Anton und Margot
von Steffi Beckmann (Copyright)
Eisig schneidet der Frost seine Kerben in die müden Gesichter. Erschöpft und ausgezehrt kauern vor Kälte zitternd Gestalten in dem Kellerloch nebeneinander. Schmutzig, zerlumpte Elendshaufen, am Ende ihrer Kräfte. Anton versucht auf einem Fetzen Papier den Rest seiner Gedanken zu ordnen so gut es geht. Mit steif gefrorenen Fingern umklammert er einen Bleistiftstummel als ob sein Leben allein davon abhängt. Kaum leserlich kritzelt er mühevoll Buchstabe für Buchstabe. Um ihn herum tobt ein heftiger Schneesturm. Der Atem gefriert bereits kurz nachdem er verbraucht den Körper verlässt. Seine Beine spürt er schon längst nicht mehr. Den nagenden Hunger, der ihm durch die Gedärme rast umso mehr. In seinem Kopf versammeln sich die Gedanken um das Liebste in seinem Leben.
Margot, süße 19 Jahre. Lachend hatte sie ihm zugewinkt, jeden Tag wenn er auf dem Weg zur Arbeit an ihr vorbei radelte. Mehr als drei Sommer ist es inzwischen her, als er sie zum ersten Mal sah. Für ihn die ganz große Liebe. Zweifellos, sie sind füreinander bestimmt. Er hat es ihr zugeflüstert, beim Abschied auf dem Bahnsteig. Anton hatte ihr im Abfahrtsgetümmel liebevoll den kleinen goldenen Ring angesteckt. Aus strahlend blauen Augen sah sie zu ihm auf und versprach zu warten, auf seine Rückkehr. Ganz bestimmt. Der Dampf, welchen die Lokomotive bei der Ausfahrt entlud, hüllte sie zurückbleibend in eine zarte Wolke ein. Winkend entschwand sie langsam seinen Blicken. Das Bild eines Engels, so behält er sie in Erinnerung. Sein Engel.
Dicht neben ihm zerreißt das Kreischen der einschlagenden Granate ohrenbetäubend die Winternacht. Fast zeitgleich hört er den röchelnden Aufschrei seines Kameraden. Erdklumpen vermischt mit Eis und Steinbrocken prasseln auf ihn nieder. Blut rieselt durch die Reste der ehemals so stolzen Uniform. Einen kurzen Moment hebt Anton seinen Kopf. Stumpfsinnig starrt er ins Leere, während seine Finger sich um den Papierfetzen krampfen. Aus einiger Entfernung dringen unverständliche Schreie an sein Ohr. „Behrends, es hat ihn erwischt. Verdammt noch mal. Wo bleiben die Sanitäter!“. Stimmengewirr, das vom schneidenden Ton des Befehlsführenden zerbrüllt wird. „Deckung!“ Erneut reißt Kugelhagel die Realität in Fetzen. So geht es seit vielen Tagen und Nächten, ohne Pause.
„Mein Liebstes“, kritzelt Anton eilig weiter, „ gewiss wird es nicht mehr lang dauern und ich werde heimkehren, zu Dir. Wir alle werden heimkehren, schon bald. Es geht mir gut. Bitte pass auf Dich auf und verliere niemals Deine Hoffnung und Zuversicht.“ Das Flackern der Notbeleuchtung treibt Anton zur Eile. Zu viel gibt es zu sagen, nur weniges darf er schreiben. Längst hat ihn der eigene Glaube verlassen, wie viele seiner Kameraden. Jedoch kann er das den Daheimgebliebenen nicht erklären. Zumindest nicht jetzt. Sie würden sich sorgen, mehr noch als sie es ohnehin schon tun.
Zu Hause, wie das klingt. Zu Hause, fast schon hat er vergessen wie es sich anfühlt. Sein Platz ist hier. In dieser eisigen Kälte. Ohne Aussicht auf ein absehbares Ende. Oft hat er sich gefragt, nach dem Sinn des Ganzen. Anfangs war er überzeugt das Richtige zu tun. Doch schon längst plagen ihn Zweifel. „Wir werden niemals wieder getrennt sein.“ schreibt er weiter. „Wenn das hier alles vorbei ist werden wir heiraten.“ Ein stummes Lächeln lässt seine Augen für den Bruchteil einer Sekunde aufleuchten.
Maschinengewehrfeuer erhellt die Nacht. Gespenstisch erheben sich die qualmenden Ruinen des umkämpften Straßenzuges. Sturzkampfbomber haben die Stadt in Schutt und Asche gelegt. Das Gemäuer trotzt hünenhaft den immer ohnmächtigeren Angriffsversuchen der 6. Armee und dem Größenwahn ihres Oberbefehlshabers. Alles Menschliche war ihm fremd.
Als der Morgen anbrach fand man Anton am Boden kauernd und vornüber gebeugt. In seinen blau gefrorenen Fingern einen Papierfetzen überzogen von einem vereisten Rinnsal aus Blut.
Margot sitzt in eine Decke gehüllt in ihrem Wohnzimmer. Gerade hat sie die letzten Kerzen des Weihnachtsbaumes entzündet. Der Tee muss noch etwas ziehen. Im Stövchen flackert ein kleines Licht. Zärtlich und gedankenverloren streichelt sie einen mehr als 60 Jahre alten Papierfetzen. Der Feldpoststempel lässt das Datum nur schwer erahnen. Stalingrad, 24. Dezember 1942. An ihrer rechten Hand blitzt ein kleiner goldener Ring. Verheiratet war sie nie.