auf der Bank unter dem Baum hockten wir – du und ich. Wir sprachen über unsere geheime Liebe zu Mädchen, denen wir es nicht zeigen mochten.“
Es war still auf dem Hof. Die Amseln und Stare hatten wohl Wichtigeres zu tun, als ihnen zuzuhören. Und Hasso hatte resigniert, lag mitten im Hof und schielte hin und wieder zu den beiden Männern rüber.
Der alte Arzt seufzt schwer. „Ich wär für Kathrin durch unser Osterfeuer gegangen, ich hätte für sie morden können. Das hab ich dir gesagt, weißt du’s noch? Ich hab ihr den Schulranzen getragen und ihr oft meine letzte Stulle gegeben, obschon ich wilden Hunger hatte. Wir hatten nicht so viel zu essen wie ihr hier auf dem Hof. Und dann kamst du, gabst ihr zwei rote Äpfel, nahmst sie an die Hand – und sie ist mit dir gegangen.“
„Ach Gott, ja, ich erinnere mich. Die Äpfel waren von diesem Apfelbaum. Rotgelbe, verführerische Morgenduftäpfel. Warum beschäftigt dich dieses unwichtige Schulerlebnis? Die erste Liebe? Kinderkram! War doch alles nur Spielerei. Ich musste doch sehen, wie sie auf mein Angebot reagiert. Musste mich das nicht reizen?“
„Das war´s also? Nur dieser Reiz? Was bist du nur für ein Mensch! Für mich war es mehr, es hat mich getroffen und krank gemacht. Du hattest mir wieder was weggenommen. Ich bin innerlich fast verbrannt.“
„Aha! Jetzt sind wir da. Genau das ist es, was ich meine. Das war der Grund. Es war der Herbst, in dem du mich vom Balken gestoßen hast – du erinnerst dich?“
„Hör auf! Das hatte nichts damit zu tun. Die zwei Sachen hatten gar nichts miteinander zu tun.“
„Keines der Kinder aus der Schule hat mich besucht, als ich im Krankenhaus lag. Du auch nicht! Du hattest ja dein Ziel erreicht?“
„Was für ein Ziel? Du spinnst!“
„Du hast mir meine Frage nicht beantwortet. Warum hast du mich runter gestoßen?“„Weil sie unsinnig ist. Ich hab dich nicht absichtlich runter gestoßen.“
„Ich seh jetzt klar. Es gab Zusammenhänge; man muss alles gemeinsam betrachten. Ja, so wird es sein. Ich hab jetzt Klarheit genug. Komm lass uns aufstehen.“
„Einen Moment noch, Friedhelm, jetzt muss ich gleichziehen.“
„Gibt´s was zum Gleichziehen?“
„Oh ja! Du hast vergessen, dass du mir später noch einmal was weggenommen hast. Damals, 1937, als ich eingezogen wurde und du – wegen deinem Bein – hier bleiben konntest. Weißt du, was ich meine?“
„Sag´s! Es wird mir vielleicht gefallen.“
„Ja, ich weiß, so bist du. Es war schlimmer als die kleine Verliebtheit, als wir noch zur Schule gingen. Wir waren so gut wie verlobt, Maria und ich. Es war nicht ausgesprochen, das nicht. Aber es war uns klar und allen anderen auch. Dir etwa nicht? Dich hat das aber nicht gestört, nicht wahr? War es Rache?“
„Rache? Mein Gott, ja – nein! Ich meine, du warst damals kein Thema für uns. Es war ein heißer Sommer, Maria hat hier ausgeholfen. Sie war schön und jung – und ich? Ich war auch jung, hatte ein Holzbein, das ich dir verdankte. Maria hat es nie gestört; sie hat es manchmal gestreichelt, das Holz, und als ich sie gefragt habe, ob sie meine Frau werden will, hat sie gelächelt, genickt und ja gesagt.“
„Du beschreibst das in diesen wenigen Sätzen, als wäre alles zwangsläufig gewesen. Das war es nicht! Du hast dich zwischen uns gedrängt; du hast es mir mal wieder gezeigt, wer der Stärkere ist. Stell dir nur einmal vor, sie hätte mich geheiratet. – Sie würde heute noch leben!“
„Halt dein verfluchtes Maul, du alter Kurpfuscher!“
„Nur diese eine Entscheidung und alles wär anders gekommen. – Wenn du sie nur nicht verführt hättest.“
„Sei still! Das war keine Verführung. In der Zeit, in der du nicht da warst, ist einfach eine Zuneigung gewachsen, die uns näher brachte; dazu waren weder Verführung noch Anstrengungen erforderlich.“
„So war sie nicht; sie mochte mich. Ich weiß es. Du hast es nur darauf angelegt. Du wolltest mich ausstechen; es ging dir nicht um die Frau.“
„Oh doch! Übrigens saßen wir damals auch auf dieser Bank. Am Apfelbaum hingen die gleichen gelbroten Äpfel in voller Reife. Ich hab uns die Schönsten gepflückt; wir bissen hinein, lachten und freuten uns auf die Zukunft. Maria mochte diese Äpfel.“
„Es ist lächerlich, wie du alles verbrämst, schön redest. Du und deine Scheißäpfel. Mit ihnen hast du dir wohl alles erkauft, was? Willst du deine Vergangenheit mit diesen Dingern vergolden? Willst du mich wütend machen?“
„Es war so – und wir haben eine schöne Zeit gehabt, bis …“
„Ja, bis … Es ist ausschließlich deine Sicht der Geschichte und ich will nichts mehr davon hören. Ich werde krank, wenn ich dich reden höre. Du hast mir immer alles genommen, was mir lieb und wert war.“
„Und du?“
„Lass es! Deine Rechnung geht nicht auf, Friedhelm. Sie stimmt nicht! Du rechnest mit falschen Werten. So kannst du keine Klarheit bekommen. Du belügst dich schon wieder, wie in deinem ganzen Leben.“
„Ich weiß genug. Alles ist klar.“ Er drehte den Kopf und schielte zur Bank. Maria war weg!
„Was hat sie? Warum ist sie gegangen? Dieser Gerd hat sie aufgeregt und vertrieben. Verflucht!“, dachte er verbissen.
Sie schwiegen lange; die Bienen summten im Apfelbaum; die Schatten wurden kürzer und als sie aus der Küche Porzellan und Besteck klappern hörten, reichten sie sich die Hände und zogen sich gegenseitig hoch.
„Geht’s?“, fragte Gerd, klopfte sich den Staub von Jacke und Hose, nahm die Arzttasche hoch und ging wortlos zum Rad.
Er sah ihm lange nach; so lange, bis der graue Kopf hinter der leichten Kuppe verschwunden war.
Der Wind frischt auf, wird böig, wirbelt die Blüten im Apfelbaum durcheinander, rüttelt am Schlafanzug.
Marlies und Karl sind längst ins Haus gegangen; er lauscht angestrengt, aber er kann kein Geräusch hören. Eigentlich, so weiß er, müsste Karl schon draußen auf dem Feld arbeiten.
„Was machen sie? Überdenken sie die Möglichkeiten? Sicher schlagen sie abwechselnd Maßnahmen vor und verwerfen sie; sie sind ratlos. Hab sie ganz schön verwirrt, die beiden.“
„Oder sie wollen mich vergessen. Was machen sie da unten im Haus?“
„Sie haben genug von dir, von deiner Selbstgerechtigkeit und deinen Spinnereien. Du hast ihnen zu viel genommen und zugemutet. Sie wären froh, wenn du nicht mehr auf dem Hof wärst.“
„Bist du sicher?“
„Ja! Es ist so!“
Die Hoftür knarrt gotterbärmlich. „Warum ölt der Karl die nicht endlich?“, denkt er und sieht nach unten.
Marlies steht direkt unter ihm und sieht angestrengt hoch zur Dachfirst.
„Vater! Hörst du mich? Karl holt Hilfe. Er telefoniert mit Heiner, du weißt schon, unserem Schornsteinfeger. Der hat die lange Leiter immer auf dem Wagen. Bestimmt ist er gleich hier. Dann kannst du alleine runter steigen.“
Marlies steht verloren auf dem Hof, sieht ihn mit verweinten Augen an und knüllt die weißrote Schürze zusammen. Er sieht lange in das Gesicht seiner Tochter und spürt Mitleid. Richtig komisch wird ihm und heiß. Es ist ein scheußliches Gefühl, macht ihm Angst.
„Schon als Kind hat sie das Lachen verloren und ich hab sie nicht mal getröstet. Ich war wohl kein guter Vater. ‚Du warst immer so hart, heftig und stark, Vater!’, hat sie gesagt. Verflucht, hab ich in meinen Scheißleben überhaupt was richtig gemacht?“
„Geh wieder rein zu deinem Mann, Marlies. Könnt ja vom Küchenfenster den Weg sehen und auf den Heiner warten.“
„Halt dich fest, bitte Vater!“ Die Stimme versagt fast; sie senkt den Kopf und verschwindet aus dem Blickfeld.
Hasso liegt im Schatten unter dem Baum, die Schnauze an Marias Füßen. Es ist still auf dem großen Hof. Nur aus den Ställen hört er gedämpfte Geräusche; Stroh raschelt und Schweine quieken schrill. Sie übertönen für einen Augenblick alles andere.
„Zeit für den Abschied. Hab genug gesehen. Alles, was wichtig war, ist bedacht.“
Langsam dreht er sich um und betrachtet das Land in seinem Rücken. So weit er sehen kann, stehen die Baumreihen, stattliche Bäume, niedrig und breit ausladend. Sie tragen die Blüten wie eine festliche Haube. Er dreht den Kopf, schaut zur Bank.Er wundert sich nicht einmal, dass Vater gekommen ist. Er sitzt dicht neben Maria, hat seinen grauen Sonntagsanzug angezogen und den großrandigen Hut aufgesetzt. Wärme, angenehme Wärme steigt in ihm hoch, als er die beiden Menschen ansieht, die ihm so viel bedeuten.
„Habt mich ganz schön allein gelassen. War kein Leben, so einsam und leer. Hätte euch früher schon mal gebraucht.“
Mit weit ausholender Geste zeigt er auf das Land, vollgestellt mit blühenden Apfelbäumen und nickt seinem Vater zu.
„Hab viel aus dem Hof gemacht, Vater; du bist hoffentlich mit mir zufrieden. Hab mein Bestes gegeben.“
Sein Vater nickt und das von der Witterung gegerbte Gesicht dreht sich in die Richtung, in der die neue Apfelplantage liegt.
„Wird ein gutes Apfeljahr werden, Vater; stehen prächtig, unsere Bäume.“
Er hat sie in dem Jahr angepflanzt, in dem er den Hof übernahm – erstmals gegen Vaters Rat.
“War eine gute Entscheidung – hast es ja dann auch eingesehen. Hab dich vermisst, Vater – oft. Hab dir viel zu verdanken. Bin dir wohl wirklich in vielen Dingen ähnlich, so wie´s Mutter immer gesagt hat.“
Sein Vater nimmt den Hut ab, schwenkt ihn in einer großartigen Weise, die typisch für ihn ist, und legt ihn langsam auf den Tisch. Mit einem bunt karierten Tuch wischt er sich über den kahlen Kopf und blickt in den Apfelbaum, den er immer zu Rate zog, wenn er wissen wollte, wie die Apfelernte ausfallen würde.
„Hast mich zu dem gemacht, der ich bin. Warst immer mein Vorbild. Ich wurde wie du; wie konnte ich anders werden?“
Er spürt den inneren Zwist, einen Kampf, den er oft austrug, wenn er mit Vaters Entscheidungen nicht einverstanden war.
„Wie selten hab ich mich gegen dich aufgelehnt.“
„Jeder kann den Lebensweg, den er gehen will, selber wählen, mit oder ohne Vater. Hör auf mit deinen Entschuldigungen; es wird Zeit für dich.“

Er schließt die Augen und lauscht – auf sich und seine innere Stimme. Als er die Augen öffnet, sieht er Maria in ihrem Alltagskleid. Das blaue Kleid mit dem weißen Kragen steht ihr gut; sie trug es damals, als die Soldaten kamen.
„Haben sie´s doch nicht mitgenommen, die Russen“, denkt er zufrieden und fühlt wieder diesen leichten Schwindel, der ihn zittern lässt. Sein Vater dreht den Kopf zu Maria und nickt zustimmend.
Im Schatten des Baumes kann er Marias Augen nicht genau erkennen. Sie hat ihm gefehlt. So vieles ist falsch gelaufen. Nichts, nichts kann er wieder gut machen, nichts mehr ändern.
„Es gibt keine zweite Chance für mich, Maria. Niemand bekommt sie.“
Nebel fällt vor seinen Augen herunter, füllt alles aus, versteckt die Obstbäume und den Fluss; er kann den Horizont nicht mehr erkennen. Der große Apfelbaum ist im Dunst verschwunden – Vater und Maria kann er auch nicht mehr sehen.
„Halt, wartet!“ Er gerät fast in Panik, beugt sich weit vor, um besser sehen zu können.
Er weiß nicht genau, ob er sie noch erreicht und muss mit den Tränen kämpfen. Er ist doch noch nicht fertig.
„Muss dir noch was sagen, Maria. Mit den Menschen – und mit uns beiden – war vieles falsch. Kann´s nicht mehr ändern. Hast mir gefehlt. Hättest wohl manchmal eingegriffen, was?“
„Wo sind sie?“
„Geht nicht weg! Muss noch was loswerden!“
Sie sind noch da; schemenhaft erkennt er sie und weiß, dass sie jetzt warten.
„War kein guter Sohn und kein guter Mann. Muss euch wohl bitten, mir zu verzeihen. Das war’s, was ich noch sagen wollte.“
Der Blick wird wieder klar. Er sieht zur Bank, erblickt seinen Vater und Maria, die ihn aufmerksam betrachten. Maria nickt zögernd und als sie aufsteht, stellt er sich auch hin.
Das Holzbein macht Schwierigkeiten, will auf dem glatten First wegrutschen. Aber er steht, schwankend und mit ausgebreiteten Armen balancierend. Er wirft noch einmal einen Blick auf das endlose Land.
Weit hinten auf der Elbe fährt ein Schleppzug, quält sich stromauf, versucht Fahrt zu machen. Hasso winselt im Schlaf, er träumt wohl.
Die Sonne hat den Wipfel des Apfelbaums erreicht, zaubert flirrendes Silber ins Blattwerk. Er sieht zur Bank, vor der Maria immer noch wartend steht; für einen Augenblick trägt ihm der Wind den Duft der Apfelblüten zu.
„Ich komme“, sagte er leise.
Sie geht ihm entgegen; die warme Morgenluft erfasst ihn, trägt ihn zu ihr hin; ihr Gesicht wird groß; jetzt kann er ihre Augen gut erkennen.

Du kannst zum Ende springen und einen Kommentar hinterlassen. Pingen ist im Augenblick nicht erlaubt. Drucken Drucken


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