Ein Professor

von Annika Senger (Copyright)

Ich bin nicht der, auf den sich der Titel dieser Geschichte bezieht, liebe Leser. Wenn Sie möchten, nennen Sie mich Hans, Klaus, Stefan oder meinetwegen auch Ishmael. Tatsache ist, daß ich im Rahmen der folgenden Ereignisse keine wesentliche Rolle spielen werde und deshalb mein Name nur von untergeordneter Bedeutung sein wird. Das Objekt meiner Beobachtungen ist laut Ansicht meiner Kommilitonin Maren rein menschlich eine Katastrophe und besserwisserisch. Allerdings muß ich zugeben, daß ich Maren nur flüchtig kenne und ich auch nicht Mitglied diverser Gremien bin. Ich bin mir nicht sicher, ob ich Professor F. recht tue, wenn ich ihn als „elitären Platzhirsch“ bezeichne. Genauso wenig weiß ich, ob er sich wirklich binnen kürzester Zeit im gesamten Fachbereich unbeliebt gemacht hat. Das alles sind Marens persönliche Eindrücke. Meine eigenen beschränken sich auf dieses Seminar, in dem ich gerade wie ein nasser Sack hocke. Ich bin neu in dieser Stadt, und die Uni-Gebäude sind mir immer noch ein Buch mit sieben Siegeln. Es ist kurz nach 18 Uhr 30. Dunkelheit hängt wie schwarze Außengardinen vor den Fenstern des grauen Betonschmuckkastens, wo wir uns zu 45st zusammengefunden haben. Unfreiwillig gähnend fresse ich die verbrauchte Luft des Seminarraums. Immer noch halte ich es für eine bodenlose Gemeinheit, ein Hauptseminar im Wintersemester um 18 Uhr 15 starten zu lassen. Mein Körper wird sich wohl niemals daran gewöhnen; schließlich bin ich nicht der Stereotyp eines Studierenden, dessen Nacht um 17 Uhr endet. Hier im Seminar besteht mein Kopf nur noch aus feuchter Glibbermasse, die meine Gedanken verklebt, bevor sie überhaupt gedacht werden. Ich drohe, an der eisigen Klammheit meiner Hände zu erfrieren, und mir wird klar, daß ich nicht aktiver Teilnehmer bin, sondern lediglich stiller Beobachter. Aus den Augenwinkeln folge ich den Bewegungen eines greisen Herrn Ende 30. Den Großteil seines bisherigen Lebens hat er in engen, düsteren Räumen über dicken Wälzern verbracht. An seinen braunen Anzügen ist der Geist der Zeit vorbeigezogen, ohne jemals darin einzukehren. Wo tiefe Gedanken walten, da wachsen keine Haare mehr, wie das Sprichwort besagt. Professor F.‘s Erscheinung beschreibt es ziemlich treffend. Sein schwarzes Haar ist so schütter, daß es seine rosa Kopfhaut schamlos enthüllt. Rein äußerlich fügt er sich ohne sich biegen zu müssen in meine Schablone eines stereotypen Professors ein. Achten Sie einmal darauf, liebe Leser, in unzähligen Filmen werden Professoren und andere sogenannte Intellektuelle grundsätzlich mit Brille dargestellt. Und so leidet auch Professor F. an einer Sehschwäche, wie mir seine viereckige schwarze Kunststoffbrille andeutet. Der Klang seiner Stimme dringt immer noch wie ein Fremdkörper in meine Magengrube ein. Ich kann nicht anders, als Professor F.‘s Stimme mit den Lauten künstlicher Intelligenz zu assoziieren. Wenn ich die Augen schließe, was in diesem Seminar oftmals automatisch passiert, sehe ich einen silbergrauen Roboter vor der Tafel abgehackte Bewegungen ausführen.
Ein Roboter mit einer leichten Fehlfunktion, denn Professor F. hat die unüberhörbare Neigung, jeden zweiten Satz mit Füllwörtern wie „äh“ zu bereichern oder Präpositionen dreimal zu wiederholen, bevor er mit seinem Satz fortfährt.
Sobald er das Seminar mindestens zehn Minuten überzogen hat, huscht er mit flinken Trippelschritten aus dem Gebäude und mischt sich unter die wartende Bevölkerung an der Straßenbahnhaltestelle. Die Kapuze seines mintgrünen Anoraks hat er weit über sein von Kahlheit bedrohtes Haupt gestülpt. In der Dunkelheit ist sein Gesicht für uns studentische Untergebene nur noch schwer zu erkennen, weil der Saum seiner Kapuze Schatten auf seine blasse Haut wirft. Bis die Straßenbahn an der Haltestelle einrollt, richtet er seinen Blick unbeirrt auf die Pflastersteine. Er wolle nach dem Seminar noch zum Fitneßtraining fahren, hat er seiner Frau erzählt. Jeden Montag regelmäßig ab 20 Uhr 15. „Du brauchst mit dem Essen nicht auf mich zu warten, Schatz“, hat er ihr zu verstehen gegeben und einen flüchtigen Schmatzer im Vorbeigehen auf ihre Wange gedrückt. „Aber morgen gehen wir auf dem Weihnachtsmarkt Riesenrad fahren, oder, Papa?“ hat ihn seine fünfjährige Tochter mit großen Augen um einen kleinen Fetzen seiner Zeit angebettelt. „Am Wochenende, Schnecke. Wenn Papa frei hat, fährt er mir dir so viel Karussell wie du willst.“ Wenigstens scheint Professor F. seinem Wort treu zu bleiben, denn letzten Samstag bin ich ihm zufällig auf dem Weihnachtsmarkt begegnet. Zweimal, um genau zu sein. Am Kinderkarussell sah ich ihn liebevoll seiner Tochter hinterherwinken und eine gute Viertelstunde später beide zusammen ins Riesenrad einsteigen. Während Professor F. aus der Straßenbahn steigt, klettert die Kleine in ihr Bett und wartet schon gespannt darauf, daß ihre Mutter ihr zum fünfzigsten Mal Rotkäppchen vorliest.
Eine Frau mit welligem roten Haar öffnet Professor F. die Tür eines Fachwerkhauses am Stadtrand. Schräg gegenüber kämpft der wohl letzte Tante-Emma-Laden in der gesamten Region standhaft ums Überleben. Die Fenster der Wirtschaft „Zur Deutschen Eiche“ sind spärlich erleuchtet. Vom weiten strahlt der Himmel über dem Stadtzentrum orange, und Professor F. kriecht unter die nächtliche Decke des eingemeindeten Dorfes. „Hallo Gina“, begrüßt er die Frau mit gedämpfter Stimme.
„Lady Gina!“ faucht sie ihn an. „Wie kannst du es wagen, deine Herrin wie deinesgleichen anzureden?“
Sie trägt einen dunkelroten Seidenkimono, unter dem spitze schwarze Lacklederstiefel mit zehn Zentimeter hohen Absätzen hervorragen. Lady Gina packt Professor F. am Kragen, zerrt ihn ins Haus und schließt hinter sich die Tür. „Auf die Knie, Hündchen!“ befiehlt sie ihm streng. Ihre grünen Katzenaugen schleudern Blitze gegen seine beschlagenen Brillengläser.
„Ich bin Professor an der hiesigen Universität“, stammelt er zaghaft. „Und Sie, Sie erinnern mich an Maren. Maren, wissen Sie, eine Studierende aus der Fachschaft. Maren, die immer gegen meine Ideen wettert.“„Wer wird denn da gleich unartig?“ zischt sie. „Wenn du nicht sofort in dein Körbchen krabbelst, sehe ich mich gezwungen, dich hier im Flur zu bestrafen. Und wenn ich das gemacht habe, schicke ich dich ohne Freßchen zurück auf die Straße. Willst du das wirklich?“
„Nein, Herrin! Bitte laßt mich bleiben!“ fleht er sie mit hohem Roboterstimmchen an. „Ich bin bereit, jeden deiner Befehle auszuführen! Schickt mich bloß nicht zurück in die Kälte!“
Ihr Ton sänftigt sich: „Schön. Ich wußte, du würdest Lady Gina gehorchen. Also ab ins Körbchen!“
Willig senkt Professor F. seinen ungelenken Körper in Krabbelhaltung. Auf allen Vieren trabt er über den braun-orange gemusterten Linoleumboden zur Tür am Ende des Flures und bellt: „Wuff! Wuff! Wau! Wau! Laßt mich rein in eure gute Stube, Herrin!“
„Bist ein braves Hündchen, Waldi. Aber wer hat denn da gerade vergessen, „bitte, bitte“ zu sagen?“
„Bitte, Herrin! Bitte öffnet mir die Tür!“
„Mach‘ sitz, Waldi!“ schleudert sie ihren Befehl mit dem Hochmut einer Lady auf ihn herab. Professor F. tut wie ihm befohlen und hechelt mit ausgestreckter Zunge.
„Hast du aber eine schöne rosa Zunge“, herzt sie ihn und streichelt seinen Kopf. „Ich will, daß du mir damit meine Stiefel leckst, bevor ich dir erlaube, durch diese Tür zu gehen!“
„Das… Das kann ich nicht, Herrin! Stiefel sind schmutzig… Von… von Bakterien überwuchert!“ protestiert er mit dünnem, schüchternen Stimmchen.
„Soll ich dir zeigen, wie schmutzig die Stiefel von Lady Gina sind? Willst du das wirklich wissen?“ braut sich ein Gewitter in ihrem Ton zusammen. Sie zögert nicht, mit ihren Stiefeln über Professor F.s zarte Hände zu spazieren. Man hört kurz die Knochen darin knacken, das gepeinigte Hündchen schreit auf: „Aaaaah!“ Aber Lady Gina hat seine Pfoten nicht verletzt.
„Oh, Herrin, ihr seid so streng und doch so gut zu mir!“ stöhnt Professor F. „Ich will von nun an auch alles tun, was mein Frauchen von mir verlangt. Das versprech‘ ich hoch und heilig!“
Wie ein rosa Staubtuch poliert seine Zunge Lady Ginas Stiefel. „Fein machst du das, Waldi“, lobt sie ihn. „Ich mag artige Hunde wie dich. Ich mag sie sogar sehr, sehr gern. Und weil du so brav bist, darfst du jetzt auch in dein Körbchen.“
„Wau, wau, wauwauwau!“ bellt Professor F. ausgelassen. Lady Ginas spitzes, schmales Gesicht zeigt keine Gefühlsregung. Sie öffnet die Tür zu ihrem Studio; ihr räudiges Hündchen galoppiert auf allen Vieren über die Schwelle. Vor dem Fenster hängt ein dicker weinroter Samtvorhang. Die weißen Marmorfliesen auf dem Boden bilden einen Gegenpol zu den schwarz gestrichenen Wänden mit ihren goldenen Haken für siebenschwänzige schwarze Peitschen mit silbernen Nietenverzierungen an den Griffen.
Zu Lady Ginas Werkzeugen gehören unter anderem auch Lederfesseln für Hände und Füße mit den passenden Vorrichtungen für schwere Metallketten, an denen sich Professor F. mit Blicken labt. Ich weiß nicht, was sich sonst noch alles in diesem Raum befindet, liebe Leser. Alles was ich im Moment erkenne, ist ein schwarz lackiertes Hundekörbchen ohne Kissen oder Decke. Waldi springt mit Freudengebell in sein Lager und fixiert Lady Gina in aufrecht sitzender Hechel-Position. Nachdem sie die Tür hinter sich ins Schloß knallen lassen hat, streift sie ihren Kimono vom Körper. Falls Sie an dieser Stelle nackte Haut an intimen Stellen erwarten, muß ich Sie leider enttäuschen. Alles was Professor F. zu begutachten bekommt, ist ein enges schwarzes Lacklederkorsett, das Lady Ginas Brüste nach oben preßt wie die Silikonkissen einer Britney Spears. Ihre sauber geleckten Stiletto-Stiefel reichen ihr bis weit über die Knie. „Zieh‘ sofort deine häßliche grüne Jacke aus!“ hämmert ihre tiefe Stimme auf ihr Hündchen ein. „Dieses Grün ist Gift für meine Augen! Wie kannst du es eigentlich wagen, mich mit dieser geschmacklosen Farbe zu belästigen? Hast du denn gar keinen Respekt vor deiner Herrin?“
„Oh, Herrin, es tut mir ja so leid! Wenn ihr es wünscht, werde ich die Jacke gleich morgen in den Altkleidercontainer werfen.“
Von ihren Katzenaugen gejagt wie eine Maus, schlüpft Professor F. aus seinem Anorak und macht Männchen.
„Ach, du süße kleine Promenadenmischung! Du bist wirklich der allerliebste Straßenköter, den ich jemals hatte. Jetzt will ich auch mit dir Gassi gehen. Komm sofort her an meine Leine!“
Lady Gina nimmt ein ledernes Halsband samt Eisenkette von der Wand und nähert sich, die Kette schwingend, Waldis Körbchen. Ihre Absätze dröhnen klick-klack-klick-klack über die Fliesen.
„Haben Sie meine Frage nicht gehört?“ kläfft Professor F. durch die Nebelmauer meiner anwesenden Abwesenheit hindurch. „Wenn Sie schlafen wollen, sind Sie hier fehl am Platze.“
Lady Gina zieht das Halsband fest. So fest, daß mein Gelächter meine Antwort erdrosselt.
„Wenn Sie das hier alles nur komisch finden, kommen Sie doch bitte nach der Sitzung kurz zu mir“, höre ich Professor F. zu mir sprechen. Verstohlen läßt er einen Hundert-Euro-Schein in Lady Ginas Hand gleiten. „Vielen herzlichen Dank, Herrin“, verabschiedet er sich mit einem Bückling. „Bitte seid doch nächste Woche meine Professorin.“

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