Das Ritual

von Steffi Beckmann (Copyright)

Stille lag über dem kärglich eingerichteten Raum, dem einzigen in der ärmlichen Hütte. Unheimlich und bedrückend tötete sie auch den letzten Lichtschimmer, der eben noch versuchte durch die notdürftig abgedunkelten Fensteröffnungen hinein zu gelangen. Keuchend, nach Luft ringend, lag Beatrice in den schmutzigen Laken. Ihre Sinne benommen, jegliches Gefühl für das Durchlebte war ihr abhanden gekommen. Waren es Stunden die sie bereits in diesem jämmerlich anzuschauenden Zustand verbracht hatte? Tage, Wochen? Eine Erinnerung daran war ausgelöscht. Die kurzen Momente, in denen sie vom erneuten Ansteigen des Fiebers verschont blieb, reichten längst nicht mehr aus, um sich der Bedrohlichkeit ihrer Situation erwehren zu können. Das Fieber schien ihren Körper schier zu verbrennen. Ihre Lippen blutig zerbissen. Ihre Haut trocken und durchsichtig schimmernd, wie eine alte dunkel gefärbte Pergamentrolle. Aufgeplatzt die blutig verkrusteten Wunden an Armen und Beinen. Das gestern noch wundervoll gelockte pechschwarze Haar hing in wirren Strähnen an ihrem Schädel. Ihr ausgemergelter Körper war spärlich bedeckt von einem alten, schäbigen und zerschlissenen Stofffetzen. Irgendwann einmal war er aus schneeweißer und feinster Baumwolle gearbeitet worden. Man sah es ihm längst nicht mehr an, konnte es nur noch erahnen. Der ausgebrochene Schweiß ihres kleinen Körpers hinterließ landkartenähnliche Abdrücke auf dem Lager, welches Beatrice als Bett diente. Immer wieder fiel sie in eine tiefe Ohnmacht und jedes Mal dauerte es länger bevor sie aus der Finsternis erneut auftauchen konnte, für einen kurzen Moment. Wer sie so sah, mochte ihre geistige Abwesenheit fast schon als Glücksfall bezeichnen. Eine mehr als trostlose Szenerie.

Die Dunkelheit der Nacht verstärkte jedes winzig kleine Geräusch der Ebene tausendfach. Undeutlich waren die Gebirgszüge am fernen Horizont wahrnehmbar. Ein wolkenlos klarer Sternenhimmel erstrahlte in unvorstellbarer Pracht. Der Kraal war erfüllt von regem Treiben. In seinem Zentrum, ein Feuer dessen Flammen sich wie unzählige züngelnde Schlangen um die Holzscheite wanden. Flackernder Schein gab eine große Anzahl Menschen preis, die sich zu rhythmischem Trommeln singend und tanzend bewegten. Ausgelassen und mit fortschreitender Zeit immer mehr, als wären sie in Trance. Halbnackte Körper, spärlich bedeckt mit Stoffen, deren Ornamente im Feuerschein an magische Zeichen erinnerten. Teilweise wurde die Kleidung ergänzt durch verarbeitete Felle erst unlängst erlegter Tiere. Geschmückt mit kunstvoll gearbeiteten schweren Ketten und Armreifen. Bunt bemalte Masken verhüllten die menschlichen Gesichter. Die Krieger trugen lange Speere und schwere massive Schilde beim Tanz. Anschwellende Trommelklänge steigerten sich von Minute zu Minute. Plötzlich, abruptes Abbrechen. Für einen kurzen Augenblick herrschte Totenstille. Gleich darauf setzten die Frauen mit ihrem Singsang ein und gaben einen neuen Rhythmus vor. Ohne Zweifel ein Schauspiel, nicht ganz alltäglicher Art. Unweit des Feuers hatten die Frauen und Mädchen des Kraals eine große Anzahl der verschiedensten Speisen und Getränke aufgebaut. Lange unbehauene Holzstämme mit Wollfasern zusammen gebunden, zu einer prachtvollen Tafel gezimmert, dienten als Platz für eine Vielzahl schmackhafter Kost. Schalen mit Irio, einem Gericht aus gestampften Erbsen, Kartoffeln und Mais, neben Schüsseln gefüllt mit Nyama Chomo, gegrilltem Fleisch. Kuku, Hühnchen, auf hölzernen Brettern drapiert in Mitten von Sukuma Wiki, einem Gemisch aus Spinat mit Tomaten und Zwiebeln. Die Essplätze waren geschmückt mit tropischen Früchten vielfältigster Art. Würdig die Zeremonie zu einem gelungenen Fest zu machen.

Beatrice stöhnte vor Schmerz. Wimmernd krümmte sich ihr geschundener kleiner Körper. Dumpf drang der monotone Klang der Trommeln an ihr Ohr. Unsäglicher Durst plagte sie. Von allen verlassen ohne auf Hilfe hoffen zu können wälzte sie sich auf ihrem schmutzigen, blutdurchtränkten Lager fiebrig hin und her. Unermesslich groß der Schmerz, tief saß der Schock. Zu viel für das kleine, gestern noch lebenslustige und fröhliche, Mädchen. Gerade einmal 8 Jahre zählte ihr junges Leben. Die ältesten Frauen ihres Kraals, zu denen sie bisher vertrauensvoll und voller Liebe aufblickte, hatten ihre Unbeschwertheit zerstört. In einem qualvollen Moment den Jahrhunderte alten Bräuchen des Stammes folgend. Für ihre Familie ein großes Ereignis, für das Kind ein entsetzliches Trauma. Das Ritual der weiblichen Beschneidung ist weit verbreitet in der Heimat von Beatrice. Es dient dazu den Stellenwert der Mädchen und jungen Frauen erheblich zu steigern. Erst durch den Vollzug der Beschneidung werden die weiblichen Stammesnachkommen in die Gesellschaft vollständig integriert. Sie werden in diesem Moment zu heiratsfähigen Frauen, bereits ihren zukünftigen Ehemännern im Kindesalter versprochen. Nur eine heiratsfähige Frau ist in Beatrices Kultur auch eine wertvolle Frau. Unverheiratete Mädchen und junge Frauen gelten als wertlos für Familie und Gesellschaft. Auf eine unvorstellbar grausame Art und Weise wurde auch bei Beatrice die Infibulation vorgenommen. Eine der Stammesältesten entfernte der Kleinen die inneren und äußeren Schamlippen sowie die Klitoris komplett mit einer alten, verrosteten und unsterilen Klinge.

Laut schreiend vor Schmerz versuchte Beatrice diesem Martyrium zu entkommen. Vergebens, die anwesenden Frauen hielten ihre schmalen Arme und Beine schraubstockähnlich umschlungen. Man zwang sie die Qualen ergeben über sich ergehen zu lassen. So wie es Brauch war. Mit letzter Kraft bäumte sich die Kleine gegen den Willen der Anwesenden auf, bevor sie ohnmächtig zusammenbrach. Letztendlich flickte die Älteste die entstandene Wunde notdürftig.
Trockenen Akaziendornen dienten ihr zum verschließen. Lediglich eine kleine streichholzkopfgroße vaginale Öffnung verblieb um dem Kind zukünftig das Urinieren zu ermöglichen. Ebenso das später einsetzende monatliche Austreten der Menstruationsblutung. Nach Vollendung ihrer Arbeit überließen die Frauen Beatrice ihrem Schicksal. Ungewaschen, unversorgt und verstümmelt blieb die Kleine in ihrem Elend allein gelassen zurück. Während der gesamte Stamm mit der Feierlichkeitszeremonie begann.Seit dem Eingriff waren unzählige Stunden vergangen. Keiner der Bewohner des Kraals sah sich genötigt nach Beatrice zu sehen, geschweige denn ihr beizustehen in ihren Schmerzen. Stattdessen gaben sich die Krieger und Frauen der Magie des Tanzes vollkommen hin. Diese Nacht schien kein Ende zu nehmen. Nicht einmal ihre Mutter oder andere weibliche Verwandte kümmerte es, was die Kleine an Qualen auszuhalten hatte. So verlangte es der Brauch. Sich selbst und ihrem Schicksal vollkommen überlassen, kämpfte das Kind in diesen Minuten verzweifelt mit dem Tod.

Die qualmenden Reste der nächtlichen Feuer begrüßten den neuen Tag. Langsam erhob sich die Sonne zwischen den Bergmassiven in weiter Ferne. Ein atemberaubender, nahezu malerischer Anblick bot sich dem Betrachter dar. Friedlich dösten die Hunde in der Nähe der Vieherden. Der Tag erwachte zu neuem Leben. In der etwas abgelegenen Unterkunft, in der gestern noch die Beschneidung der kleinen Beatrice zelebriert wurde, war Stille eingekehrt.
Bedrohliche Stille. Atemlose Stille. Mit ihr einhergehend der Tod. Die Stammesälteste fand den leblosen, geschundenen Körper der Kleinen als Erste, nachdem sie die Hütte betreten hatte. Beatrice war an den ihr zugefügten Wunden verblutet. Einsam und von allen in ihrem Schmerz gnadenlos allein gelassen. Ein weiteres unnötiges Opfer des heute noch stark verbreiteten Beschneidungsrituals von Frauen in Afrika.

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