Wer mit dem Herzen sieht

von Monika Hertli (Copyright)

An jenem Tage, als er aus seinem Stamm verbannt wurde, weil er sich für die beinlose alte Frau eingesetzt hatte, die wiederum ihrerseits das Verbot, in der Nacht des Vollmonds keine Wünsche des Herzens auszusprechen, nicht beachtete und deshalb ebenfalls aus der Mitte der Gemeinschaft verbannt wurde, schien die Sonne in solch gleissendem Lichte, dass er sich nicht traute, sie anzusehen, um den Sonnengott nach Rat zu fragen.
Zwar hatte er keine Zweifel, ausserhalb seines Stammes zu überleben, schliesslich war er bis zum heutigen Tag ein angesehener Krieger gewesen, der keine Gefahr scheute und wusste, wie er in der Wildnis überleben konnte. Viel mehr plagten ihn zwei Fragen. Sollte er sich auf den Weg machen um die Alte zu finden, welche mit Sicherheit keine drei Tage ohne den Stamm überlebte? Und wenn er dies tat, würde es ihm die Missgunst der Götter einbringen, wenn er denn nicht schon genug Ärgernis bei den Beschützern und Hütern seines Lebens hervorgerufen hatte, dass es einerlei war, für welchen Weg er sich entschied?
Vielleicht schien die Sonne gerade deshalb mit solchem Feuer, dass er sich keinen Rat einholen konnte und für einmal so entscheiden musste, wie ihm sein Herz stand. Als er vor sich am Boden zwischen den dürren Gräsern eine Handvoll Nüsse entdeckte, war er sich sicher, dass dies, was er tun würde, das Richtige war und die Götter sein Vorhaben unterstützen.
Er hob alle Nüsse bis auf eine auf, dankte den Göttern des Haselstrauches dafür, dass sie diese Gaben vor ihn gelegt hatten um ihm seinen Weg zu zeigen und machte sich auf die Suche nach der beinlosen Frau.

Er fand sie einige Stunden später, die Sonne stand bereits im Zenit. Liegend zwischen riesigen von Moos überzogenen Felsbrocken inmitten des weitläufigen Waldes, in der Nähe des grossen Flusses, halb irr vor Durst, streckte sie die Hand nach ihm aus.
„Junge,“ sprach sie mit zitternder Stimme, so dass er förmlich hören konnte, wie ihre Kehle nach Wasser schrie, das kühl und belebend ihren Hals durchspülen würde, damit ihre Worte besser fliessen konnten.
Er kniete zu ihr nieder und hob den Zeigefinger vor seinen Mund.
„Keine Angst,“ sagte er, „ich bin gleich wieder da.“
Er stand auf und sprang zum Fluss, dessen Rauschen den gewaltigen Durst der alten Frau nicht einfacher hatte ertragen lassen. Dort kniete er nieder und riss ein Stück Stoff seines Hemdes heraus. Das Hemd war nebst seinem Lendenschurz das einzige was man ihm gelassen hatte. Und nun zerstörte er es, um einer alten Frau, deren verbleibende Lebensjahre er an einer Hand abzählen konnte, exakt diese Lebenszeit zu schenken. Als ein Fisch genau vor seine Füsse ans Ufer sprang, traute er zwar im ersten Augenblick seinen Augen kaum, dann packte er das Tier jedoch und schlug es mit voller Wucht über die Kante eines neben ihm befindlichen Felsbrockens. Er betrachtete die in allen Farben des Regenbogens schimmernden Schuppen des Geschöpfes und dankte dem Wassergott für sein Zeichen, dass dies, was er tat, das einzig richtige war. Dann tauchte er das Stück Stoff in das kühle, klare Wasser des Flusses und trug es mit beiden Händen triefend nass wie es war zur alten Frau. Sie sog gierig und mit grossen Augen das Wasser aus den Fasern des Stoffes bis diese nichts mehr hergaben.
„Danke“ sagte sie, diesmal mit klarer Stimme und sie senkte den Kopf um ihm den gebührenden Respekt zu erweisen.
Mit seiner rechten Hand hob er ihr Kinn, sodass ihre Augen direkt in die seinen schauten.
„Es ist gut“ sagte er und nickte dabei, um ihr unmissverständlich klar zu machen, dass er dies genau so meinte.
„Nicht nur für das Wasser. Auch für deine gutgemeinten Worte beim Stammesoberhaupt, welche dir Verbannung und den sicheren Tod brachten“ fuhr sie unbeirrt fort.
Er schüttelte energisch den Kopf.
„Das Ergebnis deines oder meines Fehlverhaltens wird nicht der Tod sein“ sagte er in solch überzeugendem Ton, das sie ihm auf der Stelle glaubte und ihr Herz mit solch aufrichtiger Dankbarkeit erfüllt wurde, dass sie den Tränen nah war.
Mit weiteren Stofffetzen seines Hemdes verband er ihre blutenden Wunden an Ellbogen und Unterarmen. Man hatte sie wie ein Stück Holz am Waldrand zu Boden geworfen und da sie bereits in jungem Alter beide Beine verloren hatte, war sie ungefähr auch etwa so hilflos wie ein Stück Holz. Dennoch hatte sie sich mit aller Kraft die in ihren Armen steckte, soweit in den Wald hinein geschleppt, dass sie es beinahe bis an den Fluss geschafft hätte, welcher auch ihr letztes Ziel gewesen wäre.
Er gab ihr einige Nüsse zur Stärkung, hob sie dann hoch und trug sie auf beiden Armen, wie eine Braut. Sie war nicht besonders schwer und so hoffte er, es bis zum Einbruch der Dunkelheit auf die andere Seite des Waldes zu schaffen. Er wollte so weit wie möglich weg von seinem Stamm, von den Menschen, die ihn und die Alte verbannt hatten, sie aus ihrer Mitte verstossen hatten, weg vom Schutz des grossen Stammgottes, direkt in die Arme ihres eigenen Schicksals. Er war nicht wütend auf den Stamm. Sie hatten so gehandelt, wie sie bei jedem anderen auch gehandelt hätten. Nur mit der Frau hätten sie umsichtiger sein können. Schliesslich weiss jeder, dass bei manchen alten Menschen dichte Wolken die Klarheit des Geistes umschweben, so dass deren Gedanken und Handlungen wie die eines Kindes werden. Und Kinder vergessen manchmal, dass es Verbote gibt. Sie lernen erst, sich an gewisse Regeln zu halten und werden bei Verstössen nicht direkt aus der Stammesmitte verbannt.

Als die Sonne die letzten roten Strahlen über den Horizont schickte um die Wolken am Himmel in satten Purpur zu tauchen, erlangte er die andere Seite des Waldes. Am Waldrand suchte er trockenes Reisig zusammen und bald brannte ein kleines Feuer, welches ihre Träume wärmen würde. Zuerst aber briet er den Fisch darüber und teilte diesen mit der Alten.
Als sie fertig gespiesen hatten, liess er sich neben dem Feuer nieder und kreuzte seine Beine.
„Und nun erzähle mir deinen Herzenswunsch!“ forderte er die Alte auf, welche auf der anderen Seite des Feuers lag, zugedeckt mit den Resten seines Hemdes, weil die Kälte der Nacht bereits in ihre alten Knochen gekrochen war um den Saft der Gelenke zu stehlen.Die Frau hob den Blick gegen den Himmel und erblickte dort den Mond, der nicht mehr ganz voll war.
„Vor fünfhundertneunundneunzig Monaten küsste ich zum letzten Mal meinen Liebsten, welcher in einem Stamm geboren wurde, der mit dem unseren verfeindet war. Jemand hatte uns verraten und so wurden wir getrennt und bestraft. In der letzten Nacht versprachen wir uns jedoch, in sechshundert Monaten, wenn unsere Tat verjährt sein würde, uns an genau jenem Ort wieder zu treffen, an welchem sich unsere Hände zum letzten Mal berührt hatten.
In 30 Tagen sind sechshundert Monate vorüber. So bat ich darum, dass mich ein junger Krieger tragen würde.“
Er sah, wie eine Träne in den Staub fiel und fragte:
„Und wieso hast du nicht eine Nacht gewartet um deinen Wunsch zu äussern? Du musst doch gewusst haben, dass Wünsche des Herzens in der heiligen Nacht des Vollmondes verboten sind?“
Sie sah ihn durchdringend an.
„Wenn du jemals geliebt hast, wirst du das Fieber des Herzens kennen, welches dir jeden Funken Verstand raubt. Deine Gedanken drehen sich nur noch um diesen einen Wunsch, der brennend in deiner Brust sitzt und schmerzt, so sehr schmerzt…“ sagte sie und schüttelte dabei den Kopf, als könnte sie das Leid nicht in Worte fassen.
Er senkte den Blick, beinahe beschämt.
Einmal erblickten seine Augen am Ufer des grossen Flusses ein schönes Mädchen und dieses Mädchen war so unglaublich liebreizend, dass er seine Augen nicht von ihm abwenden konnte. Aber er erahnte, dass jemanden zu lieben, etwas anderes bedeutete, als seinen Blick nicht von der Angebeteten lassen zu können.
Er hatte das Mädchen nach wenigen Tagen vergessen und sich wieder auf die Jagd und die stattfindenden Kampfwettbewerbe konzentriert. Das war bestimmt keine Liebe gewesen.
Die Frau merkte, dass er sich nur vage vorstellen konnte, wovon sie sprach.
Sie legte die rechte Hand auf die Stelle ihrer Brust, worunter sich ihr Herz befand und sagte:
„Hier brennt der Schmerz, der grösser ist, als es jener war, als sie mir meine Beine nahmen, zur Strafe, dass ich den falschen liebte.“
Er richtete sich ruckartig auf und starrte sie mit ungläubigen Augen an.
„Sie nahmen dir deine Beine weil du einen falschen liebtest?“ rief er aufgebracht.
Die Alte nickte.
„Ich hörte, dass sein Stamm ihm zur Strafe die Zunge abschnitt. Er wird mich dafür hassen, denn er war ein Geschichtenerzähler und wie soll er ohne Zunge berichten können, was ihm im Traum einfiel?“
Sie schloss die Augen und eine weitere Träne fiel zu Boden.
„Hasst du ihn dafür, dass du seinetwegen deine Beine verloren hast?“ fragte er.
„Keine einzige Sekunde“ antwortete sie und fragte dann hoffnungsvoll, den Sinn seiner Frage verstehend:
„Denkst du, er wird in einem Monat dort sein, wo wir auseinander gingen?“
„Ganz bestimmt“ antwortete er und war zutiefst überzeugt davon, was er sagte. Und in diesem Augenblick wusste er, wo sein Ziel lag und was es war.

In dieser Nacht träumte er schwer und es schien als hätten sich die Träume auf seinen Augenlidern niedergelassen, denn als die Sonne am nächsten Morgen ihre Strahlen über den Horizont schickte um das Land zu wecken, konnte er seine Augen beinahe nicht öffnen. Er hob die Hände schützend vor sein Gesicht und blinzelte ins helle Licht. Kaum konnte er sich an eine Nacht erinnern, in der er schlechter geschlafen hatte, als in der vergangenen. Es war für ihn auch nicht sehr verwunderlich, dass ihm so schwer um sein Herz wurde, wenn er daran dachte, in Zukunft alle seine Nächte allein, (abgesehen von seiner Begleiterin) fernab vom schützenden Kreise seiner Familie zu verbringen. Sein Bruder, der ihm stets zur Seite stand und seine Mutter, die mit ihren wachsamen Augen immer wusste, wie es um ihn stand, fehlten ihm sehr. Dann aber dachte er daran, dass sie ihn genau so verstossen hatten, wie alle anderen seines Stammes und er wurde auf einmal wütend, weil er doch nur so gehandelt hatte, wie es für ihn richtig war. Er konnte sich genau erinnern, wie er in den Kreis getreten war, als man beschlossen hatte, die Beinlose zu verbannen um kund zu tun, dass er dies für falsch hielt. Er sagte, dass sie so hilflos sei wie ein Säugling und qualvoll sterben müsste. Sie hatten ihn verflucht, weil er den Zorn des Schutzgottes geweckt hatte, indem er eine Verbannte verteidigte und sich so gegen Stammesgesetze stellte. Einige hatten Steine nach ihm geworfen, seine Mutter hatte beschämt den Blick von ihm abgewandt und sein Bruder hatte ihm vor die Füsse gespuckt. Als er den Blick des Stammesoberhauptes suchte, um darin Gnade erkennen zu können erhoffte, deutete dieser lediglich mit ausgestrecktem Arm Richtung Wald, welcher ausserhalb des heiligen Kreises des Stammes lag. Damit war sein Schicksal besiegelt. Er hatte seinen Speer abgelegt und seinen Schmuck ins Feuer geworfen.
„Denk nicht daran zurück“ sprach die Frau in die morgendliche Stille hinein, als sie an seinem zornigen Gesichtsausdruck erkannte, woran er dachte und riss ihn aus seinen Gedanken. Allmählich konnte er etwas klarer sehen und er erhob sich von seiner Schlafstelle.
Er bot ihr etwas von den restlichen Nüssen an, aber sie wollte nichts essen, weil ihr Magen kitzelte vor Aufregung. Es verblieben neunundzwanzig Tage bis zum entscheidenden Tage und sie mochte weder am nächsten Morgen, noch am übernächsten Morgen, noch an jedem weiteren Morgen etwas zu sich nehmen. Sie speiste lediglich am Abend etwas von dem Kaninchen, welches er tagsüber erlegt hatte oder von den Wurzeln, welche er, stets dem Erdgott dankend, aus dem Boden grub. Sie schien auch schlecht zu schlafen, denn jedes Mal, wenn er während der Nacht erwachte, weil ihn ein Traum plagte, lag sie da und starrte mit offenen Augen ins Feuer, manchmal schluchzend, manchmal lächelnd. Das einzige was sie wirklich wollte, war, ihm zu erzählen, was ihr Herz fühlte. Tag für Tag trug er sie auf seinen Armen und sie erzählte ihm davon, wie stark die Liebe atmen konnte. Sie atmete so stark, dass sich sämtliche Haare am Körper aufrichteten, wenn ihr Atemzug das Herz streifte. Und sie erzählte davon, wie eine unbekannte Macht die Kraft aus ihren Kniegelenken (als sie noch welche hatte) nahm, und wie sie schwitzte ohne Anstrengung, beim blossen Gedanken an ihren Liebsten.Manchmal fragte er sie, ob die Liebe so etwas wie eine Krankheit sei, weil diese Anzeichen für ihn darauf hindeuteten, dass sie unter hohem Fieber litt, da sie von Schüttelfrösten und Schweissanfällen gleichzeitig geplagt wurde.
Aber sie lachte über ihn, weil er fragte wie ein Kind, dass nicht begriff wie ein Regenbogen entstand und sie meinte, dass wirklich krank nur der sein konnte, der so etwas zu fühlen nicht zuliess, weder bei sich, noch bei anderen. In solchen Momenten verdunkelte sich ihr Blick und er konnte sehen, wie ihre Gedanken zurückschwebten an jenen einen Tag, an dem sie alles verlor, was ihr lieb war. Dann fragte er, wie ihr Angebeteter denn so war und ihre Augen verwandelten sich im selben Augenblick wieder in zwei leuchtende Sterne. Sie erzählte, wie sein schwarzes Haar in der Sonne fast blau schimmerte, wie seine Augen strahlten, während er seine Geschichten erzählte und wie sein Lachen ihre Seele im tiefsten Inneren zu berühren wusste.
Während er sie Tag für Tag auf seinen starken Armen trug und sie ihm erzählte und erzählte, erkannte er unter ihren unzähligen Falten und Furchen im Gesicht ihre einstige Schönheit, die bestimmt auch ihn bezaubert hätte, wenn sie denn in seinem Alter gewesen wäre. Nun aber hatten die Jahrzehnte fast alle ihre Zähne geraubt und ihrem Haar die Farbe genommen. Dennoch aber konnte er erahnen, dass sie bestimmt genau so schön gewesen war, wie das Mädchen damals, am grossen Fluss. Er wünschte ihr wirklich aus tiefstem Herzen, dass am besagten Tag, ihr Liebster unter der alten Eiche, wenn diese noch stand, warten würde, genauso abgemagert, weil er nichts essen mochte und ebenso übernächtigt, weil er vor Aufregung keinen Schlaf finden konnte.

Als sie am Abend des neunundzwanzigsten Tages das Tal betraten, in welchem der Fluss entsprang, dem sie gefolgt waren und an dessen Quelle die alte Eiche stehen sollte, war die Sonne bereits untergegangen und die ersten Sterne schenkten dem Himmel ihr bezauberndes Schimmern. Aber sie brauchten auch kein Sonnenlicht mehr, um zu erkennen, dass die alte Eiche nicht mehr stand. Stattdessen wuchs an ihrer Stelle eine junge Buche, die sich genüsslich am frischen Quellwasser labte und in der täglichen Sommersonne prächtig gedieh. Er hoffte, dass dies ein Zeichen des Waldgottes war, welches bedeutete, dass ihre Reise nicht umsonst war. Er wollte sich nicht ausmalen, was geschehen würde, wenn der morgige Tag vorüber war und der einzige Wunsch der alten Frau unerfüllt blieb.
Diese Nacht schlief er genau so wenig wie die Alte, zu aufgeregt war er und deshalb lagen sie gemeinsam wach und starrten in den Himmel, wo der Vollmond so mächtig leuchtete, als wäre es die letzte Nacht, in der er dies tun durfte. Und als er unterging und der Sonne die Hand zum Grusse reichte, lagen sie noch immer wach. Als der Morgen vorüber war, schlief die Alte ein und es erweckte den Anschein als wäre sie gestorben. Am frühen Abend erwachte sie wieder und erkannte am Blick ihres Begleiters, dass sich ihr Wunsch noch nicht erfüllt hatte. Er hielt ihre Hand, als die Sonne unterging und sie weinte bittere Tränen.
Dann aber hielt die Welt den Atem an und aus dem nahegelegenen Unterholz trat eine Gestalt. Im strahlenden Rot der untergehenden Sonne, war nur ein Schatten zu erkennen, welcher sich etwas gebückt und schwerfällig auf sie zu bewegte. Dennoch schlugen ihre Herzen laut und heftig und der Gesang der Grillen verstummte.
Als die Gestalt unmittelbar vor ihnen stand, erkannte die Frau in ihr ihren Angebeteten und sie streckte schwach eine Hand nach ihm aus, welche er lächelnd ergriff. Seine Augen strahlten durch die Dämmerung und schienen tausend Worte zu sprechen, welche nur das Herz lesen konnte.

Der junge Krieger entfernte sich in dieser Nacht von den Beiden und kehrte erst am späten Morgen zu ihnen zurück.
„Sieh,“ sprach die Alte ihn an und lächelte dabei, „er ist ein Geschichtenerzähler geblieben – auch ohne Zunge!“ Sie deutete auf etliche Lederstücke, die ausgebreitet vor ihnen auf der staubigen Erde lagen. Auf ihrer Oberfläche waren mit roter Farbe kleine Zeichen aufgemalt, die Geschichten erzählten, von Kriegen zwischen verfeindeten Stämmen, von Hungersnöten, paradiesischen Orten und von Geistern und Göttern.
„Und diese hier,“ sagte sie und hielt in beiden Händen ein besonders grosses Stück Leder, „diese ist für dich bestimmt. Er hat sie auf der Reise hierher geschrieben um seine Gedanken zu bändigen.“
Als sie ihm das Leder überreichte, erkannte er in ihren Augen tiefste Dankbarkeit und er wusste, dass er den richtigen Weg gewählt hatte.
Er breitete die Geschichte vor sich aus und las darin von einem jungen Krieger, der verbannt wurde, weil er sich für das Recht einer alten, beinlosen Frau eingesetzt hatte. Denn der junge Krieger hatte die Gabe, mit dem Herzen zu sehen und mit dem Herzen sieht man jene Dinge, die den Augen verborgen bleiben.

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