Das magische Dreieck, Teil 2
von Eduard Breimann (copyright)
„Morgen ist die Aufführung – und wie fühlst du dich, großer Solist? Sicher?“
„Ich glaub schon; wir haben wohl alle ein gutes Gefühl. Obwohl …“, sagte Wolf zögernd.
„Na? Was ist? Du gefällst mir nicht. Hast du was?“
„Nichts. Nein, nichts. Ach, ich weiß auch nicht. Vielleicht so was wie Lampenfieber.“
„Ja, ja! Die Künstler. Übrigens, komm heute bitte nicht wieder so spät nach Hause, ja? Um zehn Uhr solltest du hier sein. Morgen musst du ausgeschlafen sein. Triffst du dich wieder mit diesem Till und dem Micha?“
„Ja, wie immer.“
„Ich bin froh, dass du nette Freunde gefunden hast. Könnten die nicht zum Konzert kommen? Den Eintritt zahle ich. Willst du sie fragen?“
„Nein, bloß nicht. Ich meine … Du kennst sie nicht. Also, ich glaube, besser nicht.“
„Vielleicht hast du Recht. Aber du könntest die doch mal mitbringen, hier her. Ich würde die beiden gerne kennen lernen.“
„Ja“, sagte Wolf, ging zur Tür und hob grüßend die Hand. „Bis dann. Ich muss los.“
*
„Wo hast du den Pullover her? Geklaut?“
„Nein.“
„Was, nein? Lass dir nich’ jeden Scheiß raus ziehen.“
„Geschenkt. Von meinem Kumpel“, sagte Micha flach.
„Wa? Wer verschenkt Pullover?“
„Kumpel.“
„Reiche Leute, wa? Gibt’s da was – ich meine, könnte es …“
„Vater, das ist dann doch …“
„Wenn die genügend Kohle haben. Kannst dich ja mal umschauen. Haben die nu’ Kohle oder nich’?“
„Kann man nicht sagen. Seine Alte versäuft jedenfalls nicht alles und verdient was im Büro. Sein Alter is’ abgehauen, weg für immer.“
„Oh! Einsame Witwe, wa?“
„Na, auf so was wie dich wartet die bestimmt nich’.“
„Halt bloß die Schnauze, Bengel. Noch ein Wort und du kriegst eine in die Fresse. Hast wohl schon vergessen, wie’s dat letzte Mal war, wat?“
„Vergesse ich nich’, da kannst du drauf an.“
„Lass doch den Jungen in Ruhe, Walter. Der kann doch nichts dafür.“
„Wofür kann der nix? Willst du Streit haben? Kannst du sofort haben; brauchste nur zu sagen“, sagte der Mann und stemmte sich hoch.
„Hör mit dem Scheiß auf. Du kannst wohl nur prügeln, was?“, sagte Micha scharf und war fluchtbereit.
Seine Mutter saß geduckt im Sessel und nähte eine Arbeitshose. Sie blickte nur ihr Nähzeug an, sagte nichts mehr. Ihre nackten Füße steckten in riesigen Holzlatschen.
„Vom Jürgen“, dachte Micha und beneidete seinen Bruder, der schon vor einem Jahr geflüchtet war.
„Ich muss jetzt los; hab ’ne Verabredung.
„Du gehst, wann ich will, klar? Erst holste mir Nachschub von der Felsenschänke.“
„Hast du Geld?“
„Lass anschreiben. Ich krieg bald Kohle, massig – sag denen das.“
„Nein! Ich muss los. Musste schon selber mit denen klären; die geben mir nichts mehr für dich.“
„Dann gehste zum Supermarkt. Nimmst mein Rad, dann biste schnell wieder da. Die kennen mich da. Brauchst nur sagen, wär für deinen Vater. Büntgen. Alfred Büntgen.“
„Erstens haben die schon zu. Zweitens kriegst du nirgendwo mehr was auf Pump. Drittens solltest du mit dem Saufen aufhören und viertens … Leck mich!“
Micha stand schon vor der Tür, als sein Vater wütend aufschrie.
„Dat wirst du büßen! Komm du nach Hause! Dat überlebst du nich’.“
„Nach Hause? Wo ist das?“, murmelte Micha und trottete los.
Till stand vor seinem kleinen Tisch mit der Resopalplatte, schrieb und malte hastig. Er hob das Blatt an die Lampe, las noch einmal, drehte das Blatt um, legte es auf den Tisch und nickte.
Das Licht ließ er brennen, als er raus ging und schloss die Tür nicht ganz. Einen Augenblick stand er unentschlossen still, dann wendete er sich nach links, stieg die Treppe hoch und blieb im Foyer stehen. Es war still im Haus; in der Küche summte der Kühlschrank. Überall brannte Licht; er wusste, dass sie da waren.
Mit einem heftigen Knall schloss er die Haustür, sah sich nicht um und verschwand in der Dunkelheit.
*
„Wer hat Angst vorm schwarzen Mann?“, sagte Micha, als Till aus der Dunkelheit auftauchte.
Wolf und er hatten die drei Kerzen angezündet, die sie seit dem ersten Mal immer in dem gespaltenen Eichenstamm aufbewahrten.
„Niemand“, flüsterte Wolf und spürte sie trotzdem drückend in seiner Brust.
„Na, dann sind wir ja komplett. Das magische Dreieck! Ich finde, wir passen ausgezeichnet zusammen. Wir sollten uns nie mehr trennen“, sagte Till zur Begrüßung.
„Man soll nie nie sagen, sagt meine Mutter immer“, belehrte ihn Wolf.
„Kluge Mutter! Hab auch so eine. Wisst ihr, was wir heute machen werden?“
„Nicht viel“, sagte Micha, „hab keine große Lust. Hab genug zu kauen an meiner privaten Scheiße.“
„Dann bist du hier gerade richtig bei uns. Hier löst sich alles auf – auch das.“
„Ich muss spätestens um zehn zu Hause sein“, sagte Wolf. „Hab morgen einen schweren Tag.“
„Na ja! Wartet mal ab. Ich wollte eigentlich einen Spaziergang mit euch machen. Habt ihr Lust?“
„Was soll das? Rede nicht in Rätseln“, sagte Wolf.
„Keine Lust auf Spaziergang in der Dunkelheit. Lasst uns einfach nur sitzen und quatschen“, maulte Micha.
„Nein, nicht quatschen. Und auch kein Rätsel. Ihr erinnert euch doch an unser … Nun, wie soll ich es nennen? Also, an unser Gründungsgeschenk? Die hübsche Tote. Die von der Brücke gesprungen ist. Das ist gerade eine Woche her. Schade, schade. Heute ist kein Vollmond; aber wenigstens sternenklarer Himmel. Macht auch ein gutes Bild.“
„Was meinst du?“, fragte Wolf.
„Habt ihr es gelesen? Und ihr Bild? Mann, die war vielleicht hübsch! Siebzehn, so alt wie du Micha.“
„Ich lese keine Zeitung. Haben wir gar nicht. Hab ich auch keine Zeit für.“
„Ha! Und was machst du den ganzen Tag?“, fragte Wolf. „Ich hab sie gesehen. Mir ist schlecht geworden, als ich das Bild sah. Total zertrümmert, schrieben die. Mann, wenn die wüssten …“
„Aufhören! Ich will mit euch auf die Brücke. Nach ganz oben, genau in der Mitte. Da, wo sie gestanden hat, als sie gesprungen ist.“
„Nein! Da darf man nicht rauf – du weißt das! Die haben vom Grenzschutz Kontrollposten eingerichtet. Die erwischen uns und dann gibt’s was.“
„Und Zäune haben die letzte Woche gemacht, ziemlich weit an der Bahnstrecke entlang. Da muss man einen riesigen Umweg machen, um auf die Brücke zu kommen.“
„So? Vertraut mir. Ich hab’s mir angesehen. Ich hab eine Taschenlampe dabei. Macht die Kerzen aus. Wir gehen sofort los, dann kommt Wolf noch rechtzeitig ins Heiabettchen. Ach, habt ihr unsere Strippen dabei? – Gut. Dann los.“Sie atmeten schwer, als sie auf dem Hügel ankamen; vor ihnen lag die Brücke im matten Licht der Sterne. Nur die ersten Meter konnten sie überblicken; die glänzenden Schienenstränge verschwanden in der Nacht.
„Kommt! Vorwärts! Ihr wollt doch früh nach Hause, oder?“
Sie rissen sich zusammen, atmeten tief durch und gingen langsam weiter. Till führte sie an, ließ hin und wieder die Lampe aufblitzen. Nach gut zweihundertfünfzig Metern hatten sie den Mittelpunkt der Brücke erreicht.
Sie hatten nur noch Augen für den Ausblick in das Tal. Trotz der Dunkelheit ahnte man die tiefe Schlucht. Weiter hinten erblickten sie die flirrenden Lichter der Häuser. Daneben wuchteten sich links und rechts die Wälder hoch, die schwärzer waren als ihre Umgebung.
„Geh nicht so dicht an den Rand“, sagte Micha und machte einen Schritt zurück. „Mir wird schwindelig, wenn ich da runter gucke.“
„Hab dich nicht so; musst du überwinden, sonst hast du dein Leben lang Probleme“, sagte Till und stieg auf die Mauer.
„Bist du blöde?“, flüsterte Wolf. „Komm runter!“
„Ich kann fliegen!“, rief Till und breitete die Arme aus.
„Mach keinen Quatsch, Blödmann!“, schrie Wolf. „Komm, lass dich verknoten, sonst fällst du runter.“
Till sprang von der Mauer und sie banden sich die Enden der Seile um die freien Handgelenke.
„Das magische Dreieck!“, sagte Till feierlich. „Ja. Es wird in die Geschichte eingehen. Wir schreiben Geschichte!“, rief er mit lauter Stimme.
„Ja? Wie denn, du Geisterbeschwörer“, fragte Micha.
„Wenn es soweit ist, wirst du es wissen.“
„Am Tage müsste man mal hier rauf. Ist bestimmt noch schöner“, sagte Wolf und überlegte, ob er seine Mutter wohl dazu überreden könnte.
„Eher nicht“, dachte er leicht enttäuscht. „Vielleicht mal mit einem Mädchen? – Später, alter Junge. – Vielleicht!“
Till zog an seinem Seil, spannte die Verbindungen zu Wolf und Micha.
„Zieht, so feste ihr könnt.“
Sie zogen, stemmten ihr Beine in den Boden. Till nickte zufrieden und zog sie zur Mauer.
„Hier! Hier war’s. Man sieht die Kreidezeichen, die die Bullen gemacht haben. Hier – und hier. Schaut mal da runter, da – da hinten. Da haben wir vorige Woche gesessen und das Mädchen gesehen. An dieser Stelle stand sie auf der Mauer.“
Er beugte sich vor und küsste den Stein. Langsam zog er die beiden Jungen heran und beugte sich über die Mauer.
„Kommt, schaut mal nach unten. Was seht ihr? – Nichts! Ein unendliches Loch. Da unten ist die Hölle – oder? Oder ist die Hölle da oben?“, rief er und zeigte zu den Sternen. „Hoppla! Ist vielleicht schon alles umgekehrt, alles anders herum gedreht worden? Haben wir’s nicht bemerkt? Sind wir vielleicht schon tot? Oder beginnen wir gerade erst zu leben? Weiß wird schwarz, tot wird lebendig, hoch wird tief, Angst wird zu Glück.“
„Mann, komm zu dir! Lass uns abhauen, es wird Zeit. Wenn jetzt einer von den Bullen …“
Nein, Micha! Nein! Zuerst noch die Mutprobe. Angst! Angst gegen Mut. Ja! Das Mädchen hatte Mut. Sie hatte Angst. Aus Angst wird Mut. – Sie stand auf der Mauer – alleine! Kommt, wir drei stehen gleich zusammen da oben.“
„Bist du verrückt?“, schrie Wolf und fühlte seine Beine nicht mehr.
Etwas stimmte nicht; die Luft war schwer, viel zu schwer. Mühsam zog er den Atem ein, fühlte das Brennen in der Brust, als hätte er Bronchitis.
„Nein! – Till! – Nein!“ Wolfs stimme klang hohl und jedes Wort klang wie ein Hilferuf.
„Wieso? Hast du Angst? Denk daran: Aus Angst wird Mut. Das magische Dreieck! Hast du es vergessen? Wir sind verbunden bis in den Tod.“
„Nein, ich will da nicht rauf. Verdammt, kapier das doch.“
„Es kann doch nichts passieren.“
Leichtfüßig sprang Till auf die Mauer und zog an den Seilen. Sie spannten sich; Wolfs und Michas Füße stemmten sich in den Boden. So standen sie lange, verbunden mit ihren Seilen und starrten sich an.
„Kommt, meine Freunde, kommt. Vertraut mir. Wir sind durch mehr verbunden als durch diese Strippen. Kommt“, sagte er leise, mit singender Stimme und zum ersten Mal hörten sie etwas, was seine kalte, emotionslose Stimme sonst nie hergab – Wärme und Gefühl.
Langsam gaben sie nach, die Seile wurden schlaff. Zentimeterweise näherten sie sich der Mauer und blickten hoch in das weiße Gesicht ihres Freundes.
„Na also! Ich wusste doch, dass ihr ganze Kerle seid. Hoch!“, sagte Till und die Wärme in seiner Stimme war spürbarer als je zuvor.
Jetzt zögerten sie nicht mehr, kletterten auf die Mauer, Micha auf Tills rechter, Wolf auf seiner linken Seite.
„So ist es gut! Tief durchatmen! Schaut ins Land. Seht nur, die Sterne flimmern so klar; so hab ich sie noch nie gesehen. Still! Seid ganz still und genießt diesen Augenblick.“
Sie standen und schauten. Ein leichter Wind, kühl und feucht, strich die Hänge herauf, erfasste ihre Haare; Michas Cowboyhut wirbelte etwas hoch.
„Schön“, flüsterte Wolf.
„Ja, ja! Das ist er! Er ist da!“
„Wer?“
„Ich liebe … Ich hasse … Liebe ich? – Hasse ich? – Wen liebe ich? Wen hasse ich? – Oh ja! Ich liebe – nur mich?“, schrie Till in den Wind, lachte und lachte, immer lauter und wüster.
„Was redest du? Wir haben hier keine Satansanrufung, Till“, sagte Wolf, aber der sah starr in den Himmel.
„Was dich liebt, das tötet dich; darum töte, was du liebst!“
Seine Stimme überschlug sich und als er wieder lachte, greller noch als vorher, konnte man ihn dazwischen weinen hören.
„Hör auf, Till. Komm, lass uns aufhören. Spring runter“, flehte Wolf. „Bitte, ich hab genug.“
„Ja! Ja! Lasst uns springen! Satan, wir kommen!“, rief Till mit vor Glück versagender Stimme.
Er flog, bis die Seile sich spannten, riss Wolf und Micha mit sich, die ihm kopfüber nachstürzten, dem Abgrund entgegen.
Niemand schrie. Sie flogen still zur Erde und die Seile bildeten mit den Körpern ein schönes Dreieck, das sich nicht mehr verformte.
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