Die Nacht der Katzen
von Reinalde Wahnrau-Sander (Copyright)
Hans-Peter saß verkrampft hinter dem Steuerrad seines Opels. Verzweifelt versuchte er in der Dunkelheit, die nur spärlich von den Scheinwerfern seines Autos erhellt wurde, die Straße zu erkennen. Der Regen klatschte so heftig gegen die Windschutzscheibe, dass die Scheibenwischer selbst auf ihrer höchsten Geschwindigkeitsstufe es kaum schafften, die Wassermassen wegzuwischen. Trotzdem gelang es Hans-Peter, die schmale Abfahrt von der Bundesstraße zu finden, die zu dem kleinen Gasthof führte, der heute Abend noch sein Ziel war.
Es war ein schlechter Tag für Hans-Peter gewesen. In Karlsbad war es nicht zu dem gewünschten Geschäftsabschluss mit den Tschechen gekommen. Bei der jetzigen Wirtschaftslage brauchte seine Firma dieses Geschäft dringend. Aber die Tschechen hatten Bedingungen gestellt, die er absolut nicht akzeptieren konnte. So war er denn enttäuscht noch am späten Abend zurück nach Deutschland gefahren.
An der Grenze bei Oberwiesenthal hatte es angefangen zu regnen. Da hatte Hans-Peter sich entschlossen, nicht mehr bis Dresden zu fahren, sondern in dem kleinen Gasthof gleich hinter der Grenze zu übernachten. Da die Batterie seines Handys leer war, fragte Hans-Peter den einsamen Zollbeamten an der Grenzstation, ob er mal telefonieren dürfte. Es war nicht zu vermeiden, dass der Zollbeamte das Telefonat mithörte.
„Sie wollen hier in der Nähe übernachten?“, fragte er, „dann seien Sie aber vorsichtig! Heute ist die Nacht der Katzen.“
„Ja, ja“, lachte Hans-Peter laut und dachte: ‚die Leute hier im Erzgebirge sind doch schrecklich abergläubisch. Wir leben schließ-lich im 21. Jahrhundert!‘
Hans-Peter atmete auf, als er zwischen den Stämmen der Bäume, die den Weg säumten, die Lichter des Gasthofes blinken sah. Er hatte hier schon öfter Halt gemacht und kannte Frau Schus-ter, die Wirtin, gut. Sie war eine rundliche, freundliche Person von etwa fünfzig Jahren.
„Die Gute hat auf mich gewartet, obwohl es schon nach Mitter-nacht ist”, dachte Hans-Peter. Als er die Eingangshalle betrat, erhob sich hinter dem Rezeptionstresen eine junge Frau. Hans-Peter war überrascht, eine so schöne, elegante Erscheinung hier zu sehen.
„Guten Abend, ist Frau Schuster nicht da?“
„Enttäuscht?“, fragte die Schöne zurück, blitzte ihn mit ihren grünen Augen an und warf schelmisch ihr rotbraunes Haar in den Nacken.
„Nein, natürlich nicht! Ihr Anblick ist mir wesentlich lieber als der von Frau Schuster. Aber verraten Sie es der Guten nicht. – Ich möchte hier übernachten.“
„Mit Vergnügen!“ Die Schöne griff nach dem Schlüssel: „Zimmer 7, wie immer?“
„Woher wissen Sie?“
„Sie hatten sich angemeldet!“
„Ach ja, natürlich! Ist es möglich, dass ich auch noch was zu essen bekommen kann?“
„Die Küche hat zwar bereits geschlossen. Aber wenn es Ihnen reicht, mache ich Ihnen ein Brot mit Aufschnitt.“ Die Schöne ver-schwand in der Küche.
„Ein Bier hätte ich auch gerne“, rief Hans-Peter ihr nach.
Während er sein Abendbrot aß, leistete die junge Frau ihm Ge-sellschaft. Es waren sonst keine Gäste im Gastraum. Er erfuhr, dass sie Frau Schusters Nichte Barbara war und weil ihre Tante sich nicht wohl fühlte, besuchte Barbara sie und half im Gasthof aus. Hans-Peter war von der Schönheit dieser Frau und ihren anmutigen Bewegungen immer mehr beeindruckt. Hingerissen hörte er ihrer geistreichen Worten zu. Mehrmals erschien es ihm, als verengten sich ihre Pupillen zu einem schmalen Spalt. Aber das lag wohl an der Beleuchtung oder an seiner Müdigkeit. Immer wieder wanderte sein Blick von ihrem herzförmigen Gesicht auf ihre schmalen Händen mit den gepflegten, rot lackierten Fingernägeln. Es war mehr als eine Stunde vergangen, als sie sich schließlich entschlossen ins Bett zu gehen.
„Ich muss noch zuschließen“, sagte sie. Hans-Peter begab sich zur Treppe. Auf dem Sessel in der Ecke lag eine von Frau Schusters Katzen. „Na, Bayana, heute alleine? Wo ist denn deine Freundin Bajuschka?“ fragte Hans-Peter das Tier und strich ihm zärtlich über das Fell.
Hans-Peter befand sich in dem Dämmerzustand kurz vor dem Einschlafen, als sich seine Zimmertür öffnete. Barbara schlich kat-zengleich in sein Zimmer. Bayana, die Katze, folgte ihr. Im Dämmer-licht der Nachtbeleuchtung ahnte Hans-Peter mehr, als dass er sah, wie Barbara ihr seidenleichtes Nachthemd fallen ließ. Sogleich schmiegte sich ihr weicher, warmer Körper an den seinen. Augenblicklich war Hans-Peter ganz wach und erwiderte die wilden Zärtlichkeiten der jungen Frau. Sie schien sein Ungestüm zu genießen, denn sie ließ ein wohliges Schnurren hören.
Erschöpft streckte Hans-Peter sich aus. Die Schöne in seinen Armen war schon eingeschlafen, als er einen zweiten begehrlichen Frauenleib an seiner anderen Seite verspürte. Zwei gelbe Katzenau-gen funkelten ihn im Dunkeln an.
Beim Duschen am nächsten Morgen schmerzten die Kratzer auf seinem Rücken und erinnerten Hans-Peter daran, dass diese Nacht kein Traum gewesen war. Als er übernächtigt zum Frühstück erschien, begrüßte ihn Frau Schuster: „Guten Morgen, Herr Kramer, Sie sind gestern Abend doch noch gekommen? Ich habe Sie gar nicht gehört.“
„Ihre Nichte hat mich hereingelassen.“
„Meine Nichte?“
„Ja, Ihre Nichte Barbara.“
„Ach, Bajuschka!“
Frau Schuster sah zu ihren Katzen hin. Sie lagen beide zu-sammengerollt auf dem Sessel am Treppenaufgang und schliefen fest. Im Traum leckten sie genüsslich ihre Barthaare.