Dumme Erfindung
von Heidi Muell (Copyright)
Es war ein schwüler Sommertag in Berlin, und ich hatte eigentlich wenig Lust meiner Arbeit nachzugehen. Mein Gelderwerb bestand darin, Briefe nach den Wohnorten ihrer Empfänger zu sortieren. Viele dieser Briefe stammten von den an der Front für Deutschland kämpfenden Soldaten.
Eines Tages erhielt ich einen Schwung Briefe, die beschädigt waren. Die Neugier packte mich und ich öffnete einige und las…. Erstaunlich, welche Erlebnisse diese Männer durchzustehen hatten, welchen Entbehrungen und Ängsten sie ausgesetzt waren. Ganz besonders fielen mir die Briefe eines bestimmten Mannes auf, an seine Mutter gerichtet und von einer auffallenden Sensibilität geprägt.
An diesem schwülen Sommertag verspürte ich eine gewisse unheilvolle Spannung, denn es war bereits eine ganze Zeit lang her gewesen, seit das letzte Mal ein Brief von ihm durch meine Finger ging. Und Krieg war eben Krieg, Front war eben Front – ein ständiger Risikoherd. Wie erleichtert war ich, als ich endlich einen Brief mit der inzwischen wohlbekannten Handschrift erspähte, und riss ihn förmlich auf.
Was darin stand, gab mir einen Stich ins Herz – Heinrich, so hieß er, war angeschossen worden und lag nun im Lazarett.
An diesem Tag wurde in mir ein Entschluss geboren.
Ich wollte diesem Mann schreiben! Aber was? Warum nicht einfach liebe Grüße aus der Hauptstadt schicken! Gedacht – getan.
Es dauerte auch gar nicht lange, da bekam ich Antwort. Er schrieb, mein unerwarteter Brief habe große Freude bei ihm ausgelöst, und gern würde er mehr über mich erfahren.
So kam es zu einem regen Briefaustausch zwischen uns. Wir verliebten uns ineinander – ohne und jemals gesehen zu haben.
Mein Muttchen freute sich für mich, wenn eine gewisse Skepsis auch nicht aus ihrem Kopf herauszutreiben war.
Heinrich konnte so wundervolle Briefe schreiben, voller Gefühl und Romantik. Ich hätte furchtbar gern ein Foto von ihm gehabt! Aber es war einleuchtend, dass ein in den Krieg ziehender Soldat selten Fotos von sich mitnimmt. Andererseits war ich auch nicht dumm. Ich hatte eine Idee. Schließlich wusste ich ja die Adresse seiner Eltern. Mein Muttchen war Handelsvertreterin, sprich sie ging von Tür zu Tür und bot diverse Waren zum Verkauf an. Meine Idee nahm konkrete Gestalt an. Ich heuerte Muttchen an, eine ganz bestimmte Straße in Berlin aufzusuchen und dort ihre Waren anzubieten.
Weil – wäre sie erst mal drinnen in dem Haus, dann konnte sie sich dort ja einmal nach einem Foto von Heinrich umschauen, das sie mir dann beschreiben konnte.
Muttchen erklärte mich zwar für komplett verrückt, ging jedoch schließlich darauf ein.
„Wir kaufen nichts!“ wurde sie an besagter Adresse freundlich aber bestimmt abzuwimmeln versucht. Ihrer in unserer Familie typischen Hartnäckigkeit war es zu verdanken, dass Heinrichs Mutter sich zum Schluss um des lieben Friedens willen bereit erklärte, sich die Waren doch wenigstens einmal unverbindlich anzuschauen.
Leider ging mein Plan trotzdem nicht auf.
Sie fand kein Foto von Heinrich – zumindest nicht in dem Raum, in dem sie ihre Ware präsentieren durfte. Und irgendwie ging ihr dann dummerweise die Fantasie aus, sich einen Grund zu überlegen, sich auch noch die anderen Räume anschauen zu dürfen. Mir blieb nichts anderes übrig, als meine Ungeduld noch ein Weilchen zu bezähmen, bis ich meinen Traummann in Natura sehen durfte.
„Kind, bitte denke daran, dass er das bleiben könnte – eben nur ein Traummann, der in Wirklichkeit deinen Vorstellungen vielleicht überhaupt nicht entspricht!“
Papperlapapp, davon wollte ich nichts hören – aber auch gar nichts! Jemand, der so schöne Briefe schreiben konnte, der entsprach sehr wohl meinen Vorstellungen.
Ein paar Monate zogen ins Land, der Krieg war vorbei, und endlich war der große Tag gekommen: Heinrich durfte heimkehren. Zum ersten Mal würden wir uns persönlich gegenüberstehen.
Ich war Tage vorher zappelig und konnte den Augenblick nicht mehr erwarten.
Dann schauten wir uns zum ersten Mal in die Augen.
Das war vor 56 Jahren. Gestern, am 18. September, haben wir unseren 55. Hochzeitstag gefeiert.
Postgeheimnis? Meiner Meinung nach eine sehr, sehr dumme Erfindung von sehr, sehr dummen Leuten.